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Aus der Stadt „Lüttje Lage“: Das Goldstück im Garten
Hannover Aus der Stadt

"Lüttje Lage" von Simon Benne: Das Goldstück im Garten

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20:00 22.11.2021
Simon Benne
Simon Benne Quelle: Franson
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Er starrte vor Dreck, und er strahlte vor Freude. So rannte mein Sohn auf mich zu, mit der triumphalen Miene eines Diggers, der beim Schürfen am Klondike auf Nuggets gestoßen war: „Ich habe ein echtes Goldstück gefunden“, rief er. Seit einiger Zeit buddelt er gerne in unserem Garten herum. Meine Frau fürchtet um ihre Blumen, aber ich bin schon froh, wenn er dabei die Gefilde des alten Meerschweinchenfriedhofs möglichst meidet.

Jetzt streckte er mir eine verkrustete Münze entgegen. Ich kratzte Erde und Rost ab. Kein Zweifel: Ein echtes Zehn-Pfennig-Stück. „Bundesrepublik Deutschland, 1970“, las ich. „Damit konnte man früher bezahlen.“ Ich wurde ein bisschen wehmütig. Einst war mir so ein Groschen sehr vertraut gewesen. Jetzt lag er irgendwie fremd in meiner Hand. Diese ungeschlachte, klobige Größe. Das seltsame Layout der „10“ auf der Vorderseite. Das putzige Bäumchen auf der Rückseite.

Groschen für Kagummiautomaten

„Wir verkaufen das Goldstück, dann sind wir reich“, sagte mein Sohn zufrieden. Schonend bereitete ich ihn darauf vor, dass ihm die Mühen des Erwerbslebens wohl doch nicht erspart bleiben würden. Dann erzählte ich ihm allerlei über Wert und Wesen des Groschens.

Am Abend ließ er den Fund von seinen großen Schwestern bestaunen. „Diese Münze ist uralt und kommt aus einem Land, das Run-des-pe-bup-lik hieß“, klärte er sie auf. „Die Leute haben damit damals Maschinen gefüttert, aus denen dann Kaugummis herausfielen“, sagte er im professoralen Ton des archäologischen Experten. „Richtiges Geld, so wie wir, hatten sie zu der Zeit ja noch nicht.“

Ich kam mir plötzlich sehr alt vor. Dabei ist es noch nicht einmal 20 Jahre her, dass wir zum ersten Mal Euro-Münzen in die Finger bekamen. Immerhin habe ich jetzt eine vage Vorstellung davon, wie fasziniert Forscher künftiger Generationen einmal auf meine Kindheit zurückblicken werden.

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Von Simon Benne