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Aus der Stadt Mieter verärgert über Wohnungskonzern Vonovia
Hannover Aus der Stadt Mieter verärgert über Wohnungskonzern Vonovia
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09:00 21.09.2018
Anwohner in Leinhausen beschweren sich über Vonovia.
Anwohner in Leinhausen beschweren sich über Vonovia. Quelle: Foto: Nele Schröder
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Leinhausen

Wochenlanger Lärm, täglicher Schmutz, unpünktliche Handwerker – solche Unannehmlichkeiten bleiben bei Wohnungssanierungen oft nicht aus. Bei den aktuellen Bauarbeiten in den Wohnungen des Konzerns Vonovia in Leinhausen haben die Belastungen offenbar ein solches Ausmaß angenommen, dass mehr als 60 Mieter die jüngste Bezirksratssitzung in Herrenhausen-Stöcken nutzten, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen. Sie warfen Vonovia unter anderem vor, Baumaßnahmen ohne Absprachen einzuleiten, mehrmonatige Verzögerungen in Kauf zu nehmen und die Mieten rücksichtslos zu erhöhen. Vonovia-Geschäftsführer Ulrich Schiller gab sich reumütig. „Ich muss mich für die Beeinträchtigungen entschuldigen“, sagte er. Er versprach, dass sich Vonovia um jeden Beschwerdefall kümmere. „Wir müssen mehr tun“, sagte er, etwa strenger darauf achten, dass die Baufirmen ihre Zeitpläne einhalten.

316 Wohnungen gehören der Vonovia in Leinhausen. Im vergangenen Jahr hat der Konzern nach eigenen Angaben 10,7 Millionen Euro investiert, um den Bestand zu sanieren und zu modernisieren. In diesem Jahr kommen noch einmal knapp 7 Millionen Euro hinzu. Die Arbeiten ziehen sich hin, erst 2020/21 soll alles fertig sein. Vonovia-Häuser stehen unter anderem in den Straßen Northeimer Wende, Fuldaer Wende und in der Stöckener Straße.

Ein Mitglied des Bezirksrats, Elvira Schmidt (CDU), ist Betroffene. Sie rechnet Vonovia in der Bezirksratssitzung vor, dass ihre Miete um 44 Prozent erhöht worden sei. Demgegenüber sei die Firma ihren Eigentümerpflichten nur unzureichend nachgegangen. „Bei einem Wasserschaden mussten wir monatelang warten, bis Handwerker kamen“, sagt Schmidt. Vonovia habe am Telefon oft versucht abzuwimmeln oder sei überhaupt nicht erreichbar gewesen. Von den anderen wütenden Mietern auf den Besucherstühlen erntet Schmidt Applaus.

Vonovia-Geschäftsführer Schiller will die Fehler nicht kleinreden, betont aber, dass seine Firma keine „Hinhaltetaktik“ verfolge. „Die Handwerkerkapazitäten reichen manchmal nicht aus“, sagt er. Die Baubranche boome, Handwerker hätten volle Auftragsbücher, Arbeiten an einer Stelle verursachten Zeitverluste an anderer, und so ergäben sich Dominoeffekte. „Für Verzögerungen, die wir verursachen, übernehme ich die Verantwortung“, sagte Schiller.

Andere Bewohner der Vonovia-Wohnungen berichteten von fehlerhaft eingebauten Fenstern und von Dämmstoffen, die im Keller angebracht wurden, aber nach kurzer Zeit bröckelten. „Das ist Pfusch am Bau“, sagte ein Anwohner erbost. Schiller versuchte, die Gemüter zu beruhigen. „Wir können die Firmen nur auffordern, die Mängel abzustellen“, sagte er. Sollte tatsächlich in einem Keller eine fehlerhafte Dämmung angebracht worden sein, sei das „ein Skandal“.

In der erregten Debatte wurde auch deutlich, dass es für den Eigentümer manchmal nicht leicht ist, es allen Mietern recht zu machen. So wünschten sich die einen einen großen Balkon, der vor ihrer Fassade montiert wird, andere fürchteten die Mieterhöhung und protestierten gegen eine Balkonmontage. „Da wird es schwierig für uns“, sagt Schiller.

Einig waren sich alle Beschwerdeführer darin, dass Vonovia zu wenig mit seinen Mietern spricht und die Baumaßnahmen schlecht kommuniziert. „Wir werden jetzt Mitarbeiter abstellen, die die Bauarbeiten begleiten und als Ansprechpartner dienen“, kündigte Schiller an. Auch nahm er einen Vorschlag aus dem Bezirksrat auf und will regelmäßige Mieterversammlungen „begleitend zu den Baumaßnahmen“ einberufen.

Kommentar: Erstaunlich, was die Politik zulässt

Wohnen, sagte Bundesfamilienministerin Katarina Barley, ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Das ist unter anderem deshalb richtig, weil Wohnen Geld kostet. Das bekommen derzeit Mieter des börsennotierten Konzerns Vonovia zu spüren, die nach Modernisierungen 30 oder 40 Prozent Aufschlag zahlen müssen – jeden Monat und auf Dauer. Ganz legal. Und der Konzern reizt diese Spanne aus, im Interesse seiner Aktionäre, die ordentliche Dividenden erwarten.

Natürlich sind manche Modernisierungen an Mietshäusern sinnvoll und müssen sich lohnen. Erstaunlich aber, dass der Gesetzgeber, die Politiker im Deutschen Bundestag also, solche unverschämten Mietsteigerungen zulässt.

Von Andreas Schinkel