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Aus der Stadt Wie kann Kirche für Jugendliche attraktiver werden?
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Kirchengemeinden in Hannover: Wie kann Kirche für Jugendliche attraktiver werden?

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20:59 04.08.2019
In der Herrenhäuser Kirche versammeln sich zum sonntäglichen Gottesdienst etwa 45 Gemeindemitglieder. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Der Pastor reckt symbolisch den silbernen Kelch mit dem Blut Christi in die Höhe, rund um den Altar warten etwa 45 Gemeindemitglieder. Orgelmusik hebt an, doch es dröhnen keine schweren Töne durch das Schiff der Herrenhäuser Kirche. Organist Werner Grießhammer spielt leichte, wiegende Melodien, die ein bisschen an Zirkusmusik erinnern. Manche können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Später beim Kaffee im Gemeindehaus wird die 24- jährige Friederike Marie Zwertz sagen: „War doch super Stimmung beim Abendmahl.“

45 Besucher kommen, Platz ist für 650

Ein Sonntag wie geschaffen für den Kirchgang. Trübes Wetter, drückende Luft. Pünktlich um 9.30 Uhr läuten die Glocken. „Die Kirche ist offen“ steht auf einem Schild neben dem Eingang. Gesangbücher und Psalmenhefte liegen aus. Die Reihen füllen sich, aber es bleibt viel Platz. „In den Ferien ist wenig los, normalerweise kommen 50 bis 70 Besucher“, sagt Götz von Quadt vom Kirchenvorstand. In der Herrenhäuser Kirche wäre Platz für 650 Menschen. Die meisten Besucher, die an diesem Sonntag auf den Bänken Platz nehmen, dürften die 60 überschritten haben.

Pastor: Jugendliche in Gemeindearbeit einbinden

„Wir hätten gern mehr jüngere Leute“, sagt Pastor Koeritz. Aber bei dem heutigen Angebot an Freizeitaktivitäten sei es schwierig, Jugendliche für Kirche zu begeistern. „Die Leute stehen nicht Schlange“, meint Kirchenvorstand von Quadt. Vor vielen Jahren habe es einmal eine Jugendgruppe in der Gemeinde gegeben, jetzt nicht mehr. „Wir wollen unseren ehemaligen Jugendraum wieder herrichten“, sagt Pastor Koeritz. Ansonsten setze er darauf, Jugendliche in die Gemeindearbeit einzubinden. „Beim Gemeindefest kümmern sich junge Leute um die Cocktailbar“, sagt er. Dass die Kirche mehr für den Nachwuchs tun müsse, ist ihm klar. „2015 hätten wir ein Fest für Flüchtlinge veranstalten müssen, das hätte vermutlich viele Jüngere begeistert. Aber damals fiel mir das nicht ein“, sagt Koeritz selbstkritisch.

Friederike Marie Zwertz ist über die Musik zur Kirche gekommen. „Wir waren eine singfreudige Konfirmandengruppe“, erzählt die Studentin. Zuerst habe sie bei Gottesdiensten gesungen, später sei sie in den Chor der Kantorei eingetreten. Rund 100 Mitglieder zählt der Chor der Herrenhäuser Kirche. Leider könne sie bei den Proben nicht mehr mitmachen, weil sie jetzt in Göttingen studiere. „Wenn ich meine Eltern besuche, gehe ich zum Gottesdienst“, sagt Zwertz.

Überalterung, Mitgliederschwund, fehlender Nachwuchs – mit solchen Problemen hat keineswegs nur die Herrenhäuser Kirchengemeinde zu kämpfen. Der Trend zieht sich durch die gesamte evangelische Landeskirche. Eine von der Kirche in Auftrag gegebene Studie zeichnet ein düsteres Zukunftsbild. Im Jahr 2060 könnte sich die Zahl der Mitglieder mehr als halbiert haben. Schon jetzt ist die Lage besorgniserregend. Jedes Jahr verlassen 0,9 Prozent der Mitglieder die Landeskirche, bis zum 30. Lebensjahr treten 30 Prozent aller Männer und 22 Prozent aller Frauen aus.

Eingeübtes Ritual – ohne Programmheft

Der Gottesdienst in der Herrenhäuser Kirche nimmt seinen gewohnten Lauf. Lieder singen, aufstehen, beten, hinsetzen – ein eingeübtes Ritual. Kein Programmheft erklärt die Choreografie. Ein Mann blättert nervös im Gesangbuch. Bevor er die richtige Stelle findet, hat die Gemeinde schon die ersten Takte angestimmt. Ein älterer Herr zeigt ihm die richtigen Seiten. „Die meisten hier kennen die liturgischen Elemente“, sagt der ältere Herr.

Peter Kollmar war Ende der Siebzigerjahre Pastor in Herrenhausen. Er erzählt, dass es früher noch eine Art Programmzettel gegeben habe, der jedem Gesangbuch beilag. „Später meinte die Gemeinde, sie brauche so etwas nicht“, sagt Kollmar. Am Ende der Gottesdienste flogen die Zettel zwischen den Bänken herum. Pastor Koeritz sieht das heute anders. „Wir brauchen die Zettel wieder“, sagt er. Ansonsten laufe man Gefahr, wie eine geschlossene Gesellschaft zu wirken.

Gottesdienst spendet Trost“

Der Pastor betritt die Kanzel. Hoch über den Köpfen seiner Gemeinde beginnt er seine Predigt mit einer Banalität. „Welches Brot darf es heute sein?“, fragt er rhetorisch und bezieht sich auf die reiche Auswahl von Waren bei der Stadtteilbäckerei. Diese Auswahl sei typisch für Deutschland, meint er. Einige der Versammelten nicken, Koeritz hat die Aufmerksamkeit seiner Gemeinde. Brot sei in der Bibel ein Symbol für das leibliche und seelische Heil. „Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens“, rezitiert der Pastor. Dann kommt er auf seine anfängliche Frage zurück. „Ein neuer SUV oder ein Guru stillen den Hunger nicht“, sagt Koeritz. Das Brot des Lebens stecke vielmehr in der Liebe eines Menschen oder in der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. „Amen“, rufen einige, noch bevor der Pastor das Schlusswort sagt.

„Trost und Ruhe spendet der Gottesdienst“, sagt ein 70-Jähriger im Gemeindehaus. Es gibt frisch gebrühten Kaffee und Zimtschnecken, kostenlos. Etwa zehn Gemeindemitglieder haben sich nach dem Gottesdienst in dem kleinen Raum zusammengefunden, auch der Pastor ist dabei. Die meisten sind nach Hause gegangen.

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