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Aus der Stadt Kann Hannover Kulturhauptstadt? Die wichtigsten Antworten zum Thema
Hannover Aus der Stadt

Kann Hannover Kulturhauptstadt? Die wichtigsten Antworten zum Thema

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00:24 21.06.2019
„Hier Jetzt Alle“: Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf mit dem Motto, das die Bewerbung Hannovers für die Kulturhauptstadt tragen soll. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Drei Monate vor Abgabe der Bewerbungsmappe für den Titel Kulturhauptstadt Europas leistet sich Hannover eine Grundsatzdebatte. Es geht um die Frage, ob die Stadtverwaltung genügend Geld ausschüttet, um den Kulturschaffenden neue Spielräume zu eröffnen, und um die Frage, wie viel Kultur sich eine Stadt mit vielen sanierungsbedürftigen Schulen leisten kann.

Unzufrieden dürften derzeit nahezu alle Beteiligten sein. Die Ratspolitik fürchtet, dass die Bewerbung zerredet werde, die Kulturschaffenden, zusammengefasst im Kulturrat, fühlen sich in ihrem Engagement ausgebremst, und zwischen Kultur- und Finanzdezernat dürften die Meinungen über den richtigen Weg ebenfalls auseinander gegangen sein. Die HAZ klärt die wichtigsten Fragen.

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Wer steht jetzt überhaupt noch hinter der Bewerbung?

Im Grunde fast alle, auch wenn es gerade nicht danach aussieht. Selbst Kämmerer Axel von der Ohe (SPD), dem die Kulturszene vorwirft, den Geldhahn zuzudrehen, betont: „Die gesamte Stadtverwaltung steht hinter dem Prozess.“ Allein die Tatsache, dass die Stadt ein Budget von 80 Millionen Euro für das Kulturhauptstadtjahr einplane und davon 18 Millionen Euro aus eigener Tasche bezahle, zeige die Unterstützung. Auch die Kulturszene will die Kulturhauptstadt, wünscht sich aber mehr finanziellen Rückhalt von der Stadt. Abgesehen von der AfD sind alle Parteien im Rat der Ansicht, dass Hannover Kulturhauptstadt werden sollte.

Wie geht die Bewerbung formal weiter?

Ende September werden die Bewerbungsunterlagen (Bid Book) bei der Kulturstiftung der Länder eingereicht, die den Wettbewerb in Deutschland organisiert. Das Kulturhauptstadt-Team der Stadt will es in der ersten Julihälfte schreiben. Danach wird es übersetzt – die Bewerbung erfolgt auf Englisch – und in Form gebracht. Nach dem Sommer soll die Bewerbung auch in der Stadt sichtbarer werden – unter anderem durch die Bekanntgabe von sogenannten Leuchtturmprojekten, mit denen man bei der Bewerbung punkten will.

Wer bewirbt sich noch?

2025 wird es turnusgemäß zwei Europäische Kulturhauptstädte geben: eine in Slowenien und eine in Deutschland. Hierzulande gibt es dafür außer Hannover derzeit noch sieben weitere Bewerber: Hildesheim, Nürnberg, Magdeburg, Dresden, Chemnitz, Gera und Zittau. Im Dezember wählt die Jury aus diesem Kreis eine Shortlist aus, die Entscheidung für eine einzige Stadt fällt im Herbst 2020.

Wer ist die Jury?

Die Entscheidung, welche deutsche Stadt Kulturhauptstadt werden wird, trifft eine zwölfköpfige Jury, die in diesem Sommer zusammengestellt werden soll. Jeweils drei Mitglieder werden durch die EU-Kommission, den EU-Rat und das EU-Parlament benannt. Jeweils ein Mitglied wird durch die Kultusministerkonferenz, vom Bund und dem EU-Ausschuss der Regionen berufen. Ab August wird sich die Jury nach Einschätzung des hannoverschen Kulturhauptstadtteams näher mit den einzelnen Bewerberstädten beschäftigen.

Welche Kosten kommen auf die Stadt zu?

Die Kosten für das Projekt Kulturhauptstadt lassen sich grob in zwei Positionen einteilen. Zum einen geht es um die Durchführung des Kulturhauptstadtjahres 2025, falls Hannover denn Zuschlag bekommt. Die Stadt geht dafür derzeit von einem Etat von rund 80 Millionen Euro aus. Der Eigenanteil der Stadt soll 18 Millionen Euro betragen, der Rest soll von anderen öffentlichen Geldgebern, von Stiftungen und Sponsoren kommen. Damit will man rund 500 Veranstaltungen und die Organisation finanzieren.

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Zum anderen geht es um die Finanzierung der Kultur in den Jahren vor dem eigentlichen Kulturhauptstadtjahr bis 2026. Wer den Titel erringen will, muss zeigen, dass er ihn nicht durch Einsparungen im bisherigen Kulturhaushalt finanziert – im Gegenteil sollte der auch steigen. Die geplante jährliche Steigerung des Budgets von jährlich 1,5 Prozent sorgt derzeit für viel Kritik: Aufgrund von steigenden Kosten für Personal und Gebäuden sowie wegen der Inflation befürchtet etwa der Kulturrat, dass diese Steigerung faktisch eine Kürzung sein könnte.

Ist die finanzielle Ausstattung tatsächlich zu niedrig angesetzt?

Zunächst einmal: Der Kulturetat ist der einzige Etat der Stadt, dem jetzt eine Steigerungsrate für die nächsten sieben Jahre zugesichert wird. Damit erfüllt Hannover eine Bedingung für die Kulturhauptstadt-Bewerbung: Der Etat darf nicht sinken. Die Kämmerei ist der Ansicht, dass bei einem Anstieg um rund 7 Millionen Euro bis 2026 trotz steigender Personalkosten, Inflationsraten und Ausgaben für den Erhalt von Kulturhäusern noch ein Rest übrig bleibe. Wie viel genau, das hänge von den Inhalten des sogenannten Kulturentwicklungsplan ab. Ob es diesen Mehrwert am Ende wirklich gibt, darüber streiten sich die Geister.

Was ist der Kulturentwicklungsplan?

Für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt müssen die Städte einen Kulturentwicklungsplan aufstellen. Der soll unabhängig von der Bewerbung Visionen der Stadtentwicklung entwerfen und aufzeigen, wie die Stadt langfristig und über das Jahr 2025 hinaus ihr kulturelles Leben fördern und entfalten kann. In Hannover ist die Arbeit an diesem Plan nicht abgeschlossen, er befindet sich noch in der sogenannten Beteiligungsphase und soll im kommenden Jahr vorliegen. Unter anderem der Kulturrat fordert deshalb, den Finanzrahmen für den Kulturentwicklungsplan noch nicht jetzt festzuzurren. Das ist aber derzeit geplant.

Und wie reagiert die Ratspolitik?

Innerhalb der SPD gingen die Meinungen, was ein angemessener Anstieg für den Kulturetat sein könnte und ob der finanzielle Rahmen überhaupt schon abgesteckt werden sollte, weit auseinander. Am Ende scheinen die Argumente des Kämmerers die Mehrheit der Fraktion überzeugt zu haben: Einen Rahmen setzen, um kein Wunschkonzert zu eröffnen. Die Liberalen, Mitglied im Mehrheitsbündnis, halten am Finanzplan der Stadt fest und ärgern sich über den Imageschaden, den die Debatte verursache. Die Grünen machen sich die Kritik der Kulturschaffenden zu eigen und wollen mit ihren Bündnispartnern noch einmal verhandeln. Die CDU hält den Finanzplan des Kämmerers für angemessen.

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