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Aus der Stadt „Wenn ich die Synagoge verlasse, blicke ich mich vorsichtig um“
Hannover Aus der Stadt

Interview zum Alltag einer Jüdin: "Wenn ich die Synagoge verlasse, blicke ich mich vorsichtig um"

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00:21 23.05.2019
Ingrid Wettberg, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover. Quelle: Nancy Heusel

Frau Wettberg, gibt es heute mehr Antisemitismus als früher?

Zumindest ist seit einigen Jahren die Hemmschwelle gesunken, sich judenfeindlich zu äußern. Immer wieder haben wir Pöbeleien auf dem Anrufbeantworter. Wenn ich unsere Synagoge verlasse, blicke ich mich auf der Straße inzwischen vorsichtig um. Und manchmal verstecke ich einen jüdischen Anhänger unter dem Pullover. So etwas wollte ich eigentlich nie tun.

Was sind die Gründe dafür?

Zu dem in Deutschland altbekannten Antisemitismus ist noch ein spezifisch muslimischer Antisemitismus dazu gekommen. Es gibt Jugendliche, die von klein auf so erzogen werden und die wir kaum erreichen. Bei Führungen von Schulklassen durch unsere Synagoge kann es schon mal sein, dass sich jemand weigert, eine Kippa aufzusetzen oder dass Sprüche fallen wie „Ich bin voller Hass auf euch!“. Mittlerweile nehmen wir Schülergruppen lieber nur noch bis zur 6. Klasse, ältere sind körperlich einfach überlegen. Ich bin langsam ratlos.

Die Solidarität von Parteien und Kirchen mit Ihnen ist aber doch groß.

Das ist ein gutes Zeichen. Und dennoch: Unsere Gemeinde hat mit der Israel-Jacobson-Gesellschaft, dem Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden und dem Verein Christen und Juden Strafanzeige gegen offen antisemitische Wahlplakate der Partei „Die Rechte“ gestellt. Mehr als eine Woche lang ist nichts geschehen. Als ich dann bei der Staatsanwaltschaft anrief, sagte mir eine Mitarbeiterin, dass die Bearbeitung angesichts der Arbeitsbelastung eben noch dauern könne. Ich weiß von Städten, in denen mutige Bürgermeister solche Plakate kurzerhand selbst entfernt haben, obwohl sie das streng genommen nicht dürfen. Wenn aber nichts dagegen getan wird, entsteht ein Klima, das Taten wie in Hemmingen erst möglich macht. Das ärgert mich.

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