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Aus der Stadt Lüttje Lage: Ave, Josef!
Hannover Aus der Stadt

Lüttje Lage: Ave, Josef!

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09:00 24.12.2019
Simon Benne
Simon Benne Quelle: Franson
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Vorsichtig setzte ich den Stern aufs Krippendach. Dann arrangierte ich, die Zunge im Mundwinkel, die Figuren im Stall. Ich bin Teil einer großen Familie, und die Weihnachtszeit ist bei uns vor allem von Hektik geprägt. Um die innerfamiliären Arbeitsabläufe nicht noch weiter zu verkomplizieren, tue ich selbst in solchen Phasen ausschließlich das, was man mir aufträgt. Und an diesem Tag gehörte das Aufstellen der Krippe dazu.

Mild hielt ich den heiligen Josef in der Hand. Den unscheinbaren Laternengreis. In der ganzen Weihnachtsgeschichte ist er der ewige Statist. Der glanzlose Josef spricht in der kompletten Bibel nicht ein einziges Wort. Ein Heiliger bestenfalls für den Seitenaltar.

„Du musst noch einkaufen, fürs Keksebacken!“, rief meine erstgeborene Tochter jetzt streng ins Wohnzimmer. „Und vergiss nicht, uns zur Orchesterprobe zu fahren“, ermahnten mich ihre jüngeren Schwestern. Mein kleiner Sohn zerbröselte unterdessen ein paar Strohsterne, dann leerte er einen Schoko-Adventskalender mit großer Ernsthaftigkeit Türchen für Türchen.

„Mache ich alles, wie versprochen!“, rief ich demütig, während ich meinem Sohn sanft den Adventskalender entwand. Dann widmete ich mich wieder der Krippe. Sankt Josef, dachte ich, ist im Grunde der Schutzpatron der Emanzipation. Er hält dem Rest seiner Familie den Rücken frei, seiner gebenedeiten Frau Maria ebenso wie dem weltberühmten Sohn. Er ist im Krippenspiel maximal ein Kandidat für die beste Nebenrolle, und er nimmt es klaglos hin.

„Josef ist der stille Held der ganzen Geschichte“, hat Margot Käßmann mal in einer Weihnachtspredigt gesagt. Recht hat sie. So dachte ich, als ich meine Aufgabenliste weiter abarbeitete. Ich finde, gerade in der Adventszeit haben Männer wie Josef mal ein wenig Anerkennung verdient. Noch im größten Chaos kann man sich auf sie verlassen. Sie machen sich keine Gedanken darüber, ob die Nachwelt sie würdigt. Sie stehen verlässlich im Stall. Und halten die Laterne.

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Von Simon Benne