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Aus der Stadt Vermüllte Wohnungen, unterernährt und allein: Immer mehr Senioren in der Region Hannover verwahrlosen im Alter
Hannover Aus der Stadt

Müll, Ratten, Exkremente: Völlig verwahrlost lebende Senioren sind in der Region Hannover keine Einzelfälle mehr

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10:31 17.12.2019
Verwahrlosung im Alter ist weiblich. Das zeigt ein Bericht, der jetzt im Sozialausschuss vorgestellt wurde. Quelle: epd
Hannover

Beim ersten Besuch ist noch alles in Ordnung. Emma B. (Name geändert), 73 Jahre alt, Rentnerin, verwitwet, hat sich lediglich aus ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Hochhaus ausgesperrt. Die Polizei meldet ihren Fall dennoch bei der Mobilen Einzelfallhilfe, einem Kriseninterventionsteam der Stadt Hannover für Menschen, die 60 Jahre und älter sind. Anzeichen für Verwahrlosung bei der Frau, die mit ihrem Hund alleine lebt, gibt es – noch – nicht. Ein knappes halbes Jahr später allerdings schlägt die Vermieterin Alarm. Ein Hausbesuch ergibt: In der Wohnung hat sich viel Hundekot angesammelt, in der Küche türmt sich schmutziges Geschirr. Frau B. sitzt auf dem Bett und kann nicht aufstehen. Sie ist sehr schwach, hat vermutlich längere Zeit kaum etwas gegessen und getrunken, wirkt verwirrt. Angehörige sind mit ihrer Pflege überfordert. Es beginnt eine Leidensgeschichte um eine alte, kranke, Seniorin, die zu verwahrlosen droht, weil sie ihren Haushalt nicht mehr in den Griff bekommt.

Müll, Unrat, Ungeziefer

„Verwahrlosung im häuslichen Umfeld älterer Menschen“ heißt ein Bericht, den die Verwaltung am Montag im städtischen Sozialausschuss vorgestellt hat. Erstellt hat ihn das von Stadt und Region ins Leben gerufene Kooperationsnetzwerk für ein „selbstbestimmtes Leben in Dissozialität“ (KONSD). Dass alte Menschen, an Körper und/oder Seele krank, inmitten von Müll, oft ohne benutzbare Küche und sanitäre Einrichtungen klaglos und unbemerkt lebten, sei in der Stadt kein Einzelfall mehr, heißt es in dem Bericht. 40 Lebensschicksale aus der Zeit zwischen Juli 2016 und Juni 2017 werteten Experten aus Stadt und Region und Studierende der Hochschule Hannover Fakultät V –Diakonie, Gesundheit und Soziales aus. Allein die Auswahlkriterien – große Mengen Müll, Unrat, unbrauchbare Lebensmittel oder Exkremente in der Wohnung, dauerhaft fehlendes Wasser, ein unbenutzbarer Kühlschrank oder Herd, Ungeziefer jeder Art – zeigen, um was für extreme Formen von Verwahrlosung es sich tatsächlich handelt. Bemerkenswert: die meisten dieser Fälle, nämlich sieben, spielen in der List. Im Sahlkamp dagegen waren es nur zwei, in der Südstadt nur einer. Das Netzwerk will mit dem Bericht eine Diskussion zu eröffnen, die „präventive Maßnahmen in Gang setzt“, damit Menschen in der Region „in Würde alt werden“. In Hannover hatte erst unlängst der Fall einer 81-jährigen obdachlosen Frau für Aufsehen gesorgt, die nach dem Verlust ihrer Wohnung im Auto lebt.

Senioren verweigern oft lange jede Hilfe

Bedrückendste Schlussfolgerung des Berichts: Verwahrlosung im Alter ist weiblich. Unter den 70- bis 89-Jährigen waren mehrheitlich Frauen betroffen. Bei den 90- bis 99-Jährigen waren es sogar ausschließlich weibliche Fälle, arme Frauen, am oder sogar unter dem Existenzminimum. Dazu kommt: Mitnichten alle der verwahrlosten Alten waren psychisch krank. Im Gegenteil: Bei mehr als einem Viertel der Fälle fanden städtische Sozialarbeiter keinen Hinweis auf eine psychische Erkrankung, viel mehr steckten „massive Überforderungssituationen, Scham und Unkenntnis über Hilfsmöglichkeiten hinter der Verwahrlosung“, heißt es in den Bericht. Bitter ist überdies: Die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, entsteht offenbar oft erst, wenn sich die Lebenssituation durch die Androhung einer Räumung oder einen Sturz in der vermüllten Wohnung zuspitzt. Vorher verweigerten die Senioren oft jede Hilfe. Es verlange den Sozialarbeitern einiges ab, die ablehnende Haltung auszuhalten, wohlwissend, dass ein bestimmtes Handeln beziehungsweise Unterlassen Konsequenzen habe, heißt es in dem Bericht.

Zu wenig Personal

Vergegenwärtigt man sich den derzeitigen Personalschlüssel für diese Arbeit, wird klar, dass den Sozialarbeitern in diesen Fällen wohl grundsätzlich einiges abverlangt wird. Man könne die schwersten Fälle adäquat bearbeiten. Es brauche für präventive Arbeit aber vor allem mehr Personal, sagte Fachbereichsleiterin Dagmar Vogt-Janssen im Sozialausschuss. Derzeit gebe es sieben Sozialarbeiter, die sich auch im verwahrloste Senioren kümmerten. Sie seien aber insgesamt mit rund 1000 Fällen jährlich befasst.

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Von Jutta Rinas

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