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Aus der Stadt Lüttje Lage: Der Fahrradführerschein
Hannover Aus der Stadt Lüttje Lage: Der Fahrradführerschein
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21:42 22.10.2018
Johanna Stein Quelle: HAZ
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Hannover

Kennen Sie dieses Gefühl des inneren Ungleichgewichts? Man weiß nicht, wohin mit sich. Rechts oder links? Nichts erscheint richtig. Die Suche nach sicherem Boden unter den Füßen, nach etwas, das Halt gibt – sie läuft ins Leere.

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So geht es mir beim Fahrradfahren. Als Gott den Gleichgewichtssinn vergeben hat, bin ich gerade die Treppe hochgefallen. Zwei aufeinandergestapelte A-Klassen hätten beim Elchtest bessere Chancen als ich auf dem Zweirad.

Und das obwohl ich den Fahrradführerschein besitze! Wie es allerdings dazu kam, bleibt ein Rätsel. In der Prüfung jedenfalls bog ich von der falschen Seite in eine Einbahnstraße ein und verlor vor lauter Aufregung über die spontane Geisterfahrt – Sie ahnen es – die Balance. Da lag ich dann mit meinem stützräderbefreiten Gefährt und hörte die mahnende Trillerpfeife des Prüfers aus der Ferne. Den Schein gab’s trotzdem, doch die Freude am Fahren sollte nie zurückkehren.

Allein der Gedanke daran treibt mir die Schweißperlen auf die Stirn: Stopp an der Ampel. Welches Pedal gehört wohin für den optimalen Start? Die Frage noch nicht zu Ende gedacht, schon Grün. Tritt ins Leere. Die Ersten klingeln. Neuer Versuch, das rechte Pedal unter Kontrolle zu bringen, Methode Rückwärts hoch. Linkes Pedal gegens Schienbein gehauen. Mist, die Dinger hängen zusammen. Wie genau? Für eine ausführliche Inaugenscheinnahme fehlt die Zeit, das Klingeln wird lauter. Das Hosenbein verheddert sich in der Kette, der Helm rutscht über die Augen. Autofahrer kurbeln die Fenster runter, die Smartphone-Kameras sind gezückt. Einige melden das Geschehen dem ADFC. Nächste Ampel, gleiches Spiel. Schließlich wurde die grüne Welle in Hannover per Ratsbeschluss verboten.

Kommt jetzt noch ein Happy End, fragen Sie sich? Möglich. Aber das fahrrad ich nicht.

Von Johanna Stein