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Aus der Stadt Alan ist Autist, spricht nicht – und besucht erfolgreich eine Regelschule
Hannover Aus der Stadt Alan ist Autist, spricht nicht – und besucht erfolgreich eine Regelschule
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00:15 08.03.2019
Alan braucht keine blumigen Worte, sondern klare Aufgaben ohne Widersprüche.
Alan braucht keine blumigen Worte, sondern klare Aufgaben ohne Widersprüche. Quelle: Samantha Franson
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Gehrden

„Ich bin eine Art Übersetzer.“ Seit fünf Jahren begleitet Arne Schirmer den 13-jährigen Alan durch den Schulalltag, er ist mehr als ein Schulbegleiter, der Sozialpädagoge ist längst ein Freund des Jungen mit den lockigen Haaren geworden. Alan ist ein nonverbaler Autist. Er spricht nicht. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht ausdrücken kann. Der 13-Jährige kann sehr wohl mitteilen, was er mag, wie es ihm geht oder was ihm nicht gefällt. Die Menschen in seinem engen Umfeld wie seine Mutter Jacqueline Avdija verstehen ihn auch ohne Worte, für die anderen ist Arne Schirmer als Übersetzer da.

An der Oberschule Gehrden wird Alan einfach akzeptiert

Seit drei Jahren besucht Alan die Oberschule Gehrden. „Hier kann er so sein, wie er ist“, sagt seine Mutter „Hier wird er einfach akzeptiert, die Lehrer und Mitschüler begegnen ihm neugierig und vorurteilsfrei.“ Das bestätigt auch Schirmer (39): „Wenn wir zusammen in die Schule kommen, dann wird immer zuerst Alan gegrüßt und dann ich.“ Der Schulbegleiter übersetzt nicht nur, was in dem 13-Jährigen vorgeht, er übersetzt auch den Unterrichtsinhalt. Alan interessiert nur der Kern, nicht das schmückende Beiwerk. In einer mathematischen Sachaufgabe sei es für den Achtklässler nicht entscheidend, ob „Jan fünf Eis gekauft habe“, ihn interessiere nur die pure Zahl 5. Überflüssige Angaben filtert Schirmer heraus. „Alan braucht sachliche Aufgaben, ohne Widersprüche.“

Dass die Oberschule Gehrden nur noch digital unterricht und alle gedruckten Bücher abgeschafft hat, kommt dem Autisten entgegen: „Man kann das Material auf dem Tablet sehr individuell und einfach anpassen“, schwärmt Schirmer von den Möglichkeiten der neuen Technik. Im Dezember 2017 ist die Oberschule Gehrden als erste Schule in Deutschland von Apple Distinguished School ausgezeichnet worden. Seit 2010 prämiert der Medienkonzern Schulen, die sich um neue Lernmethoden verdient gemacht haben.

Der 13-Jährige rechnet schneller als sein Lehrer

Der 13-Jährige spricht zwar nicht, aber er versteht viel. Seine Mutter Jacqueline Avdija sagt: „Er ist hochsensibel und intelligent.“ Rechnen kann Alan oft schneller als sein Mathematiklehrer, sein eidetisches Gedächtnis ist für Naturwissenschaften besonders empfänglich. Auch Deutsch, Musik und Sport sind Fächer, die ihn interessieren. Wiederholungen mag er nicht. „Die langweilen ihn schnell“, sagt Schirmer.

An der Oberschule Gehrden sei Alan aufgeblüht, berichten seine Mutter und sein Schulbegleiter übereinstimmend: „Nach der Grundschule musste ich ihn noch mal ganz neu kennenlernen“, sagt Schirmer. Alans vorherige Schulerfahrungen seien eher frustrierend gewesen, er sei oft verkannt und unterschätzt worden. An einer Regelgrundschule klappte die Zusammenarbeit mit der Schulbegleiterin nicht, an einer Förderschule sei er vollkommen unterfordert gewesen, man habe ihn mit Murmeln spielen lassen. Ein Gutachten habe ihm das geistige Niveau eines Anderthalbjährigen bescheinigt. Die Testmethoden und -bedingungen von damals nennt Schirmer fragwürdig. Dass der Junge schon multiplizieren konnte, habe die Gutachter, pädagogische Mitarbeiter, keine Lehrer, nicht interessiert, sie hätten ihn stattdessen „stumpf Zahlenreihen“ ergänzen lassen, dem hätte sich der Junge aber verweigert. Als er unterfordert gewesen sei, habe er sich verschlossen, immer wieder Nervenzusammenbrüche bekommen, erinnert sich Schirmer. „Mit dem Schulwechsel war das schlagartig vorbei“, sagt Avdija. Heute löst Alan Matheaufgaben für Achtklässler.

Erst wird Alan begrüßt, dann sein Schulbegleiter

Auch Alan interessiere sich für die anderen Kinder, sagt Schirmer. Er gehe natürlich nicht auf sie zu und frage: „Hallo, wie geht’s?“ Er nehme auf seine Art Kontakt auf, sagt der Schulbegleiter, er wolle Menschen begreifen. Auf dem Schulhof werde er behandelt wie alle anderen auch: „Wie ein ganz normaler Junge eben.“ Jacqueline Avdija freut sich, dass sie endlich die passende Schule für ihren Sohn gefunden hat. Mit dem richtigen Schulbegleiter, einer offenen, experimentierfreudigen Schule und den entsprechenden Lehrern und Eltern , die für ihre Kinder immer wieder kämpfen, kann Inklusion gelingen, ist sie überzeugt. Nur eines ärgert sie: „Eltern müssen immer wieder neue Anträge stellen, für den Schulbegleiter, die Fahrt zur Schule, als ob so etwas wie Autismus von einem zum anderen Jahr plötzlich weg ist. Das schlaucht total.“

„Nonverbale Autisten landen sonst oft auf Förderschulen für geistig Behinderte“, sagt Avdija, „oder in der Psychiatrie.“ Sie kennt einen jungen Mann, der mittlerweile studiert. Das traut sie auch Alan zu. Auch seine Lehrer trauen ihm offenbar einiges zu. Schirmer sagt, dass ihm ein Lehrer kürzlich erzählt habe, dass er von Alan geträumt habe: „Im Traum hat er gesprochen.“ Auch Jacqueline Avdija hofft, dass ihr Sohn eines Tages spricht. Als sie dies sagt, sitzt Alan mit seiner Mütze gedankenverloren auf dem Sofa im Jugendzentrum neben der Schule, nestelt an seiner Jacke und lächelt.

Autismus – Probleme bei der Kommunikation

Autismus ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung. Häufig bezeichnet man Autismus-Spektrum-Störungen auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung. Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Die Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen oder Verhaltensanpassungen an soziale Situationen sind selten angemessen. Typische Merkmale des klassischen Autismus sind Schwierigkeiten in der Kommunikation und Interaktion, eingeschränkte Interessen, das starke Bedürfnis nach Beständigkeit sowie ungewöhnliche Denkweisen und Lösungsansätze. Als frühkindlichen Autismus oder Kanner-Autismus bezeichnet man eine Form von Autismus, bei der die Sprachentwicklung verzögert ist oder ganz ausbleibt.

Von Saskia Döhner