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Aus der Stadt Herr Brönner, was ist noch neu am Jazz?
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Interview: Herr Brönner, was ist noch neu am Jazz?

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20:00 09.10.2019
„Ich kenne meine Schwächen und weiß, was mich früher auf der Bühne zu Fall gebracht hat“: Till Brönner beim Interview im Theater am Aegi. Quelle: Moritz Frankenberg

Herr Brönner, wie wird man noch mal der einzige erfolgreiche deutsche Jazzmusiker?

Das bin ich ja nicht. Aber wenn man über Bekanntheit spricht, spielt es schon eine Rolle, dass ich über die Grenzen des Jazz hinaus auch in anderen Revieren stöbere. Dabei gibt es eben eine große Schnittmenge zwischen dem, was mir Spaß macht, und dem, was auch anderen Menschen Spaß macht. Puristen haben damit vielleicht Probleme. Das sind aber auch die Leute, die Erfolg immer gleich mit Verrat an der Sache gleichsetzen. Für mich hat langfristiger Erfolg aber im Gegenteil mit Wahrhaftigkeit zu tun.

Sind Sie denn wirklich eine so umstrittene Figur in der Jazzszene?

Die Diskussion gibt es durchaus. Sie ist allerdings schon stärker gewesen als jetzt. Vielleicht ist das einfach eine Frage der Zeit. Es gibt genug Gelegenheiten, bei denen ich mit denen, die angeblich Probleme mit mir haben, gemeinsam auf der Bühne stehe. Ich glaube aber, es gibt kaum erfolgreiche Menschen, die unumstritten sind. Sie sind ja gerade deshalb erfolgreich, weil sie aus der Reihe tanzen. Und wer aus der Reihe tanzt, erzeugt Reibung.

Wenn man das Plakat für Ihr Weihnachtskonzert betrachtet, das Sie im November nach Hannover führt, denkt man nicht zuerst an Reibung. Was erwartet die Hörer da?

Wenn ich inkleiner, jazziger Besetzung spiele, heißt es immer: Schön, dass du auf den Weg zurückgefunden hast. Aber mich gibt es ja immer in unterschiedlichen Konstellationen. Mit einem Weihnachtsprogramm auf Tour zu gehen, mutet vordergründig an. Das ist etwas, was eine Menge Leute erreicht und erreichen soll. Aber das ist ja gerade die Herausforderung. Für mich bedeutet Weihnachten mehr als nur Weihnachtslieder. Es geht um die Diskussion, was Weihnachten heute sein kann. Wie gut geht es uns eigentlich in Deutschland? Ich habe das Gefühl, die Stimmung ist auf bemerkenswerte Weise schlecht. Und für viele Menschen ist Weihnachten die schlimmste Zeit des Jahres.

Es gibt also weder „Jingle Bells“ noch das „Weihnachtsoratorium“?

Nein, wir werden eine etwas andere Weihnachtsfeier präsentieren. Aber mir ist natürlich klar, dass Trompete ein echtes Weihnachtsinstrument ist. Meine Kollegen damals im Studium waren zu der Zeit am geschäftigsten unterwegs, weil die so viel zu spielen hatten. Das habe ich aber nie gemacht, mich hat nichts anderes als Jazz interessiert. Ich habe zwar von damals eine Piccolo-Trompete, wie man sie bei Bach braucht, das ist aber ein ganz eigenes Instrument mit eigenen Tücken. Ich lasse lieber die Finger davon.

Trompete zu spielen ist immer eine körperliche Angelegenheit. Merken Sie, dass es mit den Jahren schwieriger wird?

Ich habe eher das Gefühl, technisch inzwischen besser zu sein als früher. Das liegt daran, dass ich vor vielen Jahren eine große Krise hatte, nach der ich eine Art Fitnessprogramm für Trompete entwickelt habe. Ich kenne meine Schwächen und weiß, was mich früher auf der Bühne zu Fall gebracht hat. Das ist eine Form der Ökonomie. Man muss die Kräfte an der richtigen Stelle einsetzen, sonst ist nach einer Stunde Schluss. Und der Höher-schneller-lauter-Typ war ich ohnehin nie.

In den USA spielen Sie als einer der wenigen europäischen Musiker mit Jazzgrößen wie Pat Metheny. Was ist das für ein Gefühl?

Bei bestimmten Musikern hat man es immer noch mit den Erfindergenerationen zu tun. Wenn ich solche Leute getroffen habe, hat mich immer interessiert, wie es war, diese Musik damals zu spielen und welche Idole sie selbst hatten. Pat Metheny hat zum Beispiel nichts anderes gehört als Wes Montgomery. Das finde ich mindestens so spannend wie das, was er heute macht.

Wenn Sie von den Erfindergenerationen sprechen: Heißt das, dass der Jazz jetzt fertig ist, und das Neue wie in der Klassik in der Auseinandersetzung mit dem Alten passiert?

Das kann ich nicht klar beantworten. Nach den vielen Umwälzungen im Jazz erwartet man gerade von dieser Musik immer wieder bahnbrechende Erfindungen. In meiner Generation empfinden die meisten das als ungeheure Last, weil die meisten Gesetze längst schon gebrochen sind. Ich denke, das Revolutionäre von früher ist heute die Wiedererkennbarkeit: Man muss unter einer Vielzahl von Tenorsaxofonisten nach ein paar Tönen erkannt werden. Da sind wir wieder bei der Wahrhaftigkeit: Es geht darum, eine eigene Stimme zu entwickeln.

Wie vermitteln Sie das den Studenten, die Sie an der Musikhochschule in Dresden unterrichten?

Die eigene Stimme zu entwickeln ist ungefähr das Letzte, was in der Kette der Ausbildung passiert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ganz viele Musiker sie immer noch nicht gefunden haben, und auch bei mir dauert die Suche ganz sicher noch an. Junge Jazzmusiker müssen alle technischen und inhaltlichen Werkzeuge an der Hand haben und ganz viel hören: Aus der Vielzahl von Vokabeln, die man so lernt, lässt sich herausfiltern, was man selbst sagen möchte. Obwohl heute so viel Musik verfügbar ist, scheint mir das brennende Interesse, die auch zu hören, nachzulassen. Man muss ja auch erst einmal damit in Kontakt kommen. Zum Glück gibt es ja noch ein paar funktionierende Big Bands an Schulen.

In Hannover gibt es sogar einige davon. Merken Sie das, wenn Sie hier spielen?

Hannover ist definitiv eine Musikstadt. Das gilt für einige andere Städte in Deutschland auch, aber es ist zu spüren, dass es eine lebendige und musikalisch hochaktive Stadt ist. Es gibt eine Wachheit in den Konzerten, hier wird genau hingehört. So etwas kann man von der Bühne aus nicht künstlich kreieren.

Zur Person

Till Brönner ist 1971 in Viersen geboren. Der Trompeter lebt in Berlin und Los Angeles. 2016 spielte er auf Einladung von Barack Obama bei einem Auftritt im Weißen Haus an der Seite von Herbie Hancock, Pat Metheny und Al Jarreau. Sein Konzert am Freitag, 22. November, im Kuppelsaal ist „Better Than Christmas“ überschrieben.

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