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Aus der Stadt Dieses Krippenspiel in Schwüblingsen ist Kult
Hannover Aus der Stadt Dieses Krippenspiel in Schwüblingsen ist Kult
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00:15 23.12.2018
Schwüblingsen: Probe für das Krippenspiel, das Hartmut Nemitz, 70, seit 32 Jahren mit den Dorfbewohnern aufführt. Quelle: Katrin Kutter
Schwüblingsen

Es ist pechschwarz und kalt draußen, als Familie Fricke ihr Haus verlässt und sich mit den Fahrrädern auf den Weg macht. In dem kleinen Dorf Schwüblingsen bei Uetze leuchten an diesem Dezemberabend nur wenige alte Straßenlaternen, die die Hauptstraße kaum erhellen. Was aber hell erstrahlt und mit leuchtenden Sternen in den Fenstern den Weg durch den dunklen Abend weist, ist das Tritonus. Die ehemalige Gaststätte mit angrenzendem Konzertsaal, direkt an der Hauptstraße des Ortes, ist das Ziel von Ernst, Carsten, Claudia und Corinna Fricke. Hier proben sie mit ihren Nachbarn und mit dem Chorleiter Hartmut Nemitz das Labeser Krippenspiel, das die Dorfgemeinschaft jedes Jahr am Sonnabend vor dem vierten Advent aufführt. Seit 32 Jahren. Auch in diesem Jahr.

Krippenspiel aus Pommern

Ernst Fricke spielt seit der ersten Aufführung 1986 einen der Hirten. „Nur in einem Jahr konnte ich nicht, aber sonst war ich immer dabei“, erzählt der 81-Jährige und lacht. Auch seine Enkelin Corinna spielt seit Jahren im Labeser Krippenspiel mit – früher als Engelskind, mittlerweile ist sie zum Engel aufgestiegen. ­„Alle aus unserer Familie sind Teil der Gruppe, mein Bruder kommt ­extra in den Semesterferien her, um beim Auftritt mitzumachen“, sagt die ­18-Jährige.

In seinem holzvertäfelten Veranstaltungssaal mit Bogendach übt Chorleiter Nemitz mit dem Krippenspiel-Ensemble vor allem die Gesänge. „Seien wir ehrlich, nach drei Jahrzehnten wisst ihr doch, wo ihr stehen müsst“, sagt Nemitz zu seinen Sängern und grinst. „Ehre sei Gott in der Höh’“ und „Es ist ein Ros’ entsprungen“ können die Sänger zwar eigentlich auswendig, aber sicher ist sicher. Im Ensemble gebe es einige Sängerinnen, die bereits vor 30 Jahren als Kinder mitgespielt hätten. „Die können jede Rolle auswendig mitsprechen“, sagt Nemitz. Sein Vater Walter brachte das Krippenspiel nach dem Zweiten Weltkrieg aus Pommern mit.

Es ist kein typisches Krippenspiel, das die Schwüblingser im Tritonus proben. Die meisten Rollen sind mit Erwachsenen besetzt, nur ein paar Kinder spielen mit. „Aber trotzdem geht es hier nicht um Perfektion“, erklärt Nemitz, der an der Käthe-Kollwitz-Schule in Hannover Musik unterrichtete und mehrere Chöre und Orchester leitete. „Wir haben im Chor auch ein paar ‚Brummer‘, aber das macht ja nichts. Und vor der Krippe knien soll nur, wer auch von alleine wieder hochkommt“, sagt der 70-Jährige mit Blick auf die älteren Sänger.

Verlässliche Sänger

Zweimal wird das Krippenspiel am Sonnabend vor Heiligabend aufgeführt. Seit 32 Jahren sind es immer die gleichen Lieder – immer der gleiche Text. „Normalerweise wäre das langweilig, aber diese Beständigkeit macht das Krippenspiel aus und bedeutet uns deshalb so viel“, sagt Nemitz. Seit der ersten Aufführung vor 32 Jahren hat sich das Spiel zu einer Konstanten im Dorf entwickelt und ist Tradition geworden. In Schwüblingsen ist ein Weihnachten ohne das Krippenspiel unvorstellbar.

Auf seine Sänger kann sich Nemitz deshalb verlassen. „Das Krippenspiel musste noch nie ausfallen, es gab nie zu wenig Schauspieler“, sagt der Chorleiter. Meist würden um die 40 Menschen auf der Bühne stehen. „Es gab aber auch schon mal so viele Engel, dass nicht alle auf die Bühne passten und einige danebenstehen mussten“, sagt Nemitz und Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Dann muss er lachen, als er sich an eine Maria-Darstellerin erinnert. „Wir hatten mal eine hochschwangere Maria auf der Bühne und ich hatte eine Heidenangst, dass während der Aufführung das Kind kommt“, erzählt Nemitz. Es sei auch schon mal ein Engel von der Bühne geplumpst. Den gleichen Elan, den die Dorfbewohner zeigen, bringt auch Chorleiter Nemitz mit: „Solange ich laufen kann, werde ich das Krippenspiel machen“, sagt er entschlossen. Durch die gemeinsamen Aufführungen habe sich eine enge, wertvolle Gemeinschaft gebildet.

Eine kleine Änderung gibt es dann doch zum ersten Mal beim diesjährigen Krippenspiel in dem Dorf mit 600 Einwohnern: Hartmut Nemitz hat die Treppenstufen zur Bühne umgebaut. Nach 32 Jahren sind sie nicht mehr neben, sondern vor der Krippe, die noch leer auf der Bühne steht. Den Abgang müssen die Schauspieler deshalb gleich mehrfach üben. „Wir sind immer links runtergegangen, das ist das erste Mal, dass ich woanders hin muss“, ruft Ernst Fricke verwundert, als er sich plötzlich zwischen den Engeln wiederfindet und nicht bei seinen lachenden, männlichen Hirten-Kollegen. Nach 32 Jahren Krippenspiel ist man eben auch etwas eingefahren.

Von Tomma Petersen

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