Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Nazi-Kunst am Maschsee? Georg Kolbe ließ Juden Modell stehen
Hannover Aus der Stadt Nazi-Kunst am Maschsee? Georg Kolbe ließ Juden Modell stehen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Kunst im dritten Reich: Am 1936 eröffneten Maschsee in Hannover steht unter anderem das ,,Menschenpaar'' von Georg Kolbe. Nach neuesten Recherchen ließ er dafür ein jüdisches Paar Modell stehen – das wirkt fast subversiv. Quelle: Rainer Dröse
Anzeige
Hannover

Die Bauchmuskeln des Mannes scheinen hart wie Kruppstahl. Und die Frau an seiner Seite steht so stolz da, als wäre sie eine germanische Göttin. Wie NS-Körperkult in Reinkultur nimmt sich dieses "Menschenpaar" aus - das Schönheitsideal der Nazis in Perfektion. Nordisch und kräftig. Gesund, arisch, deutsch. Wohl auch deshalb wird die Skulptur am Maschseeufer immer mal wieder mit Farbe beschmiert. Der Bildhauer Georg Kolbe entwarf diese 1936, und man sieht ihr auf den ersten Blick an, wes Ungeistes Kind sie ist. Zumindest glaubt man das. Und sitzt damit vielleicht einem Missverständnis auf.

Peter Lampasiak jedenfalls sieht das "Menschenpaar" mit ganz anderen Augen. Und das hängt mit der Silvesterfeier zusammen, damals, 1935, in Berlin. Er war noch ein kleiner Junge. Sein Vater, ein Kommunist, feierte den Jahreswechsel mit "antifaschistischen Freunden", die später in den spanischen Bürgerkrieg zogen. Und ein Trio machte dabei Jazzmusik: "Sie nannten sich Ivan, Isidor und Mordechai", erinnert sich Lampasiak, der mit 81 Jahren noch heute als Lehrer an der Waldorfschule in Bothfeld unterrichtet.

Anzeige

"Ivan", mit dem Lampasiaks Familie damals Freundschaft schloss, hieß eigentlich Hans Loewy, doch seine Freunde nannten ihn nur Ivan. Mit seiner Mutter lebte er in einer Wohnung in Berlin-Friedenau. Der gelernte Feinmechaniker baute Instrumente: Lauten und Gitarren. Lampasiak gerät noch heute ins Schwärmen, wenn er von "Ivan" erzählt: "Er war ein geschickter Schnitzer, der mir ein paar Holzschuhe kunstvoll verzierte, und er komponierte auch eigene Stücke."

Hans Loewy, eine schillernde Persönlichkeit, verkehrte in Berlins Künstlerkreisen. Und wenn der geniale Musiker mit Freunden auf dem Reichssportfeld an der Skulptur "Ruhender Athlet" vorbeikam, sagte er stolz: "Das bin ich - dafür habe ich Modell gestanden." Wahrscheinlich schmunzelte er über diese Ironie der Geschichte: In der Kulisse von Nazideutschlands Olympischen Spielen hatte der prachtvolle Körper eines Kommunisten einen festen Platz gefunden. Eines Sowjetbürgers. Eines Mannes jüdischer Herkunft, porträtiert von Georg Kolbe.

In Kolbes Atelier in der Sensburger Allee posierten Loewy und seine Schwester Renate auch für das "Menschenpaar" vom Maschsee. "Besonders der körperbewusste Hans Loewy gehörte für Kolbe zu den wichtigsten Modellen", sagt Ursel Berger, Direktorin des Berliner Kolbe-Museums. Hans' Schwester Renate hatte schon 1934 für eine Kolbe-Skulptur mit dem pikanten Namen "Jungmädchen" posiert. Eine andere Figur nannte Kolbe zwei Jahre darauf schlicht "Renate". Der Künstler selbst hat sich nur selten zu seinen Werken geäußert - über das "Menschenpaar" vom Maschsee allerdings schon: "Es sind seelisch gleichgerichtete junge Menschen", bemerkte er. "Menschen hoher Art als ein Vorbild menschlicher Würde." Der Blick der beiden "geht in die Ferne, ist Erwartung des gemeinsamen Lebens".

Das reale Leben der Loewys wurde allerdings zunehmend von der Judenverfolgung bestimmt. Ihre Mutter Martha Birth war zwar ostpreußisch, lutherisch und "vollarisch", doch der Vater Marcus Levi (Rufname: "Mordechai") stammte aus Lettland und war jüdischer Herkunft. Bei der Hochzeit der beiden hatte seine Familie große Ressentiments gegen die Braut gehegt: "Sie ist ein Goi!", tuschelten die Verwandten - also eine Nichtjüdin. Die Kinder des Paares wurden in Berlin geboren. Nach zwei älteren Schwestern kamen 1912 Hans und fünf Jahre darauf Renate zur Welt. Ihre Kindheit verlebten sie teils in Riga, in der Heimat ihres Vaters, ehe sie 1930 nach Berlin zurückkehrten - als sowjetische Staatsbürger.

Es ist nicht leicht, das (Über)leben der Geschwister in der NS-Zeit zu rekonstruieren. Der Vater hatte sich offenbar schon früher von der Mutter getrennt, über sein Schicksal ist nichts bekannt. Als Hans Loewy 1946 einen "Entnazifizierungsbogen" ausfüllte, gab er an, dass er selbst 1938 nach Italien gegangen war. In Rom hatte er bei einem Radiosender Musik gemacht, bis er nach einigen Monaten ausgewiesen wurde - zurück ins Nazireich. In Berlin hielt er sich dann zunächst mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, baute Lauten, gab Gitarrenunterricht.

Renate Loewy machte dort eine Ausbildung zur Tänzerin. "Obwohl sie begabt war, durfte sie eines Tages die Kurse nicht mehr besuchen", sagt ihr Sohn Pieter van Hove, der heute im belgischen Lombise lebt. "Der Lehrer wollte wohl keine Scherereien haben." Für die junge Tänzerin begann eine Odyssee: Sie floh erst in die Tschechoslowakei und dann nach Salzburg, ging später nach Frankreich - und immer wieder holten die Deutschen sie ein. In Paris, wo sie den Krieg überlebte, landete sie schließlich beim Kabarett "Tabarin", das Tanz- und Akrobatiknummern zeigte. "Sie sprach mit deutschem Akzent, hatte einen sowjetischen Pass, war nicht verheiratet und arbeitete nachts als Tänzerin", sagt ihr Sohn, der 1941 in Paris geboren wurde. "All das machte sie verdächtig, und zweimal wurde sie unter Spionageverdacht festgenommen."

Hans Loewy blieb in Berlin und erlebte dort, wie die Nazis seine Freunde deportierten. Er selbst wurde im Sommer 1941 verhaftet und blieb einen Monat lang in Gestapo-Haft. Danach durfte er Berlin nicht mehr verlassen; jede Woche musste er sich bei der Gestapo melden. "Als Musiker durfte er nicht mehr tätig sein", erinnert sich Lampasiak. Stattdessen musste der Künstler in Elendsvierteln als Kammerjäger arbeiten. Schließlich bekam er Gelbsucht und wurde ins Krankenhaus eingeliefert. "Bei einem Luftangriff wurde er dort nicht in den Keller gelassen", berichtet Lampasiak. Im Schlafanzug rettete sich der kranke Musiker auf die brennende Straße. Doch trotz aller Bedrohungen überlebte auch er.

Nach 1945 arbeitete er wieder als Gitarrist: "Er spielte Bach oder Mozart, und wenn er schwermütige lettische Lieder sang, pfiff er dazu", sagt Ursula Kilger. Die heute 86-jährige Berlinerin lernte den Musiker auf Hiddensee kennen, wo er auch auftrat - und wurde seine Geliebte: "Er war ein Frauenschwarm und hatte viele Freundinnen", sagt sie lachend. "Allerdings hatte er Angst vor den Russen." Offenbar fürchtete er, dass er wegen seiner Sowjetvergangenheit als Verräter gelten könnte. Und so emigrierte er schließlich nach Stockholm, wo er wieder als Musiker und Instrumentenbauer arbeitete.

Seine Schwester Renate heiratete nach dem Krieg den Belgier Georges van Hove und zog nach Brüssel. Dort eröffnete sie später eine Schule für Tanz, in der Rue Keyenveld 39. Sie wurde erfolgreiche Choreografin, entwarf Theaterkostüme - unter anderem für eine Inszenierung mit Jean Marais - und kreierte besondere Atem- und Gymnastiktechniken. Als sie 1996 starb, war aus der einstigen Berlinerin längst eine Belgierin geworden.

Ihr Bruder Hans hingegen wurde Schwede: Laut Stadtarchiv Stockholm wurde er 1960 eingebürgert und änderte seinen Namen offiziell in Thomas Birth, nach dem Mädchennamen seiner Mutter. Im Jahr darauf heiratete er seine Frau Gertrud - eine Kindergärtnerin aus Deutschland. "Sie litt an Depressionen und starb im Jahr 1976", berichtet deren Schwester Hilde Courtrie. Hans Loewy sei seiner Frau nach wenigen Wochen gefolgt: "Man muss wohl sagen, dass er an Kummer starb."

Ein paar Jahre vor seinem Tod war er allerdings noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt - auf Bitten von Peter Lampasiak, um mit Waldorfschülern Lauten zu bauen. Bei einem Spaziergang am Maschsee stand er Anfang der siebziger Jahre, nach fast vier Jahrzehnten, plötzlich sich selbst gegenüber. Seinem jüngeren Ebenbild, Arm in Arm mit seiner Schwester Renate, geschaffen von Georg Kolbe. "Er lächelte, als er das ,Menschenpaar' sah und sich erkannte", sagt Lampasiak. Das vermeintliche Sinnbild germanischer Vitalität - verkörpert ausgerechnet von zwei Menschen, die wegen ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt wurden. Weiß man um die Geschichte der Skulptur, darf man in ihr heute auch eine Art Denkmal für die Geschwister Loewy sehen. Und das Menschenpaar wird unwillkürlich zum Beweis für die Absurdität des Glaubens an die "arische Herrenrasse".

Als die Nazis an die Macht kamen, war Georg Kolbe bereits einer der renommiertesten Künstler Deutschlands. Eine Kolbe-Ausstellung in der hannoverschen Kestnergesellschaft zog Anfang 1933 rund 2700 Besucher an. Zuvor hatte dort eine Ausstellung mit Werken von Schlemmer und Picasso nur 580 Besucher gefunden. Wie stark der 1877 in Sachsen geborene Kolbe sich von den Nazis vereinnahmen ließ, ist weniger eindeutig. Es ist unter Experten umstritten - und das wird es vermutlich immer bleiben. Denn beide Seiten haben gute Argumente.

Kolbe, seit 1919 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg das Frankfurter Denkmal für den im "Dritten Reich" verfemten Heinrich Heine geschaffen, mit polnischen Tänzern als Modellen. Er war auch mit expressionistischen Künstlern befreundet. Und seine Skulpturen entsprachen keineswegs immer dem pathetischen NS-Körperkult. Sie zeigen teils auch zarte oder gebrochene Figuren - nicht immer so perfekte Körper wie die der Geschwister Loewy, die für das "Menschenpaar" Modell standen. Andererseits fand Kolbe nach dem Tod seiner Frau 1927 Trost nicht nur in trauernden Figuren, sondern auch in heroischen Monumenten. So schuf er 1934 ein martialisches Kriegerdenkmal in Stralsund.

Manchen Kunsthistorikern galt Kolbe nach 1945 eindeutig als "Nazikünstler", sie verdammten ihn in einem Abwasch mit Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker, dessen "Löwenbastion" unweit von Kolbes "Menschenpaar" am Maschsee steht. Tatsächlich unterzeichnete Kolbe 1934 wie viele andere Künstler auch den "Aufruf der Kulturschaffenden" - ein Plädoyer dafür, die Ämter von Reichspräsident und Reichskanzler in der Person Hitlers zu vereinen.

Verteidiger Kolbes führen hingegen ins Feld, der Künstler habe sich nicht von den Nazis vereinnahmen lassen: "Nicht er hat sich dem Stil von NS-Künstlern angepasst - vielmehr orientierten sich Breker oder Josef Thorak an ihm", sagt Ursel Berger, Direktorin des Georg-Kolbe-Museums in Berlin. Dieses ist in Kolbes früherem Haus in Berlin-Westend untergebracht, wo auch die Geschwister Hans und Renate Loewy ihm Modell standen. Unweit davon erinnert heute der "Georg-Kolbe-Hain" mit fünf Großbronzen an den 1947 verstorbenen Künstler.

Dieser hatte noch im Januar 1933 nach einer Moskaufahrt einen eher wohlwollenden Reisebericht in der linksliberalen Wochenzeitschrift "Das Tagebuch" veröffentlicht. Ein von ihm gestaltetes Rathenau-Denkmal in Berlin wurde während der NS-Zeit beseitigt. Eine erhaltene Postkarte, die Kolbe im April 1935 an das "liebe Frl. Renate" schrieb, zeigt, wie freundschaftlich der Ton zwischen dem Bildhauer und dem Modell jüdischer Herkunft war. Kolbe porträtierte Spaniens Diktator Franco. Dem Wunsch, eine Hitler-Büste anzufertigen, soll er sich entzogen haben.

Es war ein ausdrücklich vertraulicher Brief, der Georg Kolbe in seinem Berliner Atelier erreichte. "In Hannover wird zurzeit ein großer künstlicher See angelegt", ließ Justus Bier den Bildhauer am 29. Oktober 1935 wissen. Den Nazis war Justus Bier gleich zweifach verhasst: Als Jude und als Förderer moderner Kunst. Der künstlerische Leiter der Kestnergesellschaft stellte noch 1936 Werke von Franz Marc aus, der den Nazis als "entartet" galt. Das diskrete Schreiben an Kolbe war eine Art Tipp unter Gleichgesinnten. Eine kleine Mauschelei, um dem braunen Zeitgeist ein Schnippchen zu schlagen. In dem bislang unbekannten Brief, der der HAZ vorliegt, forderte Justus Bier den Bildhauer fast drängend auf, sich an der Ausschreibung für das Kunstprogramm am Maschsee mit einem Entwurf zu beteiligen.

"Der Stadtbaurat, der ein geringes Verhältnis zu moderner bildender Kunst hat" - gemeint war offenbar der heute höchst umstrittene Karl Elkart - habe "sich irgendeinen ihm bequemen Bildhauer ausgesucht", um das Ufer des Maschsees mit Kunst zu bestücken, beklagte Justus Bier. Allerdings habe Fritz Beindorff, der Vorsitzende der Kestnergesellschaft, interveniert und eine Ausschreibung durchgesetzt. Er selbst, schrieb Bier, habe dann vorgeschlagen, Kolbe dazu einzuladen. So gebe es jetzt doch noch die Möglichkeit, "ein gutes Werk nach Hannover zu bringen". Kolbe konnte offenbar mit wohlwollender Begutachtung seiner Entwürfe rechnen: "Beindorff wird seinen Einfluß bestimmt so geltend machen", versicherte Bier.

Entdeckt hat den pikanten Brief Wolfgang Glage, selbst langjähriger Historiker am Braunschweigischen Landesmuseum, bei Forschungen im Georg-Kolbe-Museum in Berlin. Für ihn passt es ins Bild, dass Schützenhilfe für Georg Kolbe ausgerechnet von Justus Bier kam, der sich 1936 nach antisemitischen Anfeindungen zurückzog und eine Professur in Kentucky übernahm: "Kolbe war politisch eher neutral", sagt Glage. "Es wäre völlig falsch, Künstler wie ihn oder auch Hermann Scheuernstuhl, der den Fackelläufer am Nordufer schuf, als Nazis abzutun", befindet der 83-jährige Historiker.

So gesehen wäre Justus Biers Intervention zugunsten Kolbes ein später, kleiner Sieg über den NS-Ungeist gewesen: Bei der entscheidenden Ausschreibung erhielt Kolbes "Menschenpaar" 1936 den ersten Preis. Im selben Jahr wurde die Kestnergesellschaft von der Reichskammer der bildenden Künste verboten.

Von Simon Benne