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Aus der Stadt Zahnbehandlung warf Patientin aus der Bahn
Hannover Aus der Stadt Zahnbehandlung warf Patientin aus der Bahn
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10:00 11.12.2018
Die 64-jährige Patientin möchte nicht erkannt werden - zu sehr schämt sie für das, was ihr widerfahren ist. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Eine 64-jährige ehemals selbstständige Geschäftsfrau hat aufgrund einer möglicherweise fehlerhaften Zahnbehandlung einen langen Leidensweg hinter sich. Vor knapp sechs Jahren wurden der im Stadtbezirk Ricklingen lebenden Frau von einem Professor in Hannover fünf Implantate eingesetzt. Doch dieser Eingriff veränderte ihr Leben radikal.

Weitere neun Zahnärzte suchte die Patientin in den nächsten Jahren auf, die Zahnärztekammer, die Medizinische Hochschule Hannover und die Uniklinik Göttingen beschäftigten sich mit dem Fall, es wurden drei – sich teilweise krass widersprechende – Gutachten erstellt, und die Patientin musste bislang für Behandlungskosten von etwa 35.000 Euro rund 13.000 Euro aus eigener Tasche dazubezahlen. Nun hat Karsten Heidemann, Fachanwalt für Medizinrecht, den Professor im Namen seiner Mandantin auf Zahlung von 35.000 Euro Schmerzensgeld und 4400 Euro Schadensersatz verklagt.

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Laden aufgegeben

Mehr als fünf Jahre lang konnte die Dauerpatientin nach eigenem Bekunden nur weiche Nahrung zu sich nehmen, selbst gekochte Nudeln muss sie bis heute zu einem Brei zermanschen. Immer wieder bekam sie Zahnschmerzen, es entstanden mehrfach Entzündungen in der Mundhöhle, Zahnknochen und Zahnfleisch bildeten sich zurück. Aufgrund der ständigen Nachfragen von Kunden ob ihres veränderten Aussehens gab die Frau, der ihr äußeres Erscheinungsbild immer wichtig gewesen war, Anfang 2016 ihr Geschäft auf – nach 22 Jahren. „Man fühlt sich gedemütigt, wenn man so entstellt ist“, sagt sie. Sie schämte sich, einkaufen zu gehen, war nervlich zerrüttet und isolierte sich immer mehr. Irgendwann waren auch die Ersparnisse aufgebraucht, so dass sie derzeit auf staatliche Unterstützung angewiesen ist.

Die fünf Implantate waren der Patientin im Zuge einer Klinik-OP im Februar 2013 in Ober- und Unterkiefer eingesetzt worden. Doch schnell begannen die Komplikationen: heftige Blutungen, starke Schmerzen, erste Nachbehandlungen. Der Grund: Die Implantate waren gekippt und saßen schief im Kiefer. Auch ihre früheren Prothesen konnte die Ladeninhaberin nicht mehr nutzen. Man legte ihr von verschiedenen Seiten nahe, die fünf Implantate entfernen und sich sieben neue einsetzen zu lassen – die fünf Ersatzzähne des Professors hätten wegen eines Mangels an Knochensubstanz überhaupt nicht eingepflanzt werden dürfen.

Uniklinik konnte helfen

Inzwischen hat die Universitätsmedizin Göttingen die fünf unbrauchbaren Implantate sowie vier weitere Zähne herausoperiert und neue Knochenmasse aufgebaut. Nach bislang zwei Dutzend Terminen in Göttingen hofft die 64-Jährige, dass die Behandlung mit sieben neuen Implantaten und zwei Prothesen Mitte 2019 abgeschlossen sein wird.

Ein vonseiten des Landgerichts Hannover bestellter Gutachter verneinte im Sommer 2018 Behandlungsfehler und eine Pflichtverletzung des Professors. Daraufhin ließ die Klägerin ein weiteres Gutachten fertigen, das die erste Expertise als „reines Gefälligkeitsgutachten“ abqualifizierte. Zweifelsohne seien dem hannoverschen Mediziner massive Planungs- und Behandlungsfehler unterlaufen, urteilten zwei Sachverständige aus Regensburg.

Sehnlichst wünscht sich die 64-Jährige, die derzeit immer noch mit Provisorien leben muss, dass die im nächsten Jahr neu gefertigten Prothesen passen werden und sie wieder ganz normal kauen und essen kann. Und sie weint, als sie ihre größte Hoffnung äußert: „Ich möchte einfach wieder wie ein ganz normaler Mensch leben.“

Von Michael Zgoll

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