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Aus der Stadt „Das ist schon ein Schlag“: Thalia übernimmt Buchhandlung Decius
Hannover Aus der Stadt

Marktführer Thalia übernimmt hannoverschen Buchhandelsfilialisten Decius

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18:17 13.08.2019
Decius bekommt einen neuen Eigentümer. Quelle: Franson
Hannover

Ein gewisses Bangen war unter den Angestellten von Decius schon seit dem Wochenende zu spüren. Die Geschäftsführung hatte zur Betriebsversammlung eingeladen; am Montagabend in Hannover, am Dienstag in Hildesheim. „Zukunftsweisendes“ stand über der Einladung. Was die Zukunft bringen sollte, erfuhren die Angestellten dann von ihren Chefs – auch, dass einige keine mehr in der Firma haben werden. Das sei schon ein Schock gewesen, sagt eine Mitarbeiterin.

Denn die inhabergeführte Buchhandlung Decius mit zwölf Standorten in Niedersachsen bekommt zum 1. Februar einen neuen Eigentümer. Sie geht, vorbehaltlich der Zustimmung des Kartellamtes, an den Marktführer im deutschsprachigen Raum, Thalia. Das in Hamburg gegründete Unternehmen ist bisher in Hannover nicht vertreten.

Ein Dutzend Jobs fällt weg

Decius hat in Hannover, Laatzen, Celle, Hildesheim, Uelzen, Delmenhorst und Winsen/Luhe zwölf Standorte, darunter zwei Fachbuchhandlungen. Alle sollen erhalten bleiben, was rund 140 Arbeitsplätze sichert. Rund ein Dutzend Stellen in der bisherigen Verwaltung von Decius werden allerdings gestrichen. Über den Verkaufspreis haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart.

„Es gibt keine wirtschaftlichen Gründe für den Verkauf“, sagt Walter Treppmacher, zusammen mit Michael Jens Geschäftsführer bei Decius. Man habe aus Altersgründen – Treppmacher ist 61 Jahre, Jens 65 Jahre alt – nach einem Nachfolger gesucht, der eine Perspektive bietet. Zum Paket gehört auch der Verkauf des Rechnungsgeschäftes im Segment Recht, Wirtschaft und Steuern. Es geht allerdings nicht an Thalia, sondern an das Unternehmen Schweitzer Fachinformationen Boysen und Mauke.

Decius: Tradition aus Hannover

Decius feiert in diesem Jahr 70-jähriges Bestehen. Das Unternehmen wurde ursprünglich als Versandbuchhandlung von Johanna Decius in Hannover gegründet. Seit 1995 sind Treppmacher und Jens geschäftsführende Gesellschafter. Sie haben den Ausbau des stationären Buchhandlungsnetzes vorangetrieben.

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Womöglich bleibt der Name erhalten

Zu Thalia wiederum gehören 330 Buchhandlungen und rund 6000 Mitarbeiter in Deutschland und Österreich, außerdem ist das Unternehmen über eine Beteiligung in der Schweiz vertreten. In Niedersachsen sind es 25 Filialen, darunter solche in Braunschweig, Oldenburg, Wolfsburg und Göttingen.

„Mit der Übernahme der Decius-Standorte möchten wir in der Region weiter wachsen und gemeinsam daran arbeiten, die erste Adresse im Raum Niedersachsen zu sein, wenn es um Bücher und das Lesen geht“, sagt Ingo Kretzschmar, Geschäftsführer stationärer Vertrieb bei Thalia.

Noch nicht entschieden ist laut Treppmacher, unter welchem Namen die Filialen von Februar an laufen. Es sei auch möglich, dass der eingeführte Name Decius erhalten bleibt. Das Unternehmen hatte in der Vergangenheit in seinen Filialen nicht nur Bücher und Papeteriewaren verkauft, sondern auch regelmäßig hochkarätige Autoren zu Lesungen eingeladen. Die Veranstaltungen waren in der Regel lange im Vorfeld ausgebucht.

Hannovers Buchhändler: „Das ist einfach schade“

Unter Hannovers Buchhändlern wurde die Nachricht mit Bedauern aufgenommen. „Es ist schon ein Schlag, dass so ein großes Familienunternehmen wie Decius schon wieder an Thalia geht“, sagt Dirk Eberitzsch, Geschäftsführer bei Leuenhagen und Paris in der Lister Meile. „Für Hannover und den Buchmarkt ist es einfach schade, dass wieder ein inhabergeführtes Unternehmen von einer Kette übernommen wird.“

Eberitzsch denkt dabei auch an den Hifi-Fachhändler Thorenz, der sein Geschäft unweit der Decius-Filiale in der Karmarschstraße erst kürzlich aufgegeben hat. „Immerhin werden weiter Bücher verkauft, und das Geschäft verschwindet nicht.“

Eberitzsch sagt, er hätte es gerne gesehen, wenn Decius von jemandem aus den eigenen Reihen oder zumindest von jemandem aus Hannover übernommen worden wäre. „Decius ist eine schöne, vielschichtige Buchhandlung. Wenn Sie in eine Thalia-Filiale gehen, sieht das in Hamburg, Göttingen oder Hameln überall gleich aus.“

So sieht es auch Melanie Beyer vom Buchladen Annabee in der Stephanusstraße in Linden. „Es ist schade. Ich mochte Decius – der Laden hatte noch etwas Eigenes.“

Klassischer Buchhandel kann funktionieren – immer noch

Eberitzsch und Beyer glauben weiter an das Modell der inhabergeführten Buchläden, auch wenn der Markt schwierig sei. „Der Buchhandel funktioniert“, sagt Eberitzsch. „Aber man muss etwas tun.“ Leuenhagen & Paris und auch Annabee machen vor, wie es geht: „Man muss den Kunden eine gute Beratung bieten und genügend Händler im Laden haben, die sich auskennen und mit Liebe beraten. Damit kann man sich unterscheiden und gegen das Internet ankommen“, sagt Eberitzsch. „Natürlich ist das teuer, aber wir merken, dass unsere Kunden das dankbar annehmen.“

Der Buchmarkt: Wenige Große, ganz viele Kleine

Der Buchmarkt in Deutschland ist ein riesiges Geschäft: Insgesamt 9,1 Milliarden Euro haben die Händler nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2018 umgesetzt (ohne Österreich und die Schweiz). Mit knapp 4,3 Milliarden Euro wird immer noch fast die Hälfte des Geschäfts in den klassischen Buchhandlungen in den Innenstädten gemacht. Mit 1,8 Milliarden Euro geht inzwischen aber fast 20 Prozent des Umsatzes über den Internethandel.

Im stationären Handel ist Thalia mit Abstand die Nummer eins. Dahinter folgt Hugendubel. Dennoch werden laut dem Börsenverein drei Viertel der Geschäfte in Deutschland von unabhängigen Buchhändlern betrieben. Von den rund 6000 Buchhandlungen sind 4700 klassische Buchhandlungen, davon wiederum sind 3500 kleine, unabhängige Läden. Dazu kommen 1200 Geschäfte, die von Ketten wie Thalia oder Hugendubel betrieben werden. Daneben gibt es 1300 sogenannte Buchverkaufsstellen – das sind zum Beispiel Tankstellen oder Supermärkte, die auch Bücher im Sortiment haben.

So hält sich Leuenhagen & Paris seit 60 Jahren in der Lister Meile. Annabee ist mit einem ähnlichen Rezept seit mehr als 40 Jahren in Hannover präsent. Demnächst wird das von einem Kollektiv geführte Geschäft in Linden bereits zum zweiten Mal nach 2017 mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet. Vor zwei Jahren reichte es für den dritten Platz – möglicherweise ist in diesem Jahr noch mehr drin.

Beyer erklärt das Erfolgsrezept so: „Bei den Ketten ist der Einkauf zentral gesteuert. Da geht die Bindung zu den Kunden verloren.“ Sie ist überzeugt: „Wer die Bücher im Laden verkauft, muss sie auch selbst einkaufen. Man muss sich mit den Büchern beschäftigen, denn nur so kann man eine persönliche Beziehung zu den Kunden aufbauen. Wir sind mit dem Stadtteil verbunden und im ständigen Austausch mit unseren Kunden.“

Die schätzen das und gehen lieber in den Laden als im Internet zu bestellen. Eines ist Melanie Beyer außerdem sehr wichtig: „Nur so wird die kleine und unabhängige Verlagslandschaft in Deutschland am Leben gehalten.“ Und auch die kleinen und unabhängigen Buchläden.

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