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Aus der Stadt Eilenriedestift wird 50 Jahre alt
Hannover Aus der Stadt

Heideviertel: Eilenriedestift wird 50 Jahre alt

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00:16 27.06.2019
„Wir lachen viel und im Café kann man schnell Bekanntschaften schließen“: Norman und Dagmar van Scherpenberg wohnen seit gut einem Jahr im Eilenriedestift. Quelle: Hans-Peter Wiechers
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Hannover

Es soll Zeitgenossen geben, die dort bleiben, wo sie die Welt erblickten, ihre Schultüte leerten und die Liebe ihres Lebens kennen lernten. Norman van Scherpenberg gehört nicht dazu. 13- mal ist der ehemalige Finanz-Staatssekretär und Treuhand-Direktor in den zurückliegenden 80 Jahren umgezogen. Der Beruf brachte es mit sich. Erst der des Vaters, dann sein eigener. Der jüngste Umzug wird wohl sein letzter gewesen sein. War es der schwierigste? „Warum?“, fragt der 80-Jährige verwundert und lächelt verschmitzt. Auch Ehefrau Dagmar schüttelt den Kopf. Was für eine abwegige Frage! Der Blick wandert durch das gemütliche Wohnzimmer, zum großen Balkonfenster und schließlich zurück zum Sofa, wo das Paar Platz genommen hat und nun recht glücklich in die Kamera schaut – unter 13 gerahmten Stichen und Stadtansichten, die an der Wand an 13 Stationen eines erfüllten Lebens erinnern.

Ungewöhnliche Gründerrunde

Seit gut einem Jahr wohnen die Scherpenbergs in einer der bekanntesten Seniorenresidenzen Hannovers. Vor exakt 50 Jahren wurde das Eilenriedestift im Heideviertel eröffnet. Die Gründerrunde war ungewöhnlich. Dort saßen nicht, wie üblich, Vertreter der Kirchen, der Wohlfahrtsverbände oder eines privaten Pflegeunternehmens, sondern, wie es so schön heißt, „Persönlichkeiten der Stadt, der örtlichen Wirtschaft und der Medizin“. Unter der Nummer 3588 hatten sie einen Verein ins Vereinsregister eintragen lassen, der plante, die Altenhilfe zu fördern und ein Wohnstift zu führen, das auf Selbsthilfe setzt. Die Ankündigung erinnerte ein wenig an den frischen Wind der 68er Bewegung. Allerdings ging es den Initiatoren unter Vorsitz des damaligen Stadtdirektors Martin Neuffer keineswegs um eine Kommune für Alte, sondern um eine Gemeinschaft, in der ältere Menschen durch ein reges kulturelles und geselliges Angebot ermuntert werden, aktiv zu bleiben. Im November 1969 war das Haus mit 487 Appartements bezugsfertig, zu Mietpreisen, die viele Senioren finanziell überforderte. „Klunkerburg“ spottete so mancher Hannoveraner.

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Hauseigenes Kulturprogramm für die Bewohner

Doch die Idee von einst hat sich bis heute bewährt. Vor allem das hauseigene Kulturprogramm ist beliebt. Das Ehepaar Scherpenberg kommt ins Schwärmen, wenn es an Auftritte der Jungen Philharmoniker denkt oder an die Vorträge, die regelmäßig im Haus stattfinden. Gut, man habe sich mit dem Drei-Zimmer-Appartement deutlich verkleinert, räumt Dagmar van Scherpenberg ein. „Aber mehr brauchen wir nicht.“ Jeder hat seinen eigenen Arbeitsplatz mit Computer; es gibt eine gemütliche Fernsehecke und in einem Zimmer steht sogar eine Liege für die Enkel, die über Nacht bleiben wollen. Das Wichtigste: Man kann sich jederzeit, egal wo man ist, etwas zurufen und wird gehört. Einzig die Trennung von einem Großteil ihrer Bibliothek schmerzt sie. Der Platz im neuen Zuhause reichte nur für etwa 800 von 4000 Büchern.

„Wir lachen viel“

Aber die Vorzüge überwiegen: mehr Nachbarn als zuvor; ein Restaurant eine Etage tiefer, in dem man jeden Tag zwischen drei Gerichten wählen kann; ein Haustechniker, der vorbeischaut, wenn man ihn braucht; ein großzügiger Garten, ein Schwimmbad, das von der benachbarten Schule mitgenutzt wird, ein Fitnessraum, in dem auch Kita-Kinder turnen, und ein Andachtsraum, in dem Gottesdienste und kleine Veranstaltungen stattfinden. Im benachbarten Hotel, ein Tochterunternehmen wie das Restaurant, können Verwandte übernachten, die von fern anreisen. „An manchen Tagen fühlt es sich an wie Urlaub“, sagt Dagmar van Scherpenberg. „Wir lachen viel und im Café kann man schnell Bekanntschaften schließen. Wenn man will.“

90 Mitarbeiter aus 24 Nationen

Und die Pflege? In 50 Jahren hat sich viel verändert. In den Siebzigerjahren erprobten Ärzte der Medizinischen Hochschule im Haus Präventionskonzepte, eine Art Gymnastik gegen das Älterwerden. 1981 wurde eine Pflegestation mit 38 Betten im Stift gegründet. 2007 wurde sie wieder geschlossen, um im Nachbarhaus stattdessen sieben Wohngruppen für 64 Demenzkranke einzurichten. Seit 2009 gibt es auf dem Stiftsgelände eine Tagespflegeeinrichtung. Zum hauseigenen Pflegeteam gehören 90 Mitarbeiterinnen aus 24 Nationen. Fast die Hälfte der Bewohner braucht Pflege. Die neue Organisation kommt ihren Wünschen entgegen – jeder will in den eigenen vier Wänden gepflegt werden und nicht auf einer Bettenstation sterben.

Höheres Preissegment

Karin Freiberg wohnt seit 25 Jahren im Eilenriedestift. Quelle: hpw

Auch Karin Freiberg musste sich vor drei Jahren von ihrem Mann verabschieden. Er starb mit 100 Jahren in seinem Appartement. „Dieser Ort war uns wichtig“, erzählt die 90-Jährige, die seit einem Vierteljahrhundert im Eilenriedestift wohnt, in dem bereits ihre Mutter vor ihrem Tod lebte und glücklich war. Das angenehme Leben hat seinen Preis. Freiberg zahlt monatlich 2600 Euro für ihre 42-Quadratmeter-Wohnung, inklusive Reinigung, Mittagsmenü, Notrufbereitschaft, Pflegepauschale und Busshuttle bis zur nächsten Stadtbahn-Haltestelle.

Wer einziehen will, braucht Geduld

Eilenriedestiftsdirektorin Susanne Hartsuiker. Quelle: hpw

Stiftsdirektorin Susanne Hartsuiker betont zwar, dass auch Otto Normalverbraucher zu den Bewohnern zählt. Doch sie ist stolz darauf, dass so viele Professoren, Künstler, Richter und Staatsanwälte im Haus leben. Sie alle garantieren mit ihren Kontakten, dass das Kulturprogramm nie langweilig wird. Sollte irgendwann einmal das Vermögen eines Mieters weggeschmolzen sein, was durchaus vorkommt – dann, so versichert die Direktorin, hilft ein gedeckelter Kostenbeitrag in den betreuten Wohnformen. „Niemand muss ausziehen.“ Wer dagegen einziehen will, landet erst einmal auf einer Warteliste. Trotz eines Überangebots an Seniorenresidenzen und Pflegeheimen in Hannover klagt das Eilenriedestift nicht über Leerstände. Allerdings hat man im Laufe der Jahre durch Zusammenlegung kleiner Wohnungen die Appartementzahl reduziert. Seit 2011 werden zudem 15 Ein-Zimmer-Wohnungen an Studenten für monatlich 220 Euro vermietet. Im Gegenzug wird von den jungen Leuten ein wenig Unterstützung der älteren Nachbarn erwartet.

Das Ehepaar Scherpenberg hatte übrigens Glück. Es musste nicht lange auf eine Wohnung warten. Diskussionen gab es auch nicht. Ist die neue Adresse eine Endstation? „Iwo, es ist wieder einmal ein Neuanfang!“

Von Gabi Stief

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