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Aus der Stadt Kommentar: Neue Chance für Hannover
Hannover Aus der Stadt

Kommentar der HAZ zur OB-Wahl in Hannover: Neue Chance für Hannover

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16:33 28.10.2019
Die Karten sind neu gemischt: Der Wettkampf um die besten Ideen für Hannover geht in die zweite Runde. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Der Begriff ist ein wenig abgenutzt, aber für Hannover trifft er nun wirklich zu: Die Wählerinnen und Wähler haben der Stadt ein historisch bedeutsames Ergebnis beschert. In der politischen Welt der Stadt ist seit diesem Sonntagabend nicht mehr viel so, wie es bisher war. Die Sozialdemokraten müssen nach einer gefühlten Ewigkeit die Macht an der Stadtspitze abgeben. Die Karten sind neu gemischt.

Die Wähler wollen kein „weiter so“

Mit dem Ergebnis des ersten Wahldurchgangs hat Hannover vor allem erst einmal gezeigt, was die Stadt nicht will. Nicht mehr „weiter so“, nicht mehr das ewige Lied von der erfolgreichen sozialdemokratischen Politik für die Stadt, das schon länger nicht mehr zur Arbeit aller handelnden Personen passen wollte. Und nicht mehr jene immer schwerer zu durchdringende Verfilzung von Politik und Verwaltung, deren Protagonisten viel zu oft auf sich selbst und viel zu selten auf die Bürgerinnen und Bürger sahen.

Die Spitzengenossen haben sich verspekuliert

Am Desaster der hannoverschen Sozialdemokraten haben viele ihren Anteil – der des Kandidaten Marc Hansmann ist der geringste. Er hat meist klug gekämpft und mit Anstand verloren. Dass er in der Stadt Herbert Schmalstiegs, Gerhard Schröders und Stephan Weils keine Chance hatte, lag nicht an ihm, sondern am Gebaren vieler seiner Parteifreunde in den vergangenen Jahren. Erst haben sie aus einer Reihe taktischer und persönlicher Motive den Menschen der Stadt einen überforderten Genossen als strahlenden Rathauschef verkauft. Dann ließen sie dessen irrlichternde Arbeit über Jahre laufen und hielten so lange an ihm fest, bis schließlich der Staatsanwalt kommen musste. So etwas geht nicht einmal mehr in Hannover durch. Ausgerechnet in der Landeshauptstadt haben sich SPD-Landeschef Stephan Weil und weitere Spitzengenossen verspekuliert. Hansmanns Niederlage ist vor allem ihre, erst in zweiter Linie die ihrer Partei. Das zeigt ein Blick nach Norden: In Kiel hat am gleichen Sonntagabend der Sozialdemokrat Ulf Kämpfer sein Amt als Oberbürgermeister im ersten Wahlgang klar verteidigt. Es geht also, sogar noch als Sozialdemokrat. Wenn man es will – und kann.

Wer gewinnt die Mehrheit in der ganzen Stadt?

Hannover aber steht nun erst einmal vor anderen Fragen. Die wichtigste: Was will die Stadt anstelle der SPD-Dominanz? Hier hat der erste Wahldurchgang Hinweise gegeben, aber noch keine wirkliche Antwort. Klar ist immerhin: Es gibt weiterhin keinen Ruck nach Rechtsaußen in der Stadt – Thüringen ist weit. Auch die kandidierenden Komiker, die in anderen Ländern Europas schon einmal Mehrheiten gewinnen, haben hier keine Chance. Doch das Patt zwischen Belit Onay (Grüne) und Eckhard Scholz (CDU) zeigt auch, wie gespalten die Stadt in vielen Fragen ist. Beide Kandidaten haben einen eleganten und klugen Wahlkampf hinter sich, jeder auf seine Art, aber jeder eben auch in seiner Zielgruppe. Das hat gereicht, um an der taumelnden SPD vorbeizuziehen – aber wer gewinnt die Mehrheit in der ganzen Stadt? Hat einer der beiden das Zeug, die zügig auseinanderdriftenden Lebenswelten in der Großstadt zu versöhnen?

Das Rennen ist offen

Der Wettkampf um die Ideen und größte Schnittmenge bei den Interessen in der Stadt geht in die zweite Runde. Auch das ist nicht schlecht. Mancher, der bisher in den jahrzehntealten Verhaltensmustern verharrt hat, kann jetzt ganz frei und neu denken. Das gilt für traditionelle Sozialdemokraten, aber auch für viele Interessen- und Lobbyvertreter, die sich mit ihnen über Jahre hinweg gut stellten und nun neue Partner suchen müssen. Das Rennen ist offen – Hannover hat noch immer die Wahl.

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Von Hendrik Brandt

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