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Aus der Stadt Obdachloser in Hannover: „Der Winter wird schrecklich“
Hannover Aus der Stadt

Obdachlose in Hannover: Elend auf Hannovers Straßen nimmt zu

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12:43 18.09.2019
Jacek ist obdachlos und fristet ein Dasein zwischen Hauptbahnhof, Raschplatz und Notschlafstellen. Quelle: Simon Benne
Hannover

Es ist ein Wolkentag hinter dem Hauptbahnhof. In der Nacht hat es geregnet. Der Herbst gibt schon mal seine Visitenkarte ab. Jacek hat sich vorhin in der Kleiderkammer der Diakonie eine Fleecejacke mit Tarnmuster geholt. Jetzt zieht er den Reißverschluss höher. „Der Sommer war super, aber der Winter wird schrecklich werden“, sagt er und blickt zum Himmel. Der 47-jährige lebt auf der Straße, oft schläft er draußen. Wie das Wetter wird, das ist für ihn kein Smalltalk-Thema, sondern eine Frage von existenzieller Bedeutung.

3000 bis 4000 Wohnungslose in Hannover

Etwa 3000 bis 4000 Wohnungslose leben nach Angaben der Diakonie in Hannover. Wohnungslos sind diejenigen, die keine eigenen vier Wände besitzen, aber bei Freunden und Bekannten unterkommen. Obdachlos und damit auf der Straße lebend sind etwa 300 bis 500 Menschen. Die Übergänge sind fließend.

Ein Obdachloser schläft auf dem Raschplatz. Quelle: Nancy Heusel

Katharina Pätzold von der Beratungsstelle La Strada berichtet bei einem Expertengespräch im Bezirksrat Mitte von Frauen ohne eigene vier Wände, die sich nachts mit Aufputschmitteln wachhalten. Und wenn sie nach fünf bis sechs Nächten völlig erschöpft sind, kommen sie bei Bekannten unter – häufig gegen sexuelle Dienstleistungen. „Die Zahl der Wohnungslosen nimmt zu und die Verelendung auch“, sagt sie. Das bestätigen andere Hilfsorganisationen. Insbesondere Osteuropäer, die keinen Job haben und durch alle Raster staatlicher Hilfen fallen, versinken im Strudel aus Alkoholsucht, Frust, Scham und Hoffnungslosigkeit. „Einem Wolfgang können wir weiterhelfen, einem Wladimir nicht“, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes.

Im Kontaktladen Mecki bekommen Obdachlose warme Getränke und Beratung. Quelle: Insa Cathérine Hagemann

„Eine Wohnung wäre der erste Schritt“

Früher, sagt Jacek, noch gar nicht so lange her, da habe er Arbeit gehabt, auf der Baustelle und bei einer Security-Firma. Seinen Abstieg beschreibt der 47-Jährige, der schon vor Jahrzehnten aus Polen nach Deutschland kam, in Stichworten: Arbeit weg, Frau weg, Wohnung weg, Gesundheit weg. Und natürlich der Alkohol. Was dabei am Anfang stand, lässt er offen; man ahnt, dass in so einer Abwärtsspirale alle Faktoren einander bedingen. Manchmal schläft Jacek jetzt in einer städtischen Unterkunft, manchmal im Freien. „Mit Schlafsack, aber wenn es kalt wird, ist das trotzdem Scheiße“, sagt der kräftige Mann mit dem Kurzhaarschnitt.

Im vergangenen Winter ist ein Obdachloser am Kröpcke erfroren. Die Marktkirche öffnete in kalten Nächten ihre Pforten, Kältebusse von Johannitern, Caritas und Maltesern verteilten Tee und Suppe. „Essen und Klamotten sind für uns eigentlich kein Problem“, sagt Jacek. Die anderen Obdachlosen, die um ihn herum auf Bänken sitzen und rauchen, nicken zustimmend. „Wir frühstücken im Kontaktladen Mecki und bekommen warme Sachen in der Kleiderkammer“, sagt er, „das Problem ist die Wohnung.“ Wer einmal auf der Straße ist, findet keine Wohnung. Wer keine Wohnung hat, bekommt keine Arbeit. „Die Wohnung wäre der erste Schritt“, sagt Jacek.

In einem ehemaligen Flüchtlingsheim am Alten Flughafen hat die Stadt eine Notschlafstelle eingerichtet. Quelle: NN

Städtische Unterkünfte sind bei Obdachlosen unbeliebt

Das sehen viele Experten ähnlich. „Housing first“ nennen sie eine Strategie, die den Kreislauf aus Obdachlosigkeit und sozialem Abstieg durchbrechen will, indem sie Menschen zunächst ein Dach über dem Kopf verschafft; Mini-Appartements mit festen Mietverträgen. Eine eigene Adresse. Städtische Unterkünfte könnten das nicht ersetzen, sagt ein 30 Jahre alter Rumäne am Weißekreuzplatz. „Die sind außerdem nicht sehr komfortabel“, sagt der Mann, den man sich nicht als besonders anspruchsvoll vorstellen darf: Auch im Winter schläft er lieber auf einer Parkbank. In den Unterkünften könne man zwar übernachten, sagt auch Jacek. „Aber Schlafen ist ja nicht Wohnen.“

Die städtischen Unterkünfte sind bei Obdachlosen unbeliebt, das betonen Sozialarbeiter immer wieder. „In den großen Unterkünften, etwa am Vinnhorster Weg und an der Schulenburger Landstraße, schlafen die Menschen eng beieinander und finden keine Ruhe“, sagt Jan Ulrichs von der Selbsthilfe für Wohnungslose während des Expertengesprächs im Bezirksrat. Kritisch sehen Sozialarbeiter auch die Notschlafstelle am Alten Flughafen. Das sei im Grunde eine Massenunterkunft, meint ein Mecki-Mitarbeiter. Gesunde müssten sich den Raum mit psychisch Kranken und Süchtigen teilen. Eine Privatsphäre gebe es nicht. Zudem seien die Obdachlosen gezwungen, morgens die Notschlafstelle wieder zu verlassen. Dann müssten sie zusehen, wie sie ihren Tag herumkriegen.

Im Rückzugsraum Kompass am Raschplatz dürfen die Obdachlosen leichte Alkoholika zu sich nehmen. Quelle: HAZ, Hannoversche Allgemeine Zeitung

Rückzugsraum Kompass platzt aus allen Nähten

Jacek ist tagsüber oft im Trinkraum Kompass am Raschplatz, besonders wenn es regnet. „Das ist super, dort ist es warm, man kann reden oder ein Nickerchen im Sitzen machen“, sagt er.

Vor knapp zwei Jahren wurde der schlichte Rückzugsraum für Obdachlose im Spielbankgebäude am Raschplatz eröffnet. Besucher dürfen dort Bier trinken, Schnaps hingegen ist tabu. Im vergangenen Winter war die Einrichtung oft überfüllt. Je schlechter das Wetter, umso größer ist das Gedränge im Kompass: „Es wird jetzt schon wieder voller“, sagt ein Sozialarbeiter dort, „wir bräuchten dringend größere Räume.“

Diakoniepastor: Warum sollten Obdachlose nicht den Raschplatz reinigen?

Was ist zu tun?, fragen sich Sozialarbeiter. Hilfsangebote verstärken, mehr Essenausgaben organisieren, mehr Schlafstellen, mehr Kleiderspenden, mehr von allem? Das mache die Menschen abhängig von Almosen, es müsse vielmehr darum gehen, Wege zu einem selbstbestimmten Leben aufzuzeigen, meinen Experten. Diakoniepastor Müller-Brandes rät, sich jeden Einzelfall genau anzuschauen und im Falle der osteuropäischen Obdachlosen zunächst die Sprachprobleme zu überwinden. „Wir sollten den Menschen eine Struktur für den Tag geben. Warum sollten sie nicht für ein kleines Entgelt den Raschplatz reinigen?“, schlägt Müller-Brandes vor.

Wenn Jacek sich etwas wünschen dürfte, dann dass in der Nähe des Kompass eine Dixi-Toilette aufgestellt wird. „Es stinkt hier nach Urin“, sagt er. „Wir leben hier im Dreck“, sagt er mit fester Stimme, „und das wollen wir nicht.“ Es ist ein bescheidener Wunsch.

1238 Obdachlose in städtischen Unterkünften

Die Stadt Hannover hat in ihren Unterkünften derzeit 1238 Obdachlose untergebracht. Die Qualität der Unterbringung variiert stark – von Notschlafstellen über Wohnheime bis zu angemieteten Wohnungen. Von Januar 2015 bis Juli 2019 ist nach Angaben der Stadt die Zahl der untergebrachten Personen jährlich um zehn Prozent gestiegen. Seit 2018 gebe es eine Stagnation, sagt Ralf Lüdtke vom Baudezernat der Stadt. Zwei neue Gemeinschaftsunterkünfte werde man demnächst eröffnen, zum einen eine Einrichtung für Familien an der Peiner Heerstraße, zum anderen ein Männerwohnheim in einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft in Wettbergen.

Im bevorstehenden Winter bietet die Stadt mehrere Notschlafstellen an, am Alten Flughafen, an der Wörthstraße, an der Langesalzastraße und am Vinnhorster Weg. „Das ist ein niedrigschwelliges Angebot“, sagt Lüdtke. Obdachlose könnten ohne Anmeldung vorbeikommen, die Übernachtung sei kostenlos und die Zahl der Nächte unbegrenzt. Neu ist, dass die Obdachlosen ihr Hab und Gut künftig in Spinden einschließen können. Allerdings müssen die Menschen ihre Schlafstellen um 9 Uhr morgens räumen. Ab 17 Uhr dürfen sie wiederkommen. Die Caritas fordert, die Öffnungszeiten zu streichen und die Notschlafstellen durchgehend zu öffnen.

Kürzlich hatte der Rat Qualitätsstandards für die Unterbringung von Obdachlosen beschlossen. Wohnheime sollen nicht mehr als 150 Plätze haben, Häuser für betreutes Wohnen nicht mehr als 100. Familien werden in separate Gebäude einquartiert. Alleinstehenden soll maximal ein Zweibettzimmer zur Verfügung stehen. In Wohnheimen werden pro Person mindestens zehn Quadratmeter eingeräumt, in Notschlafstellen sechs Quadratmeter. In den Unterkünften soll ein Internetzugang (WLAN) eingerichtet werden. In einem Pilotprojekt richtet die Stadt Notschlafplätze für Obdachlose mit Hunden ein.

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Von Simon Benne und Andreas Schinkel

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