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Aus der Stadt Pflegevater in Prozess um Kindesmissbrauch freigesprochen
Hannover Aus der Stadt Pflegevater in Prozess um Kindesmissbrauch freigesprochen
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00:22 22.03.2019
Der Angeklagte - hier mit seinem Anwalt Heimo Faehndrich - konnte das Landgericht als freier Mann verlassen. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 Ein 56-jähriger Mann, der wegen schweren sexuellen Missbrauchs seiner Pflegetochter im Jahr 2000 angeklagt war, ist am Dienstag vom Landgericht Hannover freigesprochen worden. Die Jugendkammer 1 unter Vorsitz von Stefan Lücke urteilte, es gebe viele „Ungereimheiten“ in den Aussagen des heute 30 Jahre alten vermeintlichen Opfers, die die Aussagen der Frau als „zweifelhaft“ erscheinen ließen. Die Kammer wollte ihr aber keine absichtlichen Falschaussagen unterstellen und erklärte, dass sich wahrscheinlich in der schwierigen Kindheitsgeschichte der Frau Begründungen für ihre Behauptungen finden ließen. So hätten sich bei ihr offenbar „Pseudoerinnerungen“ entwickelt.

Das vermeintliche Opfer war 1999 im Alter von zehn Jahren zu den Pflegeeltern gekommen, die auf einem Bauernhof südwestlich von Hannover lebten. Die Ursprungsfamilie des Mädchens war zerrüttet, die Mutter Alkoholikerin und mit vielen Männern intim, die Ehe gescheitert. Bei der Pflegefamilie ging zunächst alles gut, doch dann wiederholte sich das Drama ansatzweise: Auch die Pflegemutter fing an zu trinken, der Pflegevater – der jetzt auf der Anklagebank saß – begann eine sexuelle Beziehung mit einer Nachbarin, es folgte ein Sorgerechtsverfahren. Hier wurde entschieden, dass das Kind grundsätzlich bei der Pflegemutter leben sollte, den Pflegevater aber regelmäßig an den Wochenenden sehen durfte.

Freimütige Aussagen

Der heute 56-Jährige hatte zu Beginn des Landgerichtsprozesses sehr freimütig geschildert, wie seine elfjährige Pflegetochter ihm im Jahr 2000 in immer stärkerem Maße sexuelle Avancen gemacht und wie er sich derer erwehrt hatte. Die von der inzwischen als Altenpflegerin tätigen Frau erhobenen Vorwürfe, er habe mit ihr als Kind geschlafen, sie zum Oralverkehr oder zu einer Intimrasur auf dem Wohnzimmertisch gezwungen, hatte der gelernte Kfz-Mechaniker und Berufskraftfahrer vehement abgestritten. Allerdings habe er mit dem „wilden Kind“, um dessen extreme Neugier an sexuellen Themen zu befriedigen, durchaus ein Oswalt-Kolle-Buch durchgeblättert, sagte der Angeklagte. Auch habe er zugelassen, dass das Mädchen – bekleidet im Nachtzeug – neben ihm im Ehebett geschlafen habe. „Vielleicht wollte sich das Kind dem Pflegevater sexuell andienen, um ihn nicht auch noch zu verlieren“, schilderte Richter Lücke einige Überlegungen der Kammer.

Das Gericht verwies darauf, dass im Jahr 2000 niemand etwas von sexuellen Übergriffen des Pflegevaters mitbekommen hatte: seine Frau nicht, seine Freundin nicht, das Jugendamt nicht. Auch habe das vermeintliche Opfer, das die Anschuldigungen 2016 erstmals vorbrachte, bei Polizei, Gutachterin und Gericht teilweise widersprüchliche Angaben gemacht. Zudem seien die Aussagen zum „Kerngeschehen“ eines behaupteten Kindesmissbrauchs viel zu wenig detailliert gewesen, um glaubhaft zu sein. So war der Freispruch für den Pflegevater die einzig mögliche Entscheidung.

Von Michael Zgoll

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