Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Hannovers Klinikchefs: „Wir schaffen das nicht mehr“
Hannover Aus der Stadt

Krankenhäuser in Hannover: Bürokratie entzieht den Patienten das Personal in den Kliniken

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
09:49 25.11.2019
Der Stress in den Krankenhäusern in Hannover wird immer größer. Quelle: Alexander Körner (Archiv)
Anzeige
Hannover

Hannovers große Kliniken stecken in ernsten Schwierigkeiten. Gegenüber der HAZ beklagen die Leiter von Medizinischer Hochschule (MHH), Regionsklinikum (KRH), Diakovere und des Kinderkrankenhauses Auf der Bult unisono unter anderem mangelnde finanzielle Versorgung durch das Land, ausbleibende Zahlungen der Krankenkassen und den Fachkräftemangel. Die Probleme im Detail:

Fachkräftemangel: 38 Intensivbetten, die für schwerst kranke oder schwerst verletzte Patienten benötigt werden, sind derzeit in Hannover nicht nutzbar. Einfach gesperrt, wegen Personalmangels. Im Regionsklinikum ist das ein Anteil von mehr als zehn Prozent an der Gesamtzahl der Intensivbetten. Hintergrund dafür ist eine seit Jahresbeginn geltende Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums, sie sieht eine Mindestbetreuung für bestimmte Stationen vor: Auf Intensivstationen darf tagsüber eine Pflegekraft für maximal 2,5 Patienten, in der Nacht für maximal 3,5 Patienten zur Verfügung stehen. „Aber es gibt gar nicht so viel Personal“, sagt die Finanzchefin des Regionsklinikums, Barbara Schulte. „Wir schaffen es also gar nicht in jedem Bereich, diese Forderung zu bedienen“, betont sie.

Anzeige

Die Anforderungen aus Berlin seien zudem widersinnig, meint Schulte. Zunächst seien die Kliniken durch den finanziellen Druck im Gesundheitswesen dazu gezwungen gewesen, Pflegepersonal kontinuierlich abzubauen. Und jetzt müsse plötzlich wieder eingestellt werden. Aber die Pflegekräfte, die die Krankenhäuser dringend benötigen, gibt es gar nicht mehr, schon ohne die Verordnung haben die Krankenhäuser große Probleme, freie Stellen zu besetzen. Also müssen Betten gesperrt werden. Denn wenn sich die Kliniken nicht an die Verordnung halten, müssen sie empfindliche Strafen zahlen. Es sei absurd, dass Gesetze dazu führten, dass vorhandene Krankenhausbetten gesperrt werden müssten, meint der Vizepräsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), Andreas Tecklenburg.

Ärger mit den Krankenkassen: Aber auch die vorhandenen Pflegekräfte stehen immer seltener zur Verfügung. Grund dafür ist der immer größere Aufwand für die Dokumentation in den Krankenhäusern. Verantwortlich dafür sind nach Ansicht der Krankenhäuser gestiegene gesetzliche Vorgaben und der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK), der immer öfter Rechnungen der Krankenhäuser zusammenstreicht.

Stefan David, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Diakovere, gibt ein Beispiel: Ein betagter Mann hat sich die Hüfte gebrochen. Wenn das Ende der Krankenhausbehandlung absehbar ist, sucht Diakovere nach einem Sozialdienst, der den Mann zu Hause betreuen kann. „Der Patient liegt zur Klärung dann einen oder zwei Tage bei uns“, berichtet David. „Und der MDK streicht uns nicht nur Geld, er unterstellt uns gleich auch noch Falschabrechnung“, sagt David.

Der Ermessensspielraum, der im Gesetz ausdrücklich zugelassen sei „wird vom MDK grundsätzlich gegen uns ausgelegt“, sagt der Chef des Kinderkrankenhauses Auf der Bult, Thomas Beushausen. Das ist nicht das einzige Problem mit dem MDK. Wenn in einer Rechnung auch nur eine einzige Dokumentation fehle, werde die ganze Leistung gestrichen. Insgesamt gehe es in den hannoverschen Kliniken um Millionensummen, die der MDK streiche. „Das bringt alles einen wahnsinnigen bürokratischen Aufwand für Ärzte und Pflegepersonal mit sich“, klagt Schulte. „Der Patient hat dadurch keinen Mehrwert“, betont sie. „Ganz im Gegenteil, das Personal wird ihm entzogen“, erläutert sie.

Überbordende Bürokratie: Nicht nur der Medizinische Dienst vergrößere die Bürokratie in den Kliniken, klagen die Krankenhauschefs. Es sei auch die Bundesregierung. Noch nie habe Deutschland einen Gesundheitsminister gehabt, der so viele Gesetze und Verordnungen auf den Weg gebracht habe wie jetzt Jens Spahn (CDU). „Wir leiden unter einer völligen Überregulierung“, sagt Schulte. Verordnung über die Pflegepersonaluntergrenzen, Pflegeberufe-Ausbildungsverordnung, Implantatregister-Einrichtungsgesetz, Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung – das ist nur ein kleiner Ausschnitt der insgesamt 19 Gesetze und Verordnungen, die vor knapp einem Jahr in Kraft getreten sind.

„Wir bekommen die ganzen Gesetze gar nicht mehr umgesetzt“, sagt Schulte. Die Ideen, die aus Berlin kämen, seien nicht grundsätzlich immer falsch, sagt Diakovere-Chef David. Aber vieles funktioniere einfach nicht. Und längst nicht immer sei klar, wie die Patienten von den Gesetzen und Verordnungen profitieren sollten.

Höhere Personalkosten: Während Berlin also die Bürokratie in den Kliniken immer weiter anwachsen lässt, fühlen sich die Krankenhäuser in Hannover in einem anderen Bereich von der Bundesregierung völlig alleingelassen: „Die Tarifsteigerungen müssen wir ganz allein finanzieren“, sagt Schulte. Der Bund habe im vergangenen Jahr zugesagt, dass die höheren Tarife durch höhere Fallpauschalen ausgeglichen werden“, berichtet sie. Passiert sei bis heute aber gar nichts. Auch hier gehe es für die hannoverschen Kliniken um Millionenbeträge.

Die Krankenhäuser bemühen sich, die Patienten nichts von den Problemen spüren zu lassen. Aber das gelingt immer seltener. Zum Beispiel, wenn Patienten unangemeldet ins Krankenhaus kommen: „Früher haben wir dann die Ärmel hochgekrempelt“, berichtet MHH-Vizepräsident Tecklenburg. „Heute schaffen wir das nicht mehr.“

Lesen Sie auch:

Von Mathias Klein