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Aus der Stadt „Wir überfordern das Bildungssystem“
Hannover Aus der Stadt „Wir überfordern das Bildungssystem“
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19:50 18.11.2018
Der Grundschullehrerberuf muss aufgewertet werden: Kultusminister  Grant Hendrik Tonne (SPD).
Der Grundschullehrerberuf muss aufgewertet werden: Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Müssen Grundschullehrer besser bezahlt werden? Diese und andere Fragen beantwortet Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) im HAZ-Interview.

Müssen Grundschullehrer besser bezahlt werden? Zu diesen und anderen Fragen äußert sich Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne im HAZ-Interview.

Herr Tonne, Sie sind jetzt ein Jahr als Kultusminister im Amt. Haben Sie schon mal innerlich geflucht, dass Sie diese Funktion übernommen haben?

Nein. Klar gibt es immer mal Momente, in denen man sich sagt, ein Job mit ein bisschen mehr Freizeit wäre auch eine Option, aber ich finde nach wie vor die Möglichkeit zu gestalten unglaublich spannend.

Können Sie sich einen Zustand vorstellen, in dem Lehrerverbände, seien es die Philologen oder die GEW, mal richtig zufrieden sind?

Das wird darauf ankommen, was für Entscheidungen wir in den nächsten Monaten treffen und umsetzen. Aber Aufgabe der Verbände ist es auch, politische Forderungen für ihre Klientel aufzustellen.

Also: Das Nörgeln wird zum Geschäft…

Nein, nicht das Nörgeln, sondern Forderungen aufzustellen und den Druck hochzuziehen. Das gehört zum politischen Geschäft dazu.

Eine Forderung ist zum Beispiel die nach mehr Geld für Grundschullehrer. Wann kommt A 13 für alle oder zumindest der Stufenplan?

Das ist eine plakative, nachvollziehbare Forderung, aber für eine Landesregierung muss das auch juristisch sauber sein. Es geht um 210 Millionen Euro bei dieser Forderung. Darum müssen wir verschiedene Modelle durchprüfen. Wenn der Haushalt für 2019 aufgestellt ist, wollen wir auch da ein Ergebnis haben. Das kann im Dezember, aber auch im Januar sein. Dann wollen wir sagen: Wer bekommt wann mehr Geld.

Muss der Beruf des Grundschullehrers nicht dringend aufgewertet werden, gerade weil die Grundschullehrer das nachholen, was im Elternhaus versäumt wird?

Das ist ein grundsätzliches Problem. Wir haben viele Jahre zugelassen, dass eine Verschiebung von Verantwortung stattfindet. Das, was vom Elternhaus oder gesellschaftlich nicht geleistet wird, haben wir der Schule oder dem Kindergarten zugeschoben. Wir überfordern damit das gesamte Bildungssystem. Es gibt Dinge, die sind nicht Aufgabe der Schule, werden aber dennoch dort erledigt. Behördengänge zum Beispiel sind keine Aufgabe der Lehrkräfte, da müssen auch Dritte stärker mit einsteigen. Man muss den Beruf des Grundschullehrers aufwerten, mehr wertschätzen, ohne Frage. Aber das geht über die Frage der finanziellen Besoldung deutlich hinaus, Lehrern und Erziehern muss mehr Respekt entgegengebracht werden, auch mit der Botschaft, die Hauptverantwortung für Erziehung bleibt im Elternhaus. Nur weil Grundschullehrer eine Summe X mehr bekommen, wird der Job nicht weniger anstrengend und Kräfte zehrend.

Warum führen Sie nicht das Weihnachtsgeld für Lehrer wieder ein?

Erstens kann man das nicht nur für einen Teil der Landesbeamten machen, sondern nur für alle. Und das fällt auch gar nicht in meinen Zuständigkeitsbereich, sondern in den des Finanzministers.

Immer noch müssen Gymnasiallehrer an Grundschulen aushelfen, weil dort Lehrer fehlen. Wann hören die Abordnungen auf?

Zum 1.2. 2018 haben wir 200 Stellen verlagert und anstatt von Grundschullehrern Gymnasiallehrer eingestellt. Zum 1.8. dasselbe noch mal für 250 Stellen. Daher haben wi immer einen Sockel von Abordnungen aus Vorherigen Einstellungsrunden. Und ganz ohne Abordnungen wird es nicht gehen können. Spätestens zum 1.8. 2020, wenn der erste Abiturjahrgang nach 13 Jahren an den Start geht, brauchen wir die Lehrer aber wieder am Gymnasium. Im nächsten Jahr werden wir 1000 Lehrer mehr einstellen können als durch Pensionierungen Pädagogen die Schulen verlassen.

Besonders fehlen Lehrer auf dem Land, in Kreisen wie Holzminden, Celle und in Wilhelmshaven. Braucht Niedersachsen eine Prämie für Lehrer, die in diese Gegenden gehen? Müsste es nicht so etwas wie eine Lehrerlandverschickung geben?

"Wir werden Anreize schaffen müssen. Ich werbe persönlich dafür, in diese Gegenden zu gehen. Wir müssen überall Verbesserungen an den Schulen erreichen, um die Arbeitsbelastung für Lehrer zu senken.

Die Kommission zur Lehrerarbeitszeit hat festgestellt, dass Lehrer belastet sind und viele zu lange arbeiten. Wie wollen Sie Pädagogen entlasten?

Wir arbeiten an einer Streichliste, um Lehrer von bürokratischen Dokumentationspflichten zu entlasten. Wir vertrauen darauf, dass in Gesprächen das Richtige gesagt wird, anstatt umständlich Ankreuzbogen ausfüllen zu lassen. Wir wollen auch Musterkonzepte zur Verfügung stellen.

Der Schulleitungsverband hat gefordert, Vergleichsarbeiten abzuschaffen, weil der pädagogische Nutzen fragwürdig sei und die Lehrer nur viel Korrekturarbeit damit hätten. Aber gibt man dadurch nicht ein wichtiges Instrument der Vergleichbarkeit und Transparenz aus den Händen?

Ich glaube, dass die Vergleichsarbeiten keine Qualität bringen. Wir neigen dazu, Bildungsqualität in Überschriften zu diskutieren, Vergleichbarkeit ist so eine. Vergleichbarkeit wird als Fetisch angesehen. Wenn ich Unterschiede weghaben will, dann muss ich Schulen stromlinienförmig ausrichten. Aber das will ich nicht. Ich möchte lieber, dass sie sich eigene Schwerpunkte suchen können, man muss ihnen den Freiraum geben, sich auf Veränderungen einstellen zu können. In dem Moment, in dem wir mehr Vergleichbarkeit fordern, dann nehmen wir Schulen ihre Freiheit.

Dann schaffen Sie doch das landesweite Zentralabitur ab.

Soweit will ich nicht gleich gehen – da hängt noch ganz viel dahinter und hat auch Mehrwert. Damit würde man nur einen ideologisch gefärbten Kampf quer durch Niedersachsen provozieren. Bildung kann dann gut gelingen, wenn man Schulen Vertrauen und Freiräume erkämpft.

Für die Einführung der beitragsfreien Kita gab es heftige Schelte. gerade von den Kommunalverbänden. Ist die gerechtfertigt?

Das ist eine große systematische Umstellung, Umstellungsprozesse bedeuten Arbeit und sind schwierig. Bei aller Kritik, ist mir dies ganz wichtig: Wir verhalten uns vertragstreu, wir halten uns an die Vereinbarungen.

Und was ist mit den kleinen Einrichtungen, die um ihre Existenz bangen, weil die Finanzhilfe nicht reicht?

Dem Problem sind wir ja begegnet zum Beispiel durch andere, beschleunigte Abrechnungsmodalitäten. Oder dadurch, dass Kommunen zwischenzeitlich einspringen, bis der Härtefall-Fonds greift. Dort, wo Unwuchten entstehen, lösen wir die pragmatisch.

Warum die Eile bei der Beitragsfreiheit? Sie hätten doch auch erst die Gebühren fürs zweite Kita-Jahr abschaffen können und dann später die für das erste. Dann hätten Sie nicht so viel Kritik geerntet.

Die These glaub ich nicht.

Warum nicht?

Seit Jahren erleben wir im frühkindlichen Bereich, dass immer mehr Eltern ihre Kinder in die Betreuung geben und auch immer länger. Der Ruf nach mehr Plätzen und längeren Betreuungszeiten ist älter als die Beitragsfreiheit. Von der Beitragsfreiheit wurde niemand überrumpelt. Sie ist deshalb so wichtig, weil es um das Grundverständnis geht, dass der Zugang zu Bildung kostenlos sein soll –und zwar für alle Kinder. Gebühren haben ärmere Familien belastet. Der nächste Schritt ist die Abschaffung des Schulgeldes für die Ausbildung zum Erzieher zum 1. August 2019. Im nächsten Jahr kostet das uns zwei Millionen Euro, ab 2020 dann 4,8 Millionen.

Wann kommt die gebührenfreie Krippe?

Das wäre in meinen Augen der nächste logische Schritt, in dieser Wahlperiode werden wir das aber nicht mehr umsetzen können.

Weil es zu teuer wäre?

Ja.

Von Saskia Döhner und Michael B. Berger