Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Zulassung für Medizinstudium ändert sich – was heißt das für Bewerber?
Hannover Aus der Stadt Zulassung für Medizinstudium ändert sich – was heißt das für Bewerber?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 25.04.2019
Nicole Brüder hat sieben Jahre auf ihren Medizin-Studienplatz gewartet. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Ob er eines Tages doch noch Medizin studieren darf, weiß Kevin Karacondi nicht. Dabei kümmert sich der 24-Jährige bereits heute täglich um schwer kranke Menschen. Als er vor fünf Jahren ein eher durchschnittliches Abitur machte, war Karacondi klar, dass er nur über eine lange Wartezeit ins begehrte Studium kommen kann. Er dachte über Alternativen nach, begann dann doch einen Freiwilligendienst in einer Onkologischen Klinik und macht dort eine Ausbildung zum Krankenpfleger. „Am Anfang ist das hart, denn viele Patienten sterben. Es geht mir jetzt darum, sie gut zu begleiten.“ Inzwischen arbeitet Karacondi auf der Station für Knochenmark- und Stammzelltransplantation der Medizinische Hochschule Hannover (MHH). Und rechnete damit, in zwei bis drei Jahren endlich zu studieren.

Kevin Karacondi wartet seit fünf Jahren auf das Medizinstudium – und sorgt sich, dass seine Chancen schwinden. Quelle: privat

Doch die Zulassung zu der prestigeträchtigen Ausbildung befindet sich im Umbruch. Und dabei könnten ausgerechnet Menschen wie Karacondi ins Hintertreffen geraten. „Ich hoffe natürlich, dass Persönlichkeit und Berufserfahrung jetzt mehr zählen.“ Doch der junge Krankenpfleger hat daran berechtigte Zweifel. Denn eine reine Wartezeit, über die bisher 20 Prozent der Medizinstudenten einen Platz bekommen, soll es nicht mehr geben.

Sieben Jahre Warten aufs Studium

Nicole Brüder würde das sehr bedauern. „Das Abitur sagt nichts darüber aus, ob ein Arzt später seinen Job gut macht“, sagt die 28-Jährige. Sie hat den Sprung ins Medizinstudium 2016 geschafft, nach sieben Jahren Wartezeit, und steht kurz vor ihrer Doktorarbeit. Auch Nicole Brüder hat die Zeit genutzt, mit einer Krankenpflegeausbildung in der Intensivmedizin. Neben dem Studium arbeitet sie weiter in der Pflege, Karacondi gehört zu ihren Kollegen.

„Zu Beginn des Studiums hatte ich Angst, ob ich überhaupt noch lernen kann“, erinnert sich Nicole Brüder. Doch tatsächlich helfe die Berufserfahrung. „Durch die Arbeit weiß ich, worauf es ankommt. Mit 18 hätte ich dem Leistungsdruck im Studium vielleicht nicht standgehalten.“ Durch ihren eigenen Werdegang blickt die angehende Ärztin mit leisem Zweifel auf die jungen Durchstarter, die nach dem Abi sofort ins Studium gehen und mit 24 bereits über die Behandlung von Patienten entscheiden.

Der Zugang zum Medizinstudium wird neu geregelt. Was sollte Ihrer Meinung nach am meisten zählen?
Ergebnis ansehen
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.
Der Zugang zum Medizinstudium wird neu geregelt. Was sollte Ihrer Meinung nach am meisten zählen?
So haben unsere Leser abgestimmt
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.

Dennoch sind ein Vorlauf von sieben Jahren eine sehr lange Zeit, eine Änderung war überfällig. Und auch das Warten allein macht niemanden zu einem guten Arzt. Bundesweit brechen rund 40 Prozent der Wartezeit-Studenten ihr Studium ab, an der MHH wegen der praxisnahen Ausbildung allerdings nur 16 Prozent. Studiendekan Ingo Just hat gemischte Erfahrungen mit den späten Studenten gemacht. „Sie haben anfangs oft Probleme beim Lernen, sind aber stärker motiviert und starten dann durch.“

Studenten kommen meist aus Akademikerfamilien

Just treibt dabei noch ein anderes Problem um. Er wünscht sich mehr Studenten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. In der Medizin kämen aber 80 Prozent der Studenten aus Akademikerfamilien. „Sie haben keinen Kontakt zur sozialen Wirklichkeit. Die meisten Ärzte behandeln Patienten, die nicht aus ihrer Schicht kommen, sie verstehen deren Sprache und kulturelle Vorstellungen nicht.“

Für ein Medizinstudium in Hannover bewerben sich jährlich 2000 bis 3000 Abiturienten – auf 270 Plätze, von denen 40 bereits über eine Vorabquote vergeben sind (an Nicht EU-Ausländer, Härtefälle, Zweitstudienplatzbewerber, beruflich Qualifizierte und Sanitätsoffiziere). Jeweils 46 Studienplätze vom Rest (20 Prozent) gehen an Langzeitbewerber und Spitzenabiturienten. Aktuell müssen Bewerber für die Numerus-Clausus-Plätze ein Abiturnote von 1,0 vorweisen (Niedersachsen 1,1). Für 138 Studienplätze hat die MHH ein eigenes Auswahlverfahren.

Auch beim Auswahlgespräch zählt vor allem die Abiturnote

Der springende Punkt: Selbst zu diesem Auswahlgespräch dringen bisher nur Bewerber durch, die ein hervorragendes Abitur vorweisen. Reichte im Jahr 2006 noch ein Abiturdurchschnitt von 2,1 aus, lag die Grenze 2018 bei einer Abinote von 1,4. „Wir sehen das mit Bedenken, weil eine Abiturnote nicht die volle Persönlichkeit widerspiegelt“, kritisiert MHH-Studiendekan Ingo Just.

Für die Gespräche bekommt die MHH 450 Bewerber mit Wunschstandort Hannover von der Stiftung für Hochschulzulassung in Dortmund zugewiesen. Jeweils zwei Prüfer erkunden 20 bis 30 Minuten lang Persönlichkeit, Ausdrucksfähigkeit, Berufsausbildung, Interessen und Engagement der potentiellen Studenten. In Niedersachsen fließt die Abiturnote bisher zu 51 Prozent in die Bewertung ein, das Gespräch selbst zu 49 Prozent. Das sieht die Studentenvertretung an der MHH kritisch. „Wir wollen erreichen, dass soziale Fähigkeiten und Eignungstests im Auswahlgespräch mehr Gewicht bekommen“, sagt Marie Mikuteit vom Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta). Mit der anstehenden Reform sieht die Studentin dieses Ziel gefährdet.

Bekommen Tests und Berufserfahrung mehr Gewicht?

Doch noch hat das Land Niedersachsen nicht entschieden, wie die Hochschulen für Medizin künftig mit ihrer eigenen Quote umgehen dürfen. MHH-Studiendekan Ingo Just bleibt deshalb optimistisch. „Wir haben die große Hoffnung, dass sich die Dominanz der Abiturnote zurückdrängen lässt, damit Auswahlgespräche etwas bringen.“ Das Land könnte Untergruppen festlegen, so dass die MHH einen Teil ihrer Plätze an Bewerber mit einschlägiger Berufsausbildung oder freiwilligem Sozialdienst vergibt. Für eine andere Gruppe könnte weiter Abiturnote und Auswahlgespräch zählen. Möglich wäre es auch, Eignungstest und Berufserfahrung zu kombinieren.

Und dann kommt ja noch die neue „Talentquote“, über die 10 Prozent der Plätze bundesweit zukünftig vergeben werden. Noch ist unklar, wie Bewerber dafür punkten können. Wahrscheinlich mit Tests und Berufserfahrung. Eine weitere Chance für Kevin Karacondi, den angesichts der vielen Unwägbarkeiten manchmal fast der Mut verlässt. Einige seiner früheren Mitschüler haben längst ein Studium abgeschlossen, erzählt er frustriert. „Ich bleibe trotzdem am Ball. Denn ich bin mir sicher, dass ich ein guter Arzt werde.“

Von Bärbel Hilbig

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In Hannover-Seelhorst ist am Ostermontag ein Schuppen in Brand geraten. Dichte Rauchschwaden zogen über die umliegenden Nachbarschaft und eine angrenzende Kleingartenkolonie hinweg, Menschen kamen nach ersten Informationen aber nicht zu Schaden. Funkenflug erschwerte die Löscharbeiten.

22.04.2019

Ein Spaziergänger in Hannover hat am Montagmorgen mehrere Hakenkreuze in der Eilenriede entdeckt. Unbekannte hatten offenbar in der Nacht an 19 Stellen Bäume und ein Denkmal mit den Nazi-Schmierereien versehen. Die Polizei ermittelt und bittet um Zeugenhinweise.

22.04.2019

Die Polizei Hannover hat in der Nacht zu Ostersonntag drei Einbrecher festgenommen, die kurz zuvor in ein Elektronikgeschäft am Goetheplatz eingestiegen waren. Ein Anwohner hatte die Männer dabei beobachtet, wie sie eine Fensterscheibe einwarfen.

22.04.2019