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Aus der Stadt Katrin Langensiepen (Grüne) im Interview
Hannover Aus der Stadt

Kandidaten für Europawahl: Katrin Langensiepen

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10:16 23.05.2019
Katrin Langensiepen will für die Grünen ins Europaparlament einziehen. Quelle: Moritz Frankenberg

Frau Langensiepen, Sie sind die Spitzenkandidatin der niedersächsischen Grünen für die Europawahl. Warum ist diese Wahl wichtig?

Es ist eine Schicksalswahl. Am Wahltag, dem 26. Mai, entscheidet sich, wie stark die faschistischen Parteien werden und wie hoch die Wahlbeteiligung ausfällt. Beides sagt viel darüber aus, wie stark Europa als politische Gemeinschaft tatsächlich ist. Aus grüner Sicht stellt sich zudem die Frage, wie viel Zeit uns noch bleibt, dem Klimawandel entgegen zu wirken. Je länger wir warten, desto härter werden eines Tages die Maßnahmen.Am Ende könnte es so weit kommen, dass wir Flüge innerhalb eines Landes verbieten müssen.

Was wollen Sie für die Region Hannover in Europa erreichen?

Es freut mich sehr, dass Hannover Kulturhauptstadt Europas 2025 werden will. Ich hoffe, den Prozess auf europäischer Ebene begleiten zu dürfen.

Was ist für Sie das Wichtigste an Europa?

Neben der Klimapolitik ist der soziale Zusammenhalt entscheidend. Europa darf nicht nur als Wirtschaftsunion verstanden werden. Was nützt den Menschen die Reisefreiheit, wenn sie sich Reisen nicht leisten können.

Und was ist der größte Fehler der EU?

Es gibt noch keine Sozialunion. Damit meine ich soziale Mindeststandards wie eine europaweite Arbeitslosenversicherung. Hätten wir diese schon 2008 gehabt zur Zeit der großen Finanzkrise, wäre es den Menschen in Ländern wie Spanien und Griechenland besser ergangen. Europaweite Sozialstandards dürfen aber nicht dazu führen, dass in Deutschland die Sozialleistungen heruntergefahren werden.

Sie waren zuvor ehrenamtliche Politikerin im hannoverschen Rat. Warum zieht es Sie jetzt nach Straßburg und Brüssel?

Kommunalpolitik hat mir sehr viel Freude bereitet, und ich habe bei der Basisarbeit viel gelernt. Bei sozialen Fragen im Rat hieß es oft: Das regelt die EU. Wenn ich jetzt Politik auf europäischer Ebene mitgestalte, kann ich selbst an den Stellschrauben drehen. Zudem ergibt sich ein Interesse an europäischen Zusammenhängen aus meiner Biografie. Ich habe in den Niederlanden, Frankreich und Israel gelebt und spreche mehrere europäische Sprachen.

Ziehen Sie ins Parlament ein, wären Sie die erste deutsche Europaabgeordnete mit sichtbarer Behinderung. Was bedeutet das für Sie?

Ein Parlament sollte die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln. Ich denke, ich kann Forderungen nach gesellschaftlicher Teilhabe, nach Abbau von Hürden im Alltag sehr glaubwürdig vertreten. Da ich auch weiß, wie es ist, von Hartz IV leben zu müssen, habe ich ein Gespür für soziale Schieflagen. Dennoch bin ich in Brüssel und Straßburg nicht nur ein Sprachrohr für Behinderte und sozial Benachteiligte. Ich vertrete als Spitzenkandidatin Niedersachsens aber auch alle Menschen des Bundeslandes – von der Küste bis zum Harz.

Mit welchen Vorurteilen haben behinderte Menschen noch immer zu kämpfen?

Häufig wird angenommen, dass behinderte Menschen geringer leistungsfähig sind. So sollte ich in einer Behinderten-Einrichtung für einen äußerst geringen Lohn arbeiten, obwohl ich genauso arbeiten kann wie jede andere. In Sachen Inklusion von behinderten Menschen auf dem Arbeitsmarkt bleibt noch viel zu tun

Welche politischen Forderungen leiten Sie aus Ihren Erfahrungen ab?

Häufig fehlt es Arbeitgebern an Informationen. Sie wissen oft nicht, woher sie das Geld bekommen, um ein Büro barrierefrei einzurichten. Bevor sie langwierige Anträge schreiben, besetzen sie freie Stellen lieber mit nicht-eingeschränkten Arbeitnehmern. Hier müssen wir für mehr Bewegung sorgen, Unternehmen besser informieren und benötigte Gelder schneller bereitstellen.

Frau Langensiepen, Ihr Alltag wird sich enorm verändern, wenn Sie künftig zwischen Straßburg, Brüssel und Hannover pendeln. Stellen Sie sich schon auf eine nomadische Lebensweise ein?

Wenn ich keine Lust auf Menschen und Reisen hätte, dürfte ich den Job nicht machen. Für mich ist das Mandat eine riesige Chance, etwas zu bewirken. Wenn ich überlege, dass ich vor zehn Jahren arbeitslos war und lediglich die Hoffnung auf einen kleinen Bürojob hegte, kann ich mich jetzt wirklich glücklich schätzen.

Zur Person

Katrin Langensiepen ist 39 Jahre alt und stammt aus Großburgwedel. Sie hat in Frankreich, den Niederlanden und Israel gelebt. In den Niederlanden hat Langensiepen eine Logopädie-Ausbildung begonnen, aber nicht abgeschlossen. Später ließ sie sich zur Fremdsprachenkorrespondentin ausbilden. Dem hannoverschen Rat gehörte Langensiepen von 2011 bis 2019 an. Sie war unter anderem Vorsitzende des Umweltausschusses. Langensiepen wohnt in Linden.

Die 39-Jährige ist Spitzenkandidatin der niedersächsischen Grünen für die Europawahl und steht auf Platz 9 der Bundesliste. Das bedeutet, dass sie sehr gute Chancen hat, ein Mandat im Europaparlament zu erringen.

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Von Andreas Schinkel

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