Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Entsetzen nach Anschlag auf jüdisches Ehepaar
Hannover Aus der Stadt

Hemmingen: Entsetzen nach Anschlag auf jüdisches Ehepaar

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 23.05.2019
„Wenn sich Juden in ihren Wohnhäusern nicht mehr sicher fühlen können, ist das in besonderem Maße erschreckend“: Nicht nur der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierte am Montag mit Erschrecken auf die Geschehnisse in Hemmingen. Quelle: Foto: privat
Hannover.

Vertreter aus Politik, Religion und Gesellschaft haben entsetzt auf den Anschlag auf das Haus eines jüdischen Ehepaars in Hemmingen reagiert. In der Nacht zu Sonnabend hatten Attentäter die Fußmatte vor der Wohnungstür im Stadtteil Westerfeld in Brand gesetzt. Die Tür wurde beschädigt, am Eingangsbereich entdeckte die Ehefrau am frühen Sonnabendmorgen zudem das in roter Farbe aufgesprühte Wort „Jude“. Eine solche Schmiererei befand sich auch an einer Gartenpforte in der Nähe des Hauses. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen schwerer Brandstiftung.

Im Wohnhaus nicht mehr sicher

Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht in dem Anschlag eine neue Form des Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland. Damit sei „im negativen Sinne eine neue Qualität erreicht“, teilte Zentralratspräsident Josef Schuster am Montag in Berlin mit. „Wenn sich Juden in ihren Wohnhäusern nicht mehr sicher fühlen können, ist das in besonderem Maße erschreckend. Feuer und die Wandschmiererei rufen schreckliche Erinnerungen wach. Wir sind sehr froh, dass niemand verletzt wurde.“

Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft teilt die Sorge. „Das hat eine neue Qualität“, sagte Kay Schweigmann-Greve der HAZ. „Es geht hier nicht um profilierte jüdische Repräsentanten, die mit Namen und Foto in den Medien erscheinen, sondern um einfache Gemeindemitglieder. Wenn schon so jemand angegriffen wird, muss sich im Grunde jeder Jude bedroht fühlen. Das hat es so in der Bundesrepublik noch nicht gegeben.“

So sieht es auch Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Niedersachsen. „Das ist eine Nummer größer als wir es sonst kennen, gerade in Niedersachsen.“ Die Schmierereien seien ärgerlich, „aber wenn etwas angezündet wird, darf man das nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Der Anschlag komme „nun sehr unvermittelt und scheinbar bedrohlich“, sagte Fürst der HAZ. Möglicherweise wolle hier jemand jemandem oder einer Gruppe Angst einjagen – „das wird man aber nicht erreichen“, schiebt der Vorsitzende hinterher. „Ich bin nicht in tiefer Sorge, aber in Sorge.“

„Hass, der offen zutage tritt“

Auch der evangelische Landesbischof Ralf Meister zeigte sich am Montag „erschüttert über den Hass, der in diesem Brandanschlag offen zutage tritt.“ Man sei „in Gedanken und im Gebet bei dem jüdischen Ehepaar, das die Attacke erleben musste“. Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann fühlt sich durch den Angriff „an die dunkelste Zeit unserer Geschichte“ erinnert. „Ich verurteile diese Tat zutiefst und nehme dieses Geschehen sehr ernst“, sagte er. „Wir dürfen gemeinsam nicht zulassen, dass diese Grenze überschritten wird.“

Die Staatsschutzabteilung der Polizei hat am Wochenende rund 60 Anwohner zu dem Anschlag auf das Haus befragt. Zeugen werden gebeten, sich unter der Telefonnummer (05 11) 109 55 55 zu melden.

Ähnlich äußerten sich Politiker in Stadt und Region. Regionspräsident Hauke Jagau (SPD) sagte, die Nachricht vom Anschlag habe ihn „schockiert“. Taten wie diese seien „ein Angriff auf unsere demokratischen Werte“ und dürften keinen Raum bekommen. Der SPD-Politiker versicherte: „Wir werden alles dafür tun, den aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland zu bekämpfen.“

Hannovers SPD-Chef Alptekin Kirci wertete den Anschlag als „Angriff auf uns alle“. Antisemitismus dürfe keinen Platz in der Gesellschaft haben.

Der CDU-Vorsitzende Maximilian Oppelt zeigte sich in einer Mitteilung „geschockt“ von dem „widerwärtigen Brandanschlag“. Alle Demokraten seien aufgerufen, frühzeitig einzuschreiten und die Stimme zu erheben. Im Namen der Grünen meldete sich der hannoversche Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler zu Wort: „Ich erwarte, dass dieser antisemitische Anschlag in Hemmingen konsequent strafrechtlich verfolgt und aufgeklärt wird. Deutschland hat eine besondere historische Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus.“

Der Hannoversche AfD-Vorsitzende Jörn König bezeichnete die Tat als „entsetzlich“. „Täter fassen, Rechtsstaat anwenden“, forderte König. „Die gehören ins Gefängnis. So etwas brauchen wir nicht.“

Auch Landespolitiker reagierten erschüttert. Die Grünen-Landtagsfraktionschefin Anja Piel nannte den Anschlag abscheulich. Allein in Niedersachsen habe es im vergangenen Jahr 99 antisemitische Straftaten gegeben. Das seien drei pro Woche. „Die Straftäter in Hemmingen müssen schnell gefunden und bestraft, dem betroffenen Ehepaar muss Schutz zugesichert werden.“

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Dirk Toepffer nannte den Anschlag „feige“.

„Unsere Solidarität gilt dem betroffenen Ehepaar ebenso wie allen Menschen jüdischen Glaubens, die diesen Vorfall auch als Angriff auf ihre Lebensweise begreifen müssen“, teilte der SPD-Landtagsabgeordnete Deniz Kurku mit. Es erscheine „vor dem Hintergrund des deutschen Naziterrors und der systematischen Ermordung von Millionen von jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in ganz Europa unbegreiflich, dass sich ein solcher Vorfall in unserem Land in der heutigen Zeit ereignen kann“.

Plakat der Partei „Die Rechte“ empört die CDU

Hannovers CDU-Chef Oppelt sieht auch einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag und einem israelfeindlichen Plakat zur Europawahl, dass die rechtsextreme Partei „Die Rechte“ in Hannover aufgehängt hat. „Zionismus stoppen: Israel ist unser Unglück! Schluss damit!“, steht darauf – nach Einschätzung der Deutsch-Israelischen Gemeinschaft ist das ein abgewandeltes Nazi-Zitat. Sie hat bereits am 10. Mai ebenso wie die Liberale Jüdische Gemeinde Strafanzeige wegen Volksverhetzung erstattet. Eine weitere Anzeige gegen das Plakat haben die Jüdische Gemeinde und der Verein Begegnung – Christen und Juden in Niedersachsen am Montag erstattet. Der Landesverband der Partei „Die Rechte“ reagierte am Montag nicht auf eine Anfrage der HAZ.

Stadt verweist auf Staatsanwaltschaft

Hannovers CDU-Chef Oppelt forderte die Stadtverwaltung am Montag auf, „alle rechtlichen Möglichkeiten zu prüfen und zu nutzen, um diese Plakate zu verbieten und zu entfernen“. Eine Sprecherin der Stadt verwies auf die Staatsanwaltschaft Hannover – die ist weiterhin damit beschäftigt, das Plakat auf seine strafrechtliche Relevanz zu prüfen. Das werde voraussichtlich noch bis Ende der Woche dauern, sagte am Montag Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. „Es tut uns leid, dass wir so lange brauchen“, sagte Klinge, „aber das muss man sehr genau prüfen.“

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft beklagt das Fehlen einer schnellen und offenen Reaktion von Stadt und Staatsanwaltschaft und sieht ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Wahlplakat und Anschlag. „Ein gesellschaftliches Klima, in dem solch ein antisemitisches Plakat nicht umgehend geahndet wird, macht die Täter mutiger, weil sie eine schweigende Mehrheit hinter sich glauben“, sagte der Vorsitzende Schweigmann-Greve der HAZ.

Lesen Sie auch:

Alltag einer Jüdin in Hannover

Anschlag auf Haus eines jüdischen Ehepaares: Staatsschutz ermittelt

Zahl der antisemitischen Straftaten gesunken

Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist im vergangenen Jahr in Niedersachsen laut Innenministerium von 128 auf 99 gesunken. Bundesweit hatten die Taten dagegen im Vergleich zum Vorjahr um 9,4 Prozent zugenommen. 2018 wurden bundesweit 1644 antisemitische Straftaten erfasst. In Deutschland leben nach Schätzungen etwa 250.000 jüdischstämmige Menschen. Dazu zählen diejenigen, die sich zur Religion bekennen und sie praktizieren, aber auch solche, die sich nicht als jüdisch bezeichnen, jedoch jüdische Vorfahren haben.

Von Karl Doeleke

Rund 150 Gäste kommen zum Frühjahrsempfang im Bemeroder Stadtteilzentrum Krokus. Die Auszeichnungen für ehrenamtlichen Einsatz gingen an Trainer des TSV Bemerode Martin Becker.

24.05.2019

Der hannoversche Europakandidat der SPD, Bernd Lange, spricht mit der HAZ über Jugendliche und Europapolitik, Populismus, Handel – und Oldtimer.

23.05.2019

Die hannoversche Europakandidatin der Grünen, Katrin Langensiepen, spricht mit der HAZ über Klimapolitik, Europa als Sozialunion und Vorurteile gegenüber Behinderten.

23.05.2019