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Aus der Stadt „Lasst uns miteinander reden“: Landwirte sprechen mit Verbrauchern
Hannover Aus der Stadt

Moltkeplatz: „Lasst uns miteinander reden“: Nach Großdemo suchen Landwirte den Dialog mit Verbrauchern

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11:47 27.01.2020
Zunehmende Entfremdung? Landwirt Carsten Fricke diskutiert auf dem Moltkeplatz mit Ulrike Haratian. Quelle: Samantha Franson
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Nach einer Stunde fällt Volker Hahns Zwischenbilanz positiv aus. „Die Resonanz war bislang sehr gut, wir hatten viele tolle Gespräche“, sagt der Vorsitzende des Landvolks Hannover. Auf dem Moltkeplatz haben die Bauern an diesem Sonnabendvormittag den Dialog mit den Marktbesuchern gesucht. „Hier kaufen viele Menschen schon sehr regional und produktbewusst“, sagt Hahn erfreut. „Aber das viel größere Marktsegment sind die Supermärkte.“ Und dort entscheide oft das Portemonnaie – zulasten der Landwirte, der auf Klasse statt auf Masse setzten.

Aktionen in Städten wie Hildesheim, Hameln und Hannover

Um über Tierhaltung und Tierwohl, Biodiversität, Fleisch- und Milchproduktion oder Pflanzenschutz zu informieren, hat das Landvolk den landesweiten Dialogtag unter dem Motto „Frag doch mal direkt den Landwirt!“ ausgerufen: in Städten wie Hildesheim, Hameln und eben auch Hannover. Anders als bei der Trecker-Demo gegen das Agrarpaket der Bundesregierung, bei der die Initiative Land schafft Verbindungzuletzt rund 2000 Bauern mobilisiert hatten, suchen die Erzeuger nun das Gespräch mit den Kunden, nicht mit der Politik.

Die Verbraucher müssten mehr Verständnis für die Belange der Bauern bekommen, und zugleich müsse sich auch die Landwirtschaft wandeln, sagt Hahn. Aber da sei, so der hannoversche Landvolk-Chef, schon sehr viel in Bewegung – auf beiden Seiten.

„Der Supermarkt ist das größte Marktsegment“: Landvolk-Vorsitzender Volker Hahn auf dem Lindener Marktplatz. Quelle: Samantha Franson

Statt sieben Bauern gibt es heute nur noch einen

Ein paar Meter entfernt diskutiert Carsten Fricke, Landwirt aus Uetze, mit Ulrike Haratian. „Dieser Dialog muss stattfinden“, sagt sie, und er nickt. Haratian ist überzeugte Anhängerin der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Sie kauft im Bioladen, auf dem Markt und achtet darauf, dass sie möglichst wenig Verpackungsmüll mitkauft. Vegetarierin sei sie schon seit 2000, mittlerweile esse sie sogar meist vegan. Sie stammt aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg. „Früher gab es bei uns im Dorf sieben kleine Bauern, jetzt gibt es nur noch einen großen.“ Das hält sie für falsch: „Wir müssen wegkommen von der Industrialisierung der Landwirtschaft und von der Massentierhaltung.“

Bauer Fricke stört, dass in Deutschland immer noch 70.000 bis 80.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr einfach weggeworfen werden. Der Landwirt hat eine zunehmende Entfremdung der Stadtbevölkerung von den Belangen der Agrarwirtschaft beobachtet.

Die Bauern sind sauer: Die Landwirte kritisieren in ihren Protesten die neue Düngeverordnung und strengere Vorgaben zum Arten- und Tierschutz. Es geht um das richtige Verhältnis von Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Und um dieses Verhältnis und die Rolle der Verbraucher dabei geht es auch beim nächsten HAZ-Forum.

Am Mittwoch, 29. Januar, diskutieren Experten über ökologische und konventionelle Landwirtschaft. Sie sprechen über die Herausforderungen des Klimawandels und über gesellschaftliche Anerkennung der Landwirte. Und es geht um die Frage, wie Bürger in der Stadt und im Umland die Bauern konkret unterstützen können. Antworten geben Experten wie Holger Hennies. Der Vize-Vorsitzende des Landvolks Hannover hat erst vor Kurzem vor einem Höfesterben gewarnt. Zudem protestierte er gegen die Umwandlung von landwirtschaftlichen Flächen in Wohn- und Industriegebiete. Mit Hennies ist auch Klaus Hahne beim Forum dabei. Hahne ist Direktvermarkter und Obstbauer und vertritt als Vorsitzender der beiden Bauernmarktvereine in Hannover vor allem kleinbäuerliche Strukturen. Zugesagt haben auch Peter Wogenstein vom Ernährungsrat Hannover und Region und vom Institut für Welternährung sowie die Geschäftsführerin des Umweltzentrums Hannover, Heike Hanisch. Weitere Gäste folgen. Die Moderation übernimmt HAZ-Reporterchef Heiko Randermann.

Das Forum läuft am 29. Januar im Saal der Volkshochschule in der Altstadt am Burgstraße 14. Los geht’s um 19.30 Uhr, Einlass um 19 Uhr. Die Veranstaltung ist kostenlos. Anmeldungen sind per E-Mail an hannover@haz.de mit dem Stichwort „HAZ-Forum“ möglich. HAZ-Leser können an diese Adresse auch schon jetzt mögliche Fragen an die Redaktion schicken.

Wissen über Landwirtschaft schwindet in der Stadt

„Heute fragen die Menschen, ob man wirklich am Sonntagabend noch das Getreide mähen müsse oder ob es nicht auch am Montagvormittag reiche“, berichtet er etwas konsterniert. Das Wissen um Lebensmittel und ihre Produktion schwinde. Haratian pflichtet ihm bei: „Früher wusste man, wenn man heute kein Korn erntet, gibt es morgen kein Brot. Heutzutage kann man alles jederzeit im Supermarkt kaufen.“

Kommentar: Reden hilft

Reden hilft. Die Bauern haben am Wochenende auf zwei Märkten in Hannover, auf dem Moltkeplatz und dem Lindener Markt, den Dialog mit den Verbrauchern gesucht. Und das war gut. Wenn Landwirte ihren Protest laut hupend mit Treckern auf der Straße kundtun, dann bringt das schöne Schlagzeilen und Aufmerksamkeit, bleibt aber eben auch eine plakative Aktion. Das Gespräch am Marktstand ist ungleich tiefer und effektiver.

Zwar kann man einwenden, dass die Bauern doch nur die erreicht haben, die ohnehin auf dem Markt einkaufen, also schon bewusste Verbraucher sind, die auf regionale Produkte und möglichst geringe Verpackung achten. Aber andererseits gehen auch diese Kunden noch in den Supermarkt und stehen oft vor der Entscheidung zwischen Geldbeutel oder gutem Gewissen.

Landvolkchef Volker Hahn hat Recht, wenn er sagt, dass beides nötig ist – Hupen ebenso wie Gespräche. Und Ideen, wie der Dialog weitergehen könnte, gibt es viele. Warum beim nächsten Mal nicht auch mal einen Stand am Mühlenberg, in Sahlkamp oder Döhren aufstellen? Warum nicht mal bei Lidl, Aldi oder Edeka Blumensamen verteilen wie am Wochenende in Linden und in der List?

Wenn im Sommer die bunten Blumen blühen, werden einige der Marktbesucher bestimmt noch an die Gespräche denken, die sie an einem kalten Sonnabendvormittag im Januar mit den Landwirten hatten.

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