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Aus der Stadt Kind in Hundebox gesperrt: Quälerei aus Überforderung?
Hannover Aus der Stadt

Landgericht Hannover: Kind in Hundebox gesperrt - Anklage erhebt schwere Vorwürfe

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19:16 23.09.2019
Andrea K. zeigte sich sehr gesprächig, ihr Verteidiger Helmut Wöhler griff nur selten ein. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

Den Vorwürfen, die Andrea K. zur Last gelegt werden, haftet etwas Monströses an. Am Montagmorgen um halb zehn, eine halbe Stunde nach Prozessbeginn am Landgericht Hannover, ist die Anklageverlesung beendet. Und alle Verfahrensbeteiligten und Zuschauer fragen sich: Kann das wahr sein? Sitzt hier wirklich eine Mutter auf der Anklagebank, die ihre zur Tatzeit sechs Jahre alte Tochter mehrfach in eine metallene Hundebox sperrte, um sie zu bestrafen? Die dem Kind als erzieherische Brachialmaßnahme ein elektrisches Hundehalsband anlegte, mindestens einmal auch auslöste und das kleine Mädchen bei anderer Gelegenheit mit Peitsche und Ledergürtel schlug? Jeder im Gerichtssaal nimmt die 44-Jährige genau in den Blick. Mustert die ein wenig füllige Person mit dem runden, kindlich wirkenden Gesicht und den kreisrunden Brillengläsern. Sieht so eine Horrormutter aus?

Angeklagte redet viel

Drei Stunden später stellt sich die Sachlage nicht mehr so eindeutig dar wie um halb zehn. Denn die 44-jährige, in Hannover geborene Frau hat geredet. Frei von der Leber weg, nur gelegentlich von Verteidiger Helmut Wöhler mit Stichworten versorgt. Auch auf die Nachfragen der Richter, der Staatsanwältin und der drei Sachverständigen antwortet die jetzt im Kreis Lippe wohnende Angeklagte bereitwillig. Wirkt erstaunlich reflektiert. Stellt Begebenheiten differenziert dar.

Von dieser Machart war der Käfig, in den die Mutter ihr Kind einsperrte. Wie oft und wie lange, ist noch offen. Quelle: Archiv

Einige wenige Tatvorwürfe gibt K. zu, stellt sie aber in einem völlig anderen Licht dar als von der Anklage vorgetragen. Die Sache mit dem Käfig etwa. Oder dem Aussetzen im Wald. Generell überfordert gewesen sei sie mit ihrer verhaltensauffälligen und schwierigen Tochter, das schon. Aber sie habe sich doch auch ganz viel um ihr Kind gekümmert. Und immer nur sein Bestes gewollt.

Während der nächsten sechs Verhandlungstage, die die Jugendkammer 1 unter Vorsitz von Richter Stefan Lücke anberaumt hat, werden noch etliche Zeugen vernommen. Dann wird man klarer sehen, was wahr ist und was nicht.

Kinder in Obhut des Jugendamts

Andrea K. ist wegen schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung und Freiheitsberaubung angeklagt. Die Taten sollen sich zwischen August 2016 und September 2017 abgespielt haben. In einer Siedlung am Würmsee nahe Burgwedel. Später zog die Mutter nach Fuhrberg um, jetzt wohnt sie im Kreis Lippe. Die nunmehr neun Jahre alte Tochter und ihre vierjährige Schwester befinden sich inzwischen in der Obhut des Jugendamts und sind in einer Einrichtung im südlichen Niedersachsen untergebracht.

Das Kind soll in einem Haus in einer Siedlung nahe dem Würmsee gequält worden sein. Quelle: Bert Strebe

Am Nachmittag wird im Gerichtssaal eine mehr als anderthalbstündige Befragung der Neunjährigen gezeigt, die per Videokamera aufgenommen wurde. Ein sehr aufgewecktes, erzähl- und bewegungsfreudiges Kind ist auf den Bildschirmen zu sehen; der Großteil der Vorwürfe gegen Andrea K. beruht auf den Aussagen ihrer Tochter.

Schreie im Wald

Die Mutter habe das Mädchen nur mit Strümpfen bekleidet in einem nahegelegenen Wald ausgesetzt, weil es seine Hausaufgaben nicht gemacht habe, lautet einer der Anklagepunkte. Dann sei K. langsam mit dem Auto losgefahren, das Kind sei weinend hinterhergelaufen. Die 44-Jährige erzählt, dass sie selbst in ihrer arg problematischen Kindheit von ihrem Vater zu einem Strand gebracht worden sei, um ihre Wut herausschreien zu können. Ihr habe das gutgetan. Diese Methode habe sie auch bei ihrer Tochter angewandt, aber deren unkontrollierbares Geschrei schon im Auto aufgezeichnet, um es später einem Psychologen vorspielen zu können. Von Aussetzen könne keine Rede sein, nur einmal habe sie ihren am Waldrand geparkten Ford Focus ein paar Meter versetzen müssen, weil er im Wege stand.

Die eigene Kindheit: Sie spielt immer wieder in die Aussagen von Andrea K. hinein, wenn sie zu den Tatvorwürfen befragt wird. Ihre drogenabhängige Mutter konnte sich nicht um sie kümmern und starb früh. Gleich nach der Geburt kam das Kind in ein Heim, mit viereinhalb Jahren in eine Pflegefamilie. Zu diesen Pflegeeltern hat K. ein sehr ambivalentes Verhältnis: Mal beschreibt die Angeklagte sie als „heilig“, dann wiederum berichtet sie von erheblichen Meinungsverschiedenheiten über die Erziehung ihrer beiden Töchter.

Vater hat kein Sorgerecht

Bäckerlehre, Krankenhelferausbildung, jahrelange Arbeit in der Pflege, dann eine Tätigkeit beim Technischen Hilfswerk und die Anschaffung von zwei belgischen Schäferhunden waren wichtige Stationen auf K.s Lebensweg; ab und zu nahm sie später auch noch andere Hunde in Pflege. Der Kindsvater, mit dem sie nie verheiratet war und der kein Sorgerecht hat, war ihrer Aussage nach unzuverlässig und kümmerte sich nur sporadisch um die Töchter. Dabei gab es viel zu tun: 17-mal habe die Ältere wegen einer Fehlbildung im Gesicht operiert werden müssen, sei in Sprachheilkindergarten sowie Schule sehr aufmüpfig gewesen und habe auch ihr das Leben schwer gemacht.

„Überfordert“ – diese Vokabel benutzt Andrea K. sehr oft. Ihrer Darstellung nach erbat sie sich immer wieder Hilfe: vom Jugendamt, von der Familienhebamme, vom Kindsvater. Am 11. Juli 2017 sei wieder einer dieser aufreibenden Tage gewesen: Ihre Tochter habe friedlich in einer metallenen Hundebox – 91 mal 62 mal 69 Zentimeter – gespielt, mit ihren Kuscheltieren, habe sich dann aber mit aller Macht gewehrt, zum Logopädieunterricht zu gehen. Daraufhin habe sie die Tür mit Kabelbindern verschlossen, damit das Kind nicht auf die Straße läuft, und ihren Mann aus dem Nachbarort zu Hilfe geholt. Dieser befreite das weinende Kind aus dem Käfig. Niemals habe sie ihre Tochter zur Bestrafung eingesperrt, versichert die Angeklagte, habe ihr auch nie ein elektrisches Hundehalsband umgelegt. Einmal nur habe sich die Sechsjährige, als sie „Hund“ gespielt habe, selbsttätig ein Stachelhalsband angelegt; dies habe sie schließlich nur mithilfe des Vaters lösen können.

Massive Konflikte

„Ich wollte immer alles zu 150 Prozent richtig machen, das war sicher falsch“, sagt K. Sie habe an den Wochenenden häufig etwas mit ihren Töchtern unternommen, habe für einen gemeinsamen Dänemark-Urlaub sogar einen Kredit aufgenommen. Doch die Konflikte mit der rebellischen Älteren wurden immer heftiger und lauter, hinzu kam die auf dem Rücken der Kinder ausgetragene Rivalität mit den Pflegeeltern. „Ich war manchmal sehr gereizt und schroff“, gibt die Angeklagte zu. Und: „Die letzten Jahre waren die Hölle.“ Nur für sie?

Die Tochter war zwischen Mai und November 2018 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Krankenhauses Auf der Bult untergebracht. Behandelt wurde sie dort wegen einer Persönlichkeits- und Bindungsstörung; die Ärzte glauben, dass ein weiterer, langjähriger stationärer Aufenthalt in einer kinder- und jugendspezifischen Einrichtung nottut. Der Kindsvater, 41 Jahre alt, wurde im März dieses Jahres vom Amtsgericht Burgwedel per Strafbefehl zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten verurteilt: wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen und wegen eines Falls von Körperverletzung im Sommer 2017. Dieses Urteil ist bereits rechtskräftig, am Dienstag soll der Vater vor der Jugendkammer als Zeuge aussagen.

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Von Michael Zgoll

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