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Aus der Stadt Wenn Eltern grundlos glutenfreies Essen bestellen, läuft etwas schief
Hannover Aus der Stadt Wenn Eltern grundlos glutenfreies Essen bestellen, läuft etwas schief
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00:15 23.10.2018
Symbolbild.
Symbolbild. Quelle: picture alliance / dpa
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Früher war nicht alles besser, aber manches einfacher. Kochen für große Gruppen, zum Beispiel. Ein Gericht für alle - Hauptsache, es macht satt. Für die Empfänger der Mahlzeit war es damals ebenfalls einfacher, aber nicht unbedingt besser: Wer das angebotene Essen nicht mochte oder vertrug, der musste eben zusehen, wie er sich sonst verpflegen konnte. Oder hungern. Man muss sich das vielleicht manchmal vor Augen führen, um zu sehen, was für ein großer Fortschritt es ist, dass Großküchen von Kantinen, Mensen und Caterern heute ganz selbstverständlich auch vegetarisches, manchmal gar veganes Essen anbieten und bei Bedarf sogar für lactose- und glutenfreie Kost sorgen können. Wir nehmen dieses vielfältige Angebot als selbstverständlich an – und so lässt es aufhorchen, wenn ein Lieferant von Schulessen plötzlich gegen das Verhalten seiner Kunden protestiert: Der Caterer Vom Feinsten will künftig glutenfreie Essen nur noch gegen Vorlage eines ärztlichen Nachweises einer Gluten-Unverträglichkeit ausliefern.

Es sind dem Lieferanten einfach zu viele glutenfreie Essen bestellt worden. Und alleine von der Mengenbetrachtung hat der Caterer damit wohl auch recht. Zwar ist Zöliakie, wie die Glutenunverträglichkeit offiziell heißt, eine der häufigsten Unverträglichkeitserkrankungen, die es gibt, doch betrifft sie in Deutschland nur etwa 3 bis 10 von 1000 Menschen. Wenn dann in einer Schule 90 bis 110 dieser Essen bestellt werden, läuft offenkundig etwas schief.

Was dahinter steckt, kann man nur vermuten: Mancher mag glutenfreies Essen für das per se gesündere halten und es daher bestellen, ohne weiter darüber nachzudenken. Vielleicht will auf diese Weise auch jemand ausprobieren, ob es ihm bei Verzicht auf glutenreiche Kost besser geht. In der Regel dürften es eher die Eltern sein, die ihren Kindern mit der Sonder-Diät etwas Gutes tun wollen – damit aber falsch liegen. Denn glutenfreie Kost nutzt nur den Zöliakie-Kranken. Für alle anderen kann es sogar schlecht sein, wenn sie dauerhaft auf Gluten verzichten. Die Flut von Bestellungen ist daher auch ein Zeichen, dass die Wahlmöglichkeiten jenseits des Einheitsbreis aus der Gulaschkanone für Unsicherheit sorgen können.

Der Caterer stößt mit seiner Mail an die Eltern daher eine wichtige Debatte an. Dass für das Unternehmen bei dem Problem Kostenerwägungen eine wichtige Rolle gespielt haben mögen, weil die Herstellung von glutenfreiem Essen eben auch deutlich teurer ist, schmälert das nicht. Es läuft schlicht etwas schief, wenn dutzende gesunde Kinder ohne Not eine Reduktionsdiät bekommen. Aber die glutenfreien Essen nur noch gegen Attest auszuliefern, wie es das Unternehmen will, geht dann doch zu weit. Denn damit würde die Bringschuld auf die wirklich Betroffenen abgeladen: Sie müssen ihr Verhalten ändern, um das Problem zu lösen, während die anderen, die die Diät-Essen ohne Not bezogen haben, ohne Mühe und ohne Lerneffekt aus dem Schneider sind.

Besser wäre es daher, wenn die Schulen den Alarmruf des Caterers aufgreifen und zum Thema im Unterricht oder in Projekten machen würden. Idealerweise bezieht man auch die Eltern in die Diskussion ein, da sie es oft sind, die die Essen bestellen. Die Kinder und Jugendlichen davon zu überzeugen, auf die Reduktionsdiät zu verzichten, könnte in vielen Fällen leicht sein – schließlich ist Normalkost in der Regel um einiges schmackhafter.

Von Heiko Randermann