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Aus der Stadt Person statt Position – so punkteten die OB-Kandidaten beim HAZ-Salon
Hannover Aus der Stadt

Person statt Position –so punkteten die OB-Kandidaten beim HAZ-Salon

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21:20 23.10.2019
HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt (von links) in der Diskussion mit den Oberbürgermeisterkandidaten Marc Hansmann, Belit Onay und Eckhard Scholz. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Wäre man jetzt neu in der Stadt, es wäre wohl nicht leicht, die drei Oberbürgermeisterkandidaten vorne auf dem Podium auseinander zu halten. Wer gehört zu welcher Partei? Wer steht für was? Jacketts in blau und grau, Hemden in weiß oder eben auch blau, ruhige Stimmen, klare Sätze von jedem. Was sind die drängendsten Probleme in Hannover? „Mieten“, sagt der erste Kandidat, „bezahlbarer Wohnraum“ der nächste. Und der dritte? Baustellen, Klima und, ach ja: „Mieten.“

Video-Stream: Der HAZ-Salon in voller Länge

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Oberbürgermeisterwahl. Die drei aussichtsreichsten Kandidaten für das Amt – Eckhard Scholz (parteilos, tritt für die CDU an), Marc Hansmann (SPD) und Belit Onay (Grüne) – haben in dem monatelangen Wahlkampf, der hinter ihnen liegt, bereits dutzende Male so nebeneinander gestanden. Nun stehen sie beim HAZ-Salon in der Burg Königsworth und die Antworten gehen ihnen routiniert von den Lippen. Das sei ganz normal, erklärt HAZ-Chefredakteur Hendrik Brandt, der die Diskussion moderiert, den rund 150 Gästen: Die Kandidaten könnten mittlerweile wechselseitig die Antworten der anderen sagen. Es sei sogar noch schlimmer, meldet sich Scholz zu Wort: „Wir können die Mimik des Anderen vorhersagen.“

Kandidaten geben Persönliches preis

Gelächter im Publikum. Und der Anlass für eine Zäsur des Abends. Denn im weiteren Verlauf des Abends zeigt sich, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen den Kandidaten gibt – nicht in den Positionen, aber sehr wohl in den Personen, die ganz unterschiedlich geprägt sind.

Bei Eckhard Scholz wird das deutlich, als ihm im Zweiergespräch mit dem Moderator ein Bild gezeigt wird: Er selbst, noch ein paar Jahre jünger und als Chef von Volkswagen Nutzfahrzeuge, strahlend neben Martin Winterkorn – damals übermächtiger Boss und mittlerweile wegen der Dieselaffäre angeklagter Ex-Boss des Weltkonzerns VW. Was löst dieses Bild jetzt in ihm aus? Scholz zögert. „Wehmut“, sagt er dann. „Das, was da passiert ist, da ist für mich eine Welt untergegangen.“

Er habe aus den Medien von der betrügerischen Abschaltvorrichtung erfahren, mit der Abgaswerte manipuliert wurden. Er habe sich das nicht vorstellen können, zunächst habe er das „für eine Meldung gehalten“. Erst mit der Zeit habe er die Dimension des Skandals begriffen, und er könne jeden verstehen, der sauer auf den Konzern sei. „Das war eine ganz bittere Zeit. Aber weglaufen ging nicht.“ Letztlich aber, so Scholz, habe er sich beruflich von diesem Schlag nie wieder erholt.

Zeiten der Schutzlosigkeit

Zeiten der Schutzlosigkeit, die auch die anderen beiden Kandidaten in ihrem Leben erfahren haben und die sie geprägt haben. Sein Vater sei Alkoholiker gewesen, hatte Marc Hansmann erst vor wenigen Tagen in der HAZ öffentlich gemacht – ein Bekenntnis, das selbst Wegbegleiter in seiner Partei überrascht hat. „Keine schöne Kindheit“ sei das gewesen, sagt Hansmann beim HAZ-Salon, aber es sei ihm eben auch Antrieb.

Ein Antrieb, der sich bei ihm auch immer in einem gewissen Vorwärtsdrang gezeigt hat. Bereits als 29-Jähriger wollte der ehrgeizige Marc den damaligen Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg ablösen. Er scheiterte an der parteiinternen Abstimmung. Einige Jahre später, 2013, aber hätte er dann die Chance gehabt, Oberbürgermeisterkandidat der SPD zu werden. Doch er lehnte ab, weil damals seine Tochter noch ein Säugling war und er sich vorgenommen hatte, in Elternteilzeit zu gehen. Sich auf ein Amt bewerben und dann damit werben, dass man dieses Amt schon einmal nicht haben wollte – auch das geht.

Was kann ein guter OB? Die Umfrage im HAZ-Salon

Weitsicht haben, Organisationstalent besitzen, volksnah sein – Besucher des HAZ-Forums am Dienstagabend nehmen Stellung zur Frage, welche Fähigkeiten ein Oberbürgermeister mitbringen sollte.

Migrationshintergrund Goslar

Für das so sperrige wie gängige Wort „Migrationshintergrund“ hat Belit Onay zunächst nur scherzhafte Worte übrig: „Von Goslar nach Hannover“ sei er gezogen, sagt der 38-Jährige. Doch natürlich habe ihn geprägt, dass seine Eltern als Gastarbeiter aus der Türkei nach Niedersachsen kamen. Er und seine Schwester hätten davon profitiert, dass die Eltern unerschütterlich an das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung geglaubt haben.

Aber auch die Angst des Andersseins lernte der junge Onay Anfang der Neunzigerjahre kennen. Nach den Anschlägen von Mölln, bei denen Neonazis drei türkischstämmige Menschen töteten, sei auch in seiner Familie ernsthaft darüber diskutiert worden, ob man Deutschland verlassen und in die Türkei ziehen müsse. Er könne daher gut nachvollziehen, wenn nach dem Attentat von Halle Juden überlegten, nach Tel Aviv zu ziehen. Das könne er in das Amt des Oberbürgermeisters einbringen. „Ich kenne beide Welten, ich möchte Brückenbauer sein“, sagt er –und erntet warmen Applaus.

Fairer Umgang

Schwieriger wird es für Onay, als Moderator Hendrik Brandt ihn auf seine mangelnde Führungserfahrung anspricht. Onay führt die Flüchtlingskrise an, in der er als Landtagsabgeordneter gelernt habe, auch in schwierigen Zeiten und bei harten Diskussion Kompromisse zu schließen. Der Nachweis der Führungserfahrung fällt dem Ex-VWN-Chef Scholz und dem aktuellen Enercity-Vorstand Hansmann an diesem Abend deutlich leichter.

Doch keiner der beiden setzt bei dieser Schwäche des Konkurrenten nach. War das Zusammentreffen der drei beim HAZ-Forum Ende August teilweise noch von Sticheleien der Kandidaten untereinander geprägt, blieben diese Attacken beim HAZ-Salon aus. Obwohl die Umfragewerte die drei nahezu gleichauf sehen, gehen die Rivalen entspannt miteinander um und scherzen sogar mitunter. Am Ende tönt dann der Song „The Race“ von der Band Yello vom Band, fast, als müssten die Kandidaten daran erinnert werden, dass sie sich immer noch im Rennen befinden – auch wenn die Ziellinie jetzt wirklich nah ist.

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