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Aus der Stadt „Lüttje Lage“: Nach der Wahl ist vor der Wahl
Hannover Aus der Stadt

"Lüttje Lage" von Simon Benne: Nach der Wahl ist vor der Wahl

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15:03 13.09.2021
Simon Benne
Simon Benne Quelle: Franson
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Hannover

Wir hatten den Regenschauer abgewartet, ehe wir aus dem Haus gingen. Das hatten viele getan. Darum waren alle gleichzeitig zum Wahllokal aufgebrochen. Jetzt standen wir in einer langen Schlange davor und warteten. Für mich war es ein kleines Opfer. Aber mein Sohn trippelte nach zwei Minuten ungeduldig vor sich hin.

„In anderen Ländern müssen Leute dafür kämpfen, wählen zu dürfen“, erklärte ich ihm. Mit Erziehung zur Demokratie kann man ja nie früh genug anfangen. Sein Interesse hielt sich in Grenzen, er ging zu Turnübungen am Treppengeländer unserer Schule über.

Die Schlange zog sich durch das ganze Gebäude. Eine Wartegemeinschaft. Rentner dösten auf ihren Rollatoren. Junge Leute erkundigten sich, ob sie anderen auch einen Kaffee mitbringen sollten. Man diskutierte die aktuelle Lage und das Wetter. Da wurden Freundschaften fürs Leben geschlossen; regelrechte Wahl-Verwandtschaften. Mein Sohn untersuchte derweil engagiert die Muster der Bodenfliesen.

Ein Wahlzettel wie ein Spanbettlaken

Irgendwann waren wir dann doch dran. Die Wahlzettel waren teils so groß wie Spannbettlaken. Darauf standen mehr Namen, als Tolstoi in „Krieg und Frieden“ untergebracht hatte.

Der nette Mann, der mir einmal beim Vergrämen des Marders auf unserem Dachboden geholfen hatte, bekam ein Kreuz von mir. Die junge Frau, die uns beim jüngsten Kinderflohmarkt ein Kuscheltier abgekauft hatte, auch. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man als Souverän seine Gunst so huldvoll verteilen kann.

Die Urnen hatten dann die Ausmaße von Müllcontainern. Mein Sohn durfte die Zettel in die Schlitze schieben. „Hast du super gemacht“, lobte eine freundliche Wahlhelferin ihn. „Dafür bekommst du auch einen Schokobonbon.“ Selig griff er in das Glas, das sie ihm hinhielt.

„Nächstes mal gehen wir wieder wählen“, sagte er auf dem Rückweg selbstbewusst. In zwei Wochen sind wir wieder dabei. Das ist überhaupt das Schönste an der Demokratie. Kein Ergebnis ist für die Ewigkeit gemacht. Nach der Wahl ist vor der Wahl.

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Von Simon Benne