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Aus der Stadt „Lüttje Lage“: Ein Lob der Hausarbeit
Hannover Aus der Stadt

"Lüttje Lage": Ein Lob der Hausarbeit

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14:59 03.04.2020
Simon Benne Quelle: Franson
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Hannover

Wir saßen am Küchentisch. Die ganze Familie. Den Umständen entsprechend friedlich. Wir sind ja alle miteinander in Homeoffice, Homekindergartening und Homemathestunding. Wir sitzen da jetzt oft. Jedenfalls öfter, als meinen Kindern lieb ist. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, erzählte ich vom Schwarzen Tod des Jahres 1348 – das war auch keine schöne Zeit damals! Und ich erinnerte daran, dass das gründliche Händewaschen den funkelndsten Edelstein im Schatzkästlein häuslicher Hygiene darstellt.

„Gott sei Dank haben wir jetzt per Mail neue Vokabeln zum Lernen bekommen“, sagte die erste meiner Töchter da unvermittelt. Die zweite nickte: „Vorhin kamen Matheaufgaben, da feiere ich den Lehrer hart.“ Die dritte schaute zu Boden: „Ich hätte nie gedacht, dass ich Schule mal so krass vermissen würde.“ Ich spitzte die Ohren. Sie litten offenbar an Quarantäne-Koller in seiner milden Verlaufsform.

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„Später werdet ihr an diese Tage oft zurückdenken“, prophezeite ich tröstend. Es ist ja so: Die Generation unserer Großeltern wurde kollektiv vom Krieg geprägt. Deren Kinder verschmolzen im büstenhalterlosen Kampf gegen den Kapitalismus zur Generation 1968. Mein eigener Jahrgang hat als sinnstiftendes Gemeinschaftsereignis nur das gemeinsame „Wetten, dass …?“-Gucken im Frottee-Schlafanzug zu bieten.

„Ihr aber werdet euch alle immer wieder an die große Corona-Pause erinnern“, sagte ich. „Bei jeder Party wird irgendwann das Gespräch auf den Frühling 2020 kommen. Es wird dann um Heimunterricht und Hamsterkäufe gehen, um abgesagte Skiurlaube, Skype-Freundschaften und Klatschen am offenen Fenster. Und ihr werdet dann alle selig lächeln, denn auch diese Zeit wird einmal die gute, alte Zeit sein.“

„Krass“, sagten meine Töchter. Dann gingen sie der Langeweile entfliehen, indem sie freiwillig Hausaufgaben machten. Ich wusste es immer: Erst wenn die letzte Netflix-Serie geschaut, das letzte Balkonlied gesungen und der letzte Mundschutz gehäkelt ist, werdet ihr feststellen, wie wertvoll die allgemeine Schulpflicht ist.

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Von Simon Benne

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