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Aus der Stadt Wie ein 38-Jähriger aus Hannover den Krebs besiegte
Hannover Aus der Stadt

Krebs überleben: Sascha Urban fängt nach der Krankheit wieder bei Null an

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00:19 17.06.2019
Sascha Urban hat seine Krebserkrankung überstanden, im Alltag angekommen ist er noch nicht. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Lange hat Sascha Urban es gar nicht verstanden, was ihm passiert. Der 38-Jährige ist ein zäher Typ, durchtrainiert, auch wenn er selbst es gar nicht mehr so empfindet. „Ich bin nur noch die Hälfte.“ Ende 2016 erfuhr Urban, dass er Krebs hat. Ein Räuspern am Morgen brachte etwas Auswurf mit roten Fasern zutage. Eigentlich wollte er sich nur eine Stunde freinehmen für den Arztbesuch. Urban arbeitete selbstständig als Tischler, hatte 2004 den Betrieb seines Lehrherrn übernommen. Lange von der Arbeit wegbleiben, das geht dann nicht. Doch fanden sie in der Röntgenpraxis etwas, das nicht da sein sollte. Beide Lungenflügeln waren voller Metastasen.

Von einem Tag auf den anderen in Therapie

Ein Tumor im Bauch, wie sich später herausstellte, war die Ursache. Urbans heutige Lebensgefährtin Carolin Dohmeyer zeigt auf seine Körpermitte. Ein Hodenkrebs, der außerhalb der eigentlichen Hoden liegt, lernte Urban. Damals ließ sich der Handwerker noch am selben Tag von seinem Vater in die Klinik fahren. Die Chemotherapie startete fast unverzüglich. Mit Pausen dauerte die Behandlung rund neun Monate. Als sich nach den ersten Therapiezyklen wieder Tumorzellen regten, musste Urban eine zweite Runde mit besonders hoch dosierten Medikamentengaben durchstehen. Seine gesunden Stammzellen wurden ihm dafür vorher entzogen und später unter hoher Anstrengung und Risiko wieder eingegeben.

Um seine Firma hatten sich zunächst Familie, Freunde und Tischler-Kollegen gekümmert. Sie informierten Kunden, übernahmen Aufträge, zahlten Rechnungen. Der Vermieter der Werkhalle stundete die Miete. „Ich hatte die große Hoffnung, dass sich die Therapie auf vier, vielleicht fünf Monate beschränkt. Dann hätte ich mich wieder herausarbeiten können.“ Das zerschlug sich, als die zweite Chemotherapie notwendig wurde.

Urban muss seinen Betrieb aufgeben

Urban verkaufte Maschinen und Fahrzeuge, seine Eltern liehen ihm eine höhere Summe zur Überbrückung, bis er seine Verbindlichkeiten begleichen konnte. „Mir blieb gar nichts anderes übrig, als die Firma aufzugeben.“ Auch das ging alles nur mit viel Hilfe von Freunden. Die zweite Therapie griff seinen Körper weiter an. Tinnitus, Schlafstörungen, Erschöpfung sind Folgen, die ihm bis heute zu schaffen machen. Die zweite Behandlung brachte zunächst Ruhe, Urban erholte sich und ging in eine Reha. Der Handwerker, der immer körperlich gearbeitet hatte und früher obendrein fast täglich draußen Sport trieb, quälte sich nun durch einen Halbmarathon. „Ich habe einen Kampf mit mir selbst geführt und nicht aufgeben wollen.“

Arbeitsfähig war der junge Mann damit noch lange nicht. „Ich bin seitdem engmaschig in Beobachtung.“ Nach einem Dreivierteljahr stiegen die Tumorwerte erneut. Urban musste sich entscheiden: Riskiert er eine Operation, um das bösartige Geschwür entfernen zulassen? Das Risiko war hoch, der Tumor lag zwischen großer Bauchaorta und großer Vene. „Es ließ sich nicht erkennen, ob er die Adern durchdrungen hat. Die Ärzte mussten mich ganz aufschneiden.“

Die Operation im März 2019 verlief gut. Seitdem geht es aufwärts, bald beginnt Urban seine zweite Reha, die er dringend braucht. Denn nun kommen Fragen und Unsicherheiten hoch, die im schweren Ringen ums Überleben keinen Platz hatten. „Das Schlimme: Den Krebs selbst habe ich ja gar nicht gemerkt. Er war da, aber ich habe ihn nicht gespürt.“ Der ehemals Selbstständige leidet unter Konzentrationsstörungen und da ist auch die Angst, dass die Krankheit wiederkommen könnte. „Wenn ich bedenke, wie viele Sachen und Termine ich früher im Kopf hatte. Aber mein Körper hat ganz viel leisten müssen, er braucht jetzt viel Zeit.“

Viele Kosten zahlt der Kranke selbst

In der Reha will Urban über seine Ängste und auch die Berufsperspektiven sprechen. „Alles, wofür ich vorher gearbeitet habe, hat sich mit einem Tag erledigt.“ Er ist damit kein Einzelfall. Ein Drittel der Menschen, die Krebs überleben, sind im erwerbsfähigen Alter. Zwei Drittel von ihnen schafft die Rückkehr ins Berufsleben, allerdings mit einem erhöhten Risiko von Arbeitslosigkeit und Frühverrentung.

Nun fragt sich Urban, wo er neu ansetzen kann. „Ich muss wieder ins normale Leben zurückfinden. Und ich bin jung genug dafür.“ Inzwischen bekommt der noch so junge Mann fürs Erste Erwerbsminderungsrente, auch die Versicherung für Berufsunfähigkeit zahlt. Beides ist befristet. „Ich komme damit zurecht, es reicht für Miete und Alltag. An Urlaub oder so was ist aber nicht zu denken.“ Seine private Krankenkasse hat den Beitrag für ihn erhöht, manches muss er komplett selbst zahlen, anderes zunächst auslegen. „Das kann schnell mal 1000 Euro kosten.“

Sein Glück: Mitten in der Krankheit lernte Urban seine Freundin kennen. Gerade ist das Paar, zusammen mit Carolin Dohmeyers Tochter und ihrem Hund, in eine größere Wohnung gezogen. Urbans behandelnder Arzt hatte ihm vor der Chemotherapie zum Einfrieren von Samen geraten. Urban ist froh darüber: „Mein Kinderwunsch ist größer denn je.“ Auch diese Kosten müssen Kranke selbst tragen: 400 Euro jetzt und für jedes weitere Jahr. Doch es eröffnet dem Paar die Chance auf ein gemeinsames Kind.

Klaus Meine spricht beim German Cancer Survivors Day der Niedersächsischen Krebsgesellschaft gemeinsam mit den Betroffenen Karin Köchel und Angelika Appelhans über Krebs. Quelle: Frank Wilde

Scorpions-Frontmann Klaus Meine wirbt für Früherkennung

Scorpions-Sänger Klaus Meine wirbt dafür, Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Krebs unbedingt wahrzunehmen. „Die Früherkennung verbessert die Heilungschancen deutlich. Ich habe selbst mehrere enge Freunde durch Leukämie und Prostatakrebs verloren.“ Meine selbst geht seit rund 20 Jahren zur Darmspiegelung. „Mutige gucke dabei sogar zu. Aber ich lasse mich lieber vorher ausknipsen.“ Es gebe überhaupt keinen Grund, Angst vor der Untersuchung zu haben, betont der Musiker. Wenn dabei kleine Polypen gefunden werden, können sie sofort entfernt werden.

Meine ist bereits seit 2012 Schirmherr der Niedersächsischen Krebsgesellschaft. Deshalb tritt er an Tagen wie dem German Cancer Survivor Day am Donnerstag an die Öffentlichkeit. „Es klingt komische, wenn ein alter Rock’n’Roller das sagt, aber mit gesunder Ernährung und Bewegung lässt sich viel erreichen.“

Die verbesserten Überlebenschancen von Menschen mit Krebs machen eine ganz andere Unterstützung notwendig. Denn eine Heilung, auch der psychischen Folgen, braucht lange Zeit. Karin Köchel, selbst 2016 an Brustkrebs erkrankt, hat ihr Leben stark umgestellt. Rotes und rohes Fleisch, das sie gerne aß, sind vom Speiseplan gestrichen. „Ich lebe anders als vorher. Dinge, die mir nicht guttun, meide ich“, erzählt die 77-Jährige. Dazu gehören auch Konflikte, die sie als nutzlos empfindet.

In den vergangenen zehn Jahren haben knapp 250.000 Menschen in Niedersachsen eine Krebsdiagnose bekommen. „Man muss dem nicht hilflos ausgeliefert sein“, sagt Meine. Die Niedersächsische Krebsgesellschaft bietet Betroffenen kostenfrei und schnell Beratung zur Krankheit, wirtschaftlichen, psychischen und familiären Problemen, außerdem Kurse. Sie kooperiert mit den rund 160 verschiedenen Selbsthilfegruppen in Niedersachsen.

 

Von Bärbel Hilbig

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