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Aus der Stadt 250.000 Euro Schmerzensgeld sind möglich
Hannover Aus der Stadt 250.000 Euro Schmerzensgeld sind möglich
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17:37 16.08.2018
Anwalt Andreas Hüttl vertritt Vanessa Münstermann in dem Zivilprozess vor dem Landgericht Hannover.
Anwalt Andreas Hüttl vertritt Vanessa Münstermann in dem Zivilprozess vor dem Landgericht Hannover. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Die 29-jährige Vanessa Münstermann, die im Februar 2016 durch einen Säureangriff ihres Ex-Freundes Daniel F. schwer verletzt wurde, hat gute Chancen, ein Schmerzensgeld von rund 250.000 Euro zu erstreiten. Das wurde am Donnerstag nach einer mündlichen Verhandlung der 20. Zivilkammer des Landgerichts Hannover deutlich. „Auch wenn eine derartige Summe für deutsche Verhältnisse sehr hoch ist, halten wir eine solche Größenordnung in diesem Fall für angemessen“, sagte die Vorsitzende Richterin Stefanie Piellusch. Der 32-jährige Täter hatte dem Opfer absichtlich Industriereiniger, der zu 96 Prozent aus stark ätzender Schwefelsäure besteht, ins Gesicht geschüttet. „Hätte Vanessa Münstermann etwas davon geschluckt, wäre sie vielleicht sogar gestorben“, ergänzte Piellusch. Das hannoversche Schwurgericht hatte F. im August 2016 wegen schwerer Körperverletzung zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Landgericht Hannover hält Schmerzensgeldforderung von mindestens 250.000 Euro für angemessen

Beim Zivilprozess am Donnerstag waren weder Opfer noch Täter im Gerichtssaal. „Mein Mandant hätte kommen können, wollte aber nicht“, erklärte F.s Anwalt Max Marc Malpricht. Vanessa Münstermann dagegen stand der Öffentlichkeit vor der Verhandlung Rede und Antwort. „Ich habe Angst, Daniel jemals wiederzusehen, mache mir auch schon große Sorgen, was nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis passiert“, sagte die 29-Jährige. Inzwischen lebt sie mit einem neuen Freund – er ist Mechatroniker – in einer Wohnung in Hannover, hat vor knapp drei Monaten eine Tochter zur Welt gebracht.

Noch höhere Entschädigung?

Bei der von Vanessa Münstermann und ihrem Anwalt Andreas Hüttl geforderten Summe von „mindestens 250.000 Euro“ dürfte es nicht bleiben. Denn Hüttl kündigte an, auch noch einen „Erwerbsminderungsschaden“ geltend zu machen. Die gelernte Kosmetikerin kann nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten, weil sie aufgrund des Säureangriffs ihr linkes Auge verloren hat und ihr räumliches Sehen erheblich eingeschränkt ist. Außerdem, so Richterin Piellusch, sei das linksseitige Hörvermögen der jungen Frau infolge der Verätzungen dritten Grades stark beeinträchtigt, könne sie den Kopf nur noch unvollkommen bewegen, habe wegen wuchernden Gewebes in der Nase Atemprobleme – und sei in Gesicht, Dekolleté sowie an einem Oberschenkel und einer Hand erheblich entstellt. Ihre medizinische Behandlung wird sich noch lange fortsetzen.

Doch fraglich ist, ob Vanessa Münstermann jemals einen Euro von dem ihr wahrscheinlich zugesprochenen Schmerzensgeld sehen wird. Daniel F. sitzt in Haft, hat keinen Schulabschluss, keine Berufsausbildung, kein Vermögen. Sein Adoptivvater, ein nahe Freiburg lebender Schönheitschirurg, hatte dem Opfer vor zwei Jahren zwar außergerichtlich 50.000 Euro zukommen lassen. Doch ein Vergleichsangebot jüngeren Datums, das Anwalt Malpricht in der Verhandlung auf 80.000 bis 100.000 Euro bezifferte, lehnte die 29-Jährige ab. „Die Adoptiveltern haben von mir verlangt, dass ich als Gegenleistung nicht mehr öffentlich über den Fall rede, damit die Familie zur Ruhe kommen kann“, sagte Münstermann. Doch das habe sie abgelehnt, da der offensive Umgang mit ihren Narben und ihren Einschränkungen für sie eine Art Therapie sei: „Ich würde kaputtgehen, wenn ich schweigen müsste.“

Opfer will sich nicht verstecken

Offensiv: So ist der Umgang der 29-Jährigen mit ihren lebenslang sichtbaren Verletzungen tatsächlich am besten beschrieben. Neuerdings prangt an ihrem Hals ein Tattoo – die chemische Formel für Schwefelsäure. Ihr verlorenes Auge versucht Münstermann nicht mit einer naturnahen Nachbildung zu kaschieren, sondern trägt dort eine kleine, spiegelnde Silberplatte zur Schau. Sie will provozieren und sich nicht verstecken, auch wenn ihr Panikattacken wie jüngst in einem Drogeriemarkt unangenehm sind: „Da hatte ich in Bezug auf Daniel ein Déjà-vu und bin schreiend rausgerannt.“

Bei der Bewältigung der ebenso menschenverachtenden wie schmerzhaften Attacke ihres Ex-Freundes hilft der jungen Frau auch die Arbeit in dem von ihr gegründeten Verein „AusGezeichnet“. 15 Opfer – davon vier Säureopfer – betreut der Verein derzeit, der Großteil der bislang eingegangenen Spendengelder von 5000 Euro wird in Hilfspakete mit speziellen Vitaminpräparaten oder Cremes zur Narbenbehandlung gesteckt. „Bei Facebook werde ich beschimpft, weil schon so viel über mich berichtet wurde, aber man darf und kann einem Opfer wie mir nicht den Mund verbieten“, sagt sie trotzig. Abgesehen davon sei ihre finanzielle Situation schlecht. Die bereits gezahlten 50.000 Euro Schmerzensgeld seien verbraucht, unter anderem für Anwaltskosten und medizinische Behandlungen, jetzt müsse sie mit jedem Cent rechnen: „Daniel hat mich mit seiner Tat wirtschaftlich ruiniert.“

Daniel F. hat nichts

War es nicht leichtfertig, die von den Adoptiveltern angebotene Summe von bis zu 100.000 Euro auszuschlagen? Nein, darauf beharrt Vanessa Münstermann, der Preis eines Schweigegelübdes sei zu hoch gewesen. Dass ihr Ex-Freund nach einem Versterben seiner Adoptiveltern zu Geld kommen könnte, ist allerdings auch in weite Ferne gerückt. Nach Auskunft von Anwalt Malpricht hat das ältere Ehepaar Daniel F. jüngst mitgeteilt, ihn enterben zu wollen – einschließlich seines Pflichtteils. Außerdem stehe von staatlicher Seite noch eine Forderung von 176.000 Euro im Raum, unter anderem die erheblichen Auslagen für die medizinische Behandlung der jungen Frau.

Die Zivilkammer des Landgerichts wird am 2. Oktober verkünden, welches Schmerzensgeld sie dem Säureopfer zubilligt. Sollte das Urteil Rechtskraft erlangen, darf Vanessa Münstermann bei Daniel F. 30 Jahre lang auf einer Zwangsvollstreckung beharren – wenn es denn etwas zu vollstrecken gibt.

Von Michael Zgoll