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Aus der Stadt Amateurfilm zeigt Hannover nach Bombenangriff
Hannover Aus der Stadt Amateurfilm zeigt Hannover nach Bombenangriff
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16:57 25.07.2018
Das Café Kröpcke wurde beim Bombenangriff im Juli 1943 völlig zerstört. Quelle: Historisches Museum
Hannover

 An einem schönen Sommertag im späten Juli 1943 schlendern Passanten durch die Stadt, als wäre nichts passiert. Sie gehen an Häusern vorbei, die seit Jahrzehnten zum vertrauten Stadtbild gehören. Doch jetzt stehen von einigen Gebäuden nur noch Fassaden aus Stein, einige Häuser sind komplett in sich zusammen gestürzt. Was einmal Material für Mauern und Fenstern war, türmt sich zu Schutthaufen am Straßenrand. Frauen schieben ihre Fahrräder an Trümmern vorbei, Männer ziehen plaudernd vor Ruinen entlang, ein Junge betrachtet ein verbranntes Auto. Ein paar Tage zuvor, am 26. Juli, hatte Hannover seinen ersten großen Bombenangriff erlebt. Tod und Zerstörung gehörten nun zum Alltag. Die Menschen, so scheint es, haben sich schnell daran gewöhnt.

Diese Szenen spielen sich an der Ecke Leinstraße und Knappenort (heute Theodor-Lessing-Platz) ab. Gedreht hat sie der hannoversche Kunstmaler und Grafiker Otto Gefers mit einer 8-Millimeter-Schmalfilmkamera. Einige Tage nach dem Luftangriff ging er durch die Stadt und dokumentierte in Schwarz-Weiß-Bildern und ohne Ton, welche Schäden 92 Flugzeuge der US-Luftwaffe mit 288 Sprengbomben, 32 Flüssigkeitsbrandbomben und 25.000 Stabbrandbomben anrichteten. Gefers filmte stets nur kurze Sequenzen, denn die örtliche Führung der Nationalsozialisten untersagte unter Androhung schwerer Strafen Aufnahmen von Luftschäden. Sich länger an einem Ort aufzuhalten, hätte den Mann mit der Kamera in große Gefahr bringen können.

Die Marktkirche Tage nach dem Angriff. Quelle: Historisches Museum

Doch Gefers widersetzte sich dem Bilderverbot, und so entstand ein einzigartiges Dokument hannoverscher Stadtgeschichte. Er hielt das vollständig zerstörte Café Kröpcke fest, von dem nur einige Säulen den Angriff überstanden. Als Gefers etwas nach oben schwenkte, erfasste er die Ruine des Opernhauses. Sein Weg durch die Trümmer führte ihn weiter zum Alten Rathaus und zur beschädigten Marktkirche mit ihrer abgebrochener Spitze. Otto Gefers filmte den Beginenturm mit Zeughaus und das Haus von Foto Nolte am Holzmarkt, unbeschädigt. Den einen traf es, den anderen nicht. Gefers zeigt knapp drei Minuten lang Zerstörung und das Glück, davon gekommen zu sein.

Dieses Filmdokument erreichte erst vor Kurzem das Historische Museum. Eine Bekannte der Familie Gefers gab am Empfangstresen eine Schachtel ab und darin fand sich jener 8-Millimeter-Spule, den der Künstler in diesen Tagen vor 75 Jahren drehte. Eine Notiz wies daraufhin, was zu sehen sein würde, „Tagesangriff Hannover 1943“. Andreas Fahl, stellvertretender Museumsleiter, sagte am Mittwoch bei der Vorstellung zur Bedeutung des Geschenks: „So etwas hat es in dieser Form noch nicht gegeben.“ Er vermutet, dass Gefers wenige Tage nach dem Angriff unterwegs gewesen sein muss, nachdem Brandwachen Feuer gelöscht hatten und Straßen bereits von Trümmern geräumt waren.

Der Angriff begann am 26. Juli um 11.48 Uhr. Kaum begannen die Sirenen zu heulen, fielen die ersten Bomben. In der Hainhölzerstraße 40 schafften es die Bewohner nicht mehr, rechtzeitig zum nächsten Bunker zu laufen. Normalerweise keine 300 Meter entfernt, doch jetzt schien es sicherer, schnell die Treppen hinunter in den Keller zu flüchten. Auch Elke Bartosch, damals dreieinhalb Jahre alt, rannte mit Mutter und Oma hinab. Im Keller war wie immer alles vorbereitet. Man saß auf Bänken, eine große Tonne voll Wasser stand unter dem zugenagelten Fenster, ein Schrank war mit Vorräten gefüllt. Vielleicht müsste man längere Zeit hier ausharren. Sieben Menschen saßen dort unten im trüben Licht einer Glühbirne und hofften, dass alles gut gehen würde, wie noch jedesmal bei Luftalarm.

Elke Bartosch wurde als kleines Kind verschüttet. Quelle: Herbert Nowak

Es kam anders. „Unser Haus wurde gleich am Anfang getroffen“, erinnert sich Elke Bartosch. Die Bombe schlug durchs Dach und explodierte in einer oberen Etage. Tonnenweise stürzten Schutt und Steine bis in den Keller und stauten sich vor der Kellertür. Sie waren eingeschlossen und verloren, wenn von draußen keine Rettung kommen würde. Das Licht fiel aus, Staub drang durch alle Ritzen. „Es war wie ganz dichter Nebel. Jemand machte eine Taschenlampe an, aber das hat kaum etwas genützt. Ich konnte nicht atmen, ich konnte nicht schreien, ich dachte, ich muss ersticken.“ Elkes Mutter war wie versteinert und konnte ihrer kleinen Tochter nicht helfen. Die Oma behielt die Nerven. Sie verteilte feuchte Tücher an alle, eines legte sie ihrer Enkelin auf das Gesicht. Draußen fielen die Bomben, im finsteren Keller hörten die Verschütteten, wie es im Haus weiter polterte und knirschte, doch die Kellerdecke dicht über ihren Köpfen hielt stand. Zwölf Stunden hofften sie auf Rettung. Sie schlugen auf Zinkeimer, damit sie draußen jemand hörte. Dann kamen Retter und schlugen eine winzige Flucht nach draußen.

Die Straße lag in Trümmern. Elke Bartosch sah ein helles rötliches Flackern. „Es war der Feuerschein, Hannover brannte“. Und es roch nach Ruß und Rauch und noch etwas anderem, sie wusste nicht, was es war. Jahre später hat sie es erfahren. Es war Leichengeruch, auch von Kindern, von Freunden, mit denen sie gespielt hatte. Tage später erlitt die ausgebombte Familie einen zweiten Schock. Ein Bote überbrachte die Nachricht, dass der Vater, Ehemann und Sohn in Russland ums Leben gekommen war. Er starb am Tag vor dem Bombenangriff. „Meine Oma hat aufgeschrien und ist zusammen gebrochen.“

Die Zivilbevölkerung wurde zum Ziel für Luftangriffe, sagt Historiker Andreas Fahl. Die Deutschen hatten für diese Zermürbungstaktik selbst das Vorbild geliefert. Ende September 1939 warfen sie Bomben auf Warschau, 1940 wurde das englische Coventry großflächig zerstört. Jetzt erreichten Langstreckenbomber der Alliierten Deutschland. Am schwersten trafen die Angriffe Hamburg, dort starben vom 25. Juli bis 1. August bei der „Operation Gomorrha“ mindestens 34.000 Menschen.

Hannover hatte vergleichsweise Glück. 273 Menschen kamen an diesem Julitag ums Leben, 422 wurden schwer verletzt, 4000 verloren ihr zu Hause. Der Angriff galt den Continental-Werken in Vahrenwald und Stöcken. Getroffen wurden auch Wohnhäuser, weil unerfahrene Besatzungen ihre Fracht am Himmel Sekunden zu früh ausklinkten. Zum ersten Mal wurden auch Teile der Innenstadt getroffen und zum Teil zerstört. Leineschloss, Café Kröpcke, Altes Palais, Markthalle, Oper.

Quelle: privat. Christoph Dreyer, beim Bombenangriff sieben Jahre alt.

Und die Marktkirche. Dort war der Vater von Christoph Dreyer Pastor. Die Familie wohnte in unmittelbarer Nähe. Als die Sirenen losheulten, holte das Kindermädchen rasch das neun Monate alte schlafende Neugeborene vom Dachboden. Man flüchtete in den Keller. Sie waren kaum unten angelangt, da schlug eine Bombe ein. „Es hörte sich an, als würde ein Panzerschrank die Steintreppe herunterpoltern“, erzählt Dreyer. Er war damals sieben Jahre alt. Pastor Dreyer setzte seinen Schutzhelm auf und ging raus. Feuer rundherum, die Spitze der Marktkirche war direkt vor die Wohnung der Familie gefallen. Als er wieder herunter kam, fragte Christoph seinen Vater: „Brennt es?“ Der antwortete lakonisch: „Ziemlich.“

Otto Gefers (gestorben 1965 in Isernhagen) hat Bilder von diesem Krieg nicht nur gefilmt. Er nutzte das Material für seine Zeichnungen, von denen zwei im Bestand des Historischen Museums sind. Hannover wurde nach diesem Juli 1943 immer wieder Ziel alliierter Bomber. Der verheerendste Angriff fand in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 statt, der Feuersturm zerstörte eine Fläche von zehn Quadratkilometern. Historiker Andreas Fahl blickte am Mittwoch noch einmal auf die bewegten Bilder von Gefers und die Reaktion der Menschen. „Mit gewissem Interesse, aber emotional scheinbar völlig unberührt. Die Strategie, die Zivilbevölkerung durch Bombenangriffe zu demoralisieren, funktionierte nicht. Das zeigt sehr deutlich der Film von Otto Gefers.“

Eine Zeichnung von Otto Gefers, entstanden nach der Bombennacht. Quelle: Historisches Museum
Katharina Walter und Andreas Fahl stellten den Film vor. Quelle: Michael Wallmüller

Das Historische Museum zeigt den drei Minuten langen Amateurfilm von Otto Gefers jeden Tag vom 26. bis 29. Juli, jeweils um 17 Uhr im Foyer des Hauses. Eine Einführung gibt zuvor Eva Heesen. Der Eintritt ist frei.

Von Gunnar Menkens

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