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Aus der Stadt „Lüttje Lage“: Mein Traum vom Seepferdchen
Hannover Aus der Stadt

Lüttje Lage: Mein Traum vom Seepferdchen

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20:30 25.06.2020
Simon Benne Quelle: Franson
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Hannover

Ich zuckte zusammen. Im Fernsehen lief ein alter Monumentalfilm. Moses teilte mit großer Geste das Wasser, und die Israeliten zogen trockenen Fußes durch das Rote Meer. Dass da jemand ein Meer teilt, konnte mich nicht weiter beeindrucken. Aber dass in der Massenszene Hunderte von Leuten ganz abstandslos Schulter an Schulter standen, ohne einen Gedanken an Aerosole und Infektionsketten zu verschwenden, fand ich atemberaubend. Mit leisem „Ts, ts, ts!“ schüttelte ich den Kopf.

„Huh, und alle ohne Maske!“, riefen meine drei Töchter höhnisch. Familienintern gelte ich nämlich als Corona-Spießer. Unermüdlich ermahne ich meine Kinder, unnötige Sozialkontakte zu vermeiden, also fast alle. Leider ernte ich dafür oft nur Spott.

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„Kürzlich wollte er, dass ich meinen Teebeutel vorm Aufbrühen desinfiziere“, moserte meine Erstgeborene. Mit „er“ bin in Gesprächen meiner Töchter prinzipiell ich gemeint. Die zweite behauptete genervt, dass ich jetzt immer einen Zollstock bei mir trüge, um die gebotene Distanz von 1,50 Metern zur Not schnell mal ausmessen zu können. Und die dritte setzte in die Welt, dass ich den Paketboten kürzlich gebeten hätte, seine Fracht einfach auf der anderen Straßenseite abzustellen, damit ich sie mir dann nachts dort abholen könnte. Aber das war fast alles frei erfunden.

Ich weiß schon, dass sich meine gesunde Achtsamkeit auch zur Sozialphobie auswachsen kann. Es ist ja auch beklemmend. Inzwischen können sich ja nur noch die Älteren daran erinnern, wie das damals war, als bei Konzerten und auf Tanzflächen lauter verschwitzte Menschen zu einer Masse verschmolzen. Das ist inzwischen fast so irreal wie die Aktion von Moses.

Immerhin habe ich noch Träume. Irgendwann, wenn alles wieder gut ist, möchte ich endlich mein Seepferdchen nachholen. Und danach werde ich genüsslich eine Chorprobe besuchen. Eine Chorprobe einer richtig sangesfreudigen Kirchengemeinde. In einer Shisha-Bar im Herzen von Gütersloh.

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Von Simon Benne

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