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Aus der Stadt Mieter wehren sich gegen Kündigung wegen Modernisierung
Hannover Aus der Stadt

Heimkehr-Mieter nehmen Kündigung wegen Modernisierung in Hannover-Waldheim nicht hin

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10:17 05.11.2019
Mieter der Heimkehr in Waldheim protestieren gegen den geplanten Abriss ihrer Wohnhäuser zwischen Senator-Eggers-Weg, Roßkampstraße und Am Schafbrinke. Quelle: Conrad von Meding
Hannover

Im Süden Hannovers begehrt ein Dutzend Mieter gegen seinen Vermieter auf. Die Wohnungen, in denen sie teils seit Jahrzehnten leben, sollen abgerissen werden und Neubauten weichen. Danach werden sich die Quadratmeter-Kaltmieten von 6 auf gut 11 Euro fast verdoppeln. Ob das Projekt legal ist, muss das Amtsgericht in mehreren Einzelprozessen prüfen. Am Montag startete das erste Verfahren – und der Ausgang ist tatsächlich offen.

Heimkehr will 55 neue Wohnungen in Waldheim schaffen

Dass ausgerechnet eine Genossenschaft mit ihnen so verfährt, das bringt die Waldheimer Mieter besonders auf die Palme. Ihr Vermieter, die hannoversche Heimkehr, will in dem Siebzigerjahre-Quartier an der Straße Am Schafbrinke 36 Wohnungen abreißen und dafür 55 neu bauen.

Analysen hätten ergeben, dass Abriss und Neubau die wirtschaftlichste Variante sei. „Nur durch den Neubau können wir die Wohnfläche nahezu verdoppeln“, sagt Heimkehr-Prokurist Markus Lieber – und Hannover brauche dringend Wohnraum. Den Vorwurf, der Genossenschaft gehe es um Gewinnmaximierung, weist er zurück. „Es werden faire Mieten“, sagt Lieber: „Wir bleiben unter Marktniveau.“

So sollen die Neubauten aussehen:

„Nur durch den Neubau können wir die Wohnfläche nahezu verdoppeln“: Die geplanten neuen Heimkehr-Wohnungen zwischen Senator-Eggers-Weg, Roßkampstraße und Am Schafbrinke in Hannover-Waldheim in einer Computer-Visualisierung. Quelle: Heimkehr

„Meine Frau ist in dieser Wohnung gestorben“

Dieter Schmitt ist einer der Mieter, der nicht freiwillig auszieht. Der 81-Jährige wohnt seit 1993 in dem Gebäude. „Ich bin hier emotional gebunden, vor zwei Jahren ist meine Frau in der Wohnung gestorben“, sagt er zu Amtsrichterin Katrin Röhr. Auf dem freien Markt habe er keine Chance, eine Ersatzwohnung zu finden. „Ein 81-Jähriger mit Hund, damit falle ich aus jeder Hitparade, was Wohnungssuche betrifft“.

Heimkehr hat 4800 Wohnungen

Das will Vermieteranwalt Helge Schulz so nicht stehen lassen: „Bei einer Genossenschaft wie der Heimkehr fallen Sie aus keiner Hitparade.“ Man habe mehrere Angebote unterbreitet. „Ja“, sagt Schmitt, „hinter der Conti in Hainholz“ – das ist tatsächlich auf der anderen Seite der Stadt. „Auch in Döhren und Mittelfeld“, entgegnet Anwalt Schulz, und dass „eine Menge Wohnungsangebote“ gemacht worden seien.

Schmitt aber will wieder eine Wohnung in Eilenriedenähe wegen des Hundes, im Hochparterre wegen Stolperangst, und drei Zimmer mit Balkon sollten es auch sein. Die Heimkehr habe 4800 Wohnungen, sagt Mieteranwalt Michael Lauterbach, da müsse sich doch etwas finden lassen.

Rechtslage gibt Mietern eine Chance

Die Rechtslage ist tatsächlich gar nicht aussichtslos für die Mieter. Grundsätzlich dürfen Eigentümer zwar entscheiden, was sie mit ihrer Immobilie machen. Wer Mietern wegen Modernisierung kündige, muss nachweisen, dass es einen „erheblichen Nachteil für den Vermieter durch den Fortbestand“ gebe, sagt Richterin Röhr. Eine Berechnung wolle die Heimkehr nachreichen, sagt Anwalt Schulz. 20 Millionen Euro soll das Projekt kosten, mit Tiefgarage und Aufzügen zu den Wohnungen.

„Häuser sind gut in Schuss“

„Die Häuser sind gut in Schuss, hier muss nichts neu gebaut werden“, sagt Elke Rühmkorf. Mit ihrem Mann Erich wohnt sie seit 31 Jahren in dem Quartier, ihre alleinerziehende Tochter ist vor 18 Jahren in eine Nachbarwohnung in Blickweite eingezogen. Johanna Mühler ist mit 43 Mietjahren die langjährigste Bewohnerin. Das Ehepaar Fiebrantz zieht dort seine betreuungsintensive Tochter groß, „für uns wäre der Umzug eine soziale Härte“, sagt Martin Fiebrantz. Alle haben der Kündigung widersprochen.

Zuvor hatten die Mieter sich immer sicher gefühlt: Ihr Vermieter war anfangs die Volkswagenstiftung. Die verkaufte die Wohnungen um 2013 an einen dänischen Pensionsfonds, „um das Schloss Herrenhausen zu finanzieren“, wie eine Mieterin spottet. Als der Fonds die Wohnungen 2015 an die Heimkehr verkaufte, haben die meisten Mieter sogar Genossenschaftsanteile gekauft – und fühlen sich jetzt verraten.

Heimkehr hofft auf Einigung

Heimkehr-Prokurist Lieber will weiter nach Ersatzwohnungen suchen. „Wir hoffen, dass eine Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft bald da sein wird, und arbeiten weiter an einer gütlichen Einigung.“ Einen Monat lang ist noch Zeit: Am 5. Dezember will Richterin Röhr ihr Urteil verkünden.

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Von Conrad von Meding

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