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Aus der Stadt Kiez-Initiativen liegen über Kreuz
Hannover Aus der Stadt Kiez-Initiativen liegen über Kreuz
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00:17 05.04.2019
Markige Worte: Malte Mackenrodt von Elminja verliest im Bezirksrat sein Redemanuskript. Quelle: Irving Villegas
Linden-Mitte

Sie verstehen sich als Vertreter ihres Viertels, doch dieser Anspruch ist umstritten. Das ist im Freizeitheim Linden nicht zu überhören. Drei Befürworter der Initiative Jamiel-Kiez stellen im gut gefüllten Saal ihre Idee eines ruhigen, vom Durchgangsverkehr befreiten und begrünten Anwohnerquartiers vor. Danach wird es unruhig. Malte Mackenrodt von der Gegenbewegung Elminja-Kiez verliest ein mehrseitiges Manuskript, in dem er Jamiel „zutiefst autoritären und elitären und allen benachbarten Menschen und Straßen gegenüber höchst unsolidarischen Größenwahn des bezirkspolitisch gut vernetzten Wohlstandsbürgertums“ vorwirft. Für seinen temperamentvollen Vortrag bekommt der Mann mit der Strickmütze donnernden Applaus aus dem Publikum.

Anhörung mit Jamiel und Elminja

Eingeladen zu der Anhörung, die in einer Konfrontation mündet, hat der Bezirksrat Linden-Limmer. Die Politiker stehen den Plänen von Jamiel (das steht für Jacobs-, Minister-Stüve- und Eleonorenstraße) überwiegend wohlwollend gegenüber: Sie hatten im Februar mit großer Mehrheit einen Prüfauftrag an die Stadt verabschiedet. Der Konflikt der beiden Gruppen aber schwelt schon länger und wurde bisher vor allem auf Facebook ausgetragen.

Im Januar 2018 war die Jamiel-Gruppe mit ihren Vorstellungen erstmals an die Öffentlichkeit getreten: Parkplätze sollen in dem Quartier nur noch für Anwohner verfügbar sein; lediglich Lieferanten, Müllabfuhr, Handwerker, Krankenwagen und Taxis sollen weiter einfahren dürfen. Vorbild der Initiative sind „Superblocks“ wie in Barcelona, wo Kinder auf der Straße spielen, Sitzecken zum Verweilen einladen und weniger Verkehr mehr Nachbarschaft möglich macht. Zwischen sechs und 60 Nachbarn kommen nach Angaben der Initiative zu den regelmäßigen Treffen, 129 Mitglieder hat die geschlossene Facebook-Gruppe.

Ein Kiez für alle?

Jamiel sei ein „Kiez, den es nie gab und gibt“, erklärt Mackenrodt im Bezirksrat. Im Kern wirft er der Initiative vor, einer großen Zahl der nach seinen Worten rund 1000 Anwohner des Viertels die Wünsche einer Minderheit zu diktieren. Dort lebten etliche, „die keine Lust darauf haben, dass man sie mit Kiezkampagnen nervt und, ohne sie gefragt zu haben, ihren Lebensraum umgestaltet“. Mackenrodt („Ich bin kein Autofreak und plane noch in diesem Jahr, mein Auto abzuschaffen“) sieht nicht den Durchgangsverkehr als zentrales Problem im Viertel an, sondern die „Angst vor weiteren Mietpreissteigerungen und Gentrifizierung und damit einhergehend: sozialer Verdrängung“. Er wirft Jamiel vor, von Lobbyisten umweltpolitischer Gruppen geleitet zu sein – und verteilt auch einen Seitenhieb an die grüne Bezirksratsfraktion und deren Vorsitzenden Daniel Gardemin.

Zuvor schildern die Jamiel-Vertreter ihre Sicht. „Seit es die Initiative gibt, grüßen sich die Nachbarn“, sagt Philip Beuse aus der Jacobsstraße. Vor allem für Familien mit Kindern und Senioren sei eine neue Form gegenseitiger Hilfe entstanden. „Wir haben hier ein Testfeld zum Ausprobieren“, meint Anwohner Ingo Garrels. Es sei falsch, Jamiel auf das Verkehrsthema zu reduzieren. Es gehe nicht darum, dass jeder Anwohner seinen Parkplatz vor der Tür haben will. „Wir wollen das Umfeld attraktiver machen.“ Das Projekt habe „modellhaften Charakter“, eine Beteiligung sei erwünscht. Andreas Feldmann aus der Minister-Stüve-Straße hat seinen 13-jährigen Sohn Jesse dabei und erklärt, man wolle mit Baumscheiben und Pflanzkübeln das „Mikroklima verbessern“. Jamiel-Sprecher Oliver Thiele fehlt bei der Anhörung.

Nachbarn vernetzen sich

Im Bezirksrat haben sich drei weitere Quartiersinitiativen vorgestellt. Dazu zählt das Projekt LiNa, das sich für Klimaschutz im Viertel um Brunnen- und Tegtmeyerstraße in Limmer einsetzt. Ziel ist es, den CO2-Ausstoß im Alltag deutlich zu senken, etwa durch energetische Sanierungen. Am 5. April um 17 Uhr trifft bietet LiNa eine Infotour an, Treffpunkt ist in der Tegtmeyerstraße 11; Anmeldungen unter lina@wissenschaftsladen-hannover.de oder bei Felix Kostrzewa, Telefon (0179) 2170478. Der Nachbarschaftskiosk am Sporlederweg 13b bringt die Menschen zusammen, die in Linden-Süd in den Vonovia-Wohnblocks leben. Am Dienstag, 23. April, um 15 Uhr wird rund um den dortigen Bücherschrank ein Fest gefeiert. Kontaktmann ist Martin Lange unter Telefon (01520) 2623057. Normal in Linden (NiL) ist der Name des integrativen Begegnungszentrums der Lebenshilfe an der Charlottenstraße 1, das unter Telefon 89707989 erreichbar ist. jk

Auch aus dem Publikum gibt es Kritik. Anfangs habe er hinter Jamiel gestanden, berichtet Carsten Hanisch aus der Jacobsstraße. „Doch nun soll ein Verkehrskonzept durchgedrückt werden, das viele hier nicht okay finden.“ Der Parkdruck werde sich in andere Straßen verschieben. Realistischer sei, Stadtteilparkhäuser zu bauen, etwa auf der Fläche des alten Kohleumschlagplatzes am Küchengarten. Er kritisiert auch den Bezirksrat: „Da wurde ein Antrag aus Empathie verabschiedet – so werden Hoffnungen geweckt und Unsicherheiten geschürt.“ 421 Nutzer hatten Elminja auf Facebook bis Dienstagnachmittag geliked; Mackenrodts Rede, die er dort veröffentlicht hat, hatte bis dahin 119 positive Bewertungen.

Bei der Anhörung im Bezirksrat kommen neben den Kontrahenten auch andere Nachbarschaftsinitiativen zu Wort.

Die Politiker bleiben bei ihren Positionen. „Solche Eigeninitiativen sind ein Aushängeschild Lindens“, erklärt Grünen-Fraktionschef Gardemin, der auch dem Stadtrat angehört. Steffen Mallast, Grünen-Kollege im Bezirksrat, sagt: „Man muss jetzt viele Interessen berücksichtigen.“ SPD-Fraktionsvize Eike Geffers lobt Jamiel: „Soziale Infrastruktur ist belebend.“ Gelegenheit, auf Mackenrodts Vortrag einzugehen, gibt ihnen Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube aus Zeitgründen allerdings nicht mehr.

Kommentar: Kompromiss statt Konflikt

Sie sind angetreten, um Nachbarschaft und Miteinander im Quartier zu fördern. Doch inzwischen sorgt die Initiative Jamiel eher für Unfrieden im Viertel. Die Idee, den Bereich zwischen Jacobsstraße, Minister-Stüve-Straße und Eleonorenstraße nur noch für den Anliegerverkehr freizuhalten und andere Autos zu verbannen, spaltet die Meinungen unter den Anwohnern massiv. Das ist in der jüngsten Bezirksratssitzung deutlich geworden. Einer der Betroffenen fasste die Gemengelage vielleicht am besten zusammen: Anfangs, sagte er, habe er sich bei Jamiel gut aufgehoben gefühlt, doch mittlerweile gehe es den Vorkämpfern nur noch darum, ihr Verkehrskonzept durchzudrücken.

Das ist das Problem: Der grundsätzlich gute Vorsatz, Nachbarn besser miteinander zu vernetzen und in diesem Zuge auch das Wohnumfeld attraktiver zu gestalten, wird bei Jamiel zur exklusiven Angelegenheit. Die Initiatoren wollen ihr Quartier gleichsam abriegeln. Menschen mit Autos, die dort nicht wohnen, müssen draußen bleiben. Solche egoistischen Insellösungen können mitten in einem stark frequentierten Stadtteil wie Linden-Mitte nicht funktionieren. Der Verkehr und die Parkplatzsuche verlagern sich nur in andere Straßen. Die Jamiel-Aktivisten meinen zu wissen, was für alle gut ist, sprechen aber offenbar keineswegs für alle Betroffenen. Indem der Bezirksrat dieses Vorgehen mit seinem Prüfauftrag unterstützt, trägt er indirekt zur Konfrontation bei. Man muss die bewusste Polemik der Gegenbewegung Elminja nicht zu wörtlich nehmen, aber sie zeigt, dass sich der seit Längerem schwelende Konflikt zum offenen Streit zuspitzt. Am Ende kann nur ein Kompromiss stehen. Zumindest die in der Bezirksratssitzung anwesenden Jamiel-Mitstreiter zeigten sich bereits offener für eine Diskussion. Darauf müssen alle Nachbarn aufbauen.

Von Juliane Kaune

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