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Aus der Stadt Psychisch kranker Flüchtling versuchte, Familienmitglieder und Mitpatienten zu töten
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Prozess am Schwurgericht Hannover: Psychisch kranker Flüchtling versuchte, Familienmitglieder und Mitpatienten zu töten

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15:42 12.02.2020
Mohamad B. wollte sich partout nicht daran erinnern, dass er vor einem halben Jahr mehrere Menschen schwer verletzte.
Mohamad B. wollte sich partout nicht daran erinnern, dass er vor einem halben Jahr mehrere Menschen schwer verletzte. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Mohamad B. verletzte am 11. August vergangenen Jahres seine Ehefrau und eine 19-jährige Tochter mit Messerstichen, ging mit einer Rasenkantenschere auf zwei Rettungssanitäter los und versuchte schließlich, zwei Tage später in einer psychiatrischen Klinik in Wunstorf, einen anderen Patienten zu erwürgen.

Doch gilt der 2018 mit seiner Frau und acht – zum Teil erwachsenen – Kindern aus der syrischen Provinz Aleppo geflüchtete Kurde nicht als Angeklagter, sondern als Beschuldigter in einem Sicherungsverfahren. Offenbar leidet B. unter Schizophrenie, hörte vor den Gewalttaten Stimmen und fühlte sich verfolgt. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Kammer unter Vorsitz von Richter Stefan Joseph schlussendlich die Unterbringung des 50-Jährigen in einer psychiatrischen Einrichtung anordnen wird.

Schon 2018 erste Ausfälle

Die ersten Anzeichen einer Psychose wurden schon 2018 offenkundig, wenige Monate nach dem Einzug der syrischen Familie in eine Wunstorfer Flüchtlingsunterkunft. Der Asylbewerber rastete aus, demolierte Möbel und verletzte sich absichtlich selbst. Schon damals wurde eine psychische Erkrankung festgestellt, die in einer Klinik und mittels Medikamenten erfolgreich behandelt wurde. Doch dann setzte der 50-Jährige die Arzneien aus eigenem Entschluss ab – was fatale Folgen hatte.

Die 47-jährige Ehefrau beschrieb ihren Mann generell als ausgeprägten Familienmenschen, der sich immer liebevoll um sie und ihre Kinder gekümmert habe. Auch habe sich der Umzug in ein eigenes Haus in Wunstorf zunächst positiv auf das Miteinander ausgewirkt. Doch stellte sich bei dem 50-Jährigen nach dem Absetzen der Medikamente zunehmend eine Wesensveränderung ein. Er dachte viel über das Schicksal seiner in Syrien verbliebenen Familienmitglieder nach und litt unter Angstzuständen, auch äußerte er Selbstmordabsichten und verstummte immer mehr.

Töchter wollten Mutter helfen

An dem betreffenden Sonntagmorgen im August klagte B., ihm drohe sein Kopf zu platzen. Er erzählte seiner Frau von Stimmen, die ihm Befehle erteilen würden, dann begann er zu schreien und versuchte, die Ehefrau zu würgen. Zwei Töchter, 14 und 19 Jahre alt, wollten ihrer Mutter helfen, doch B. verfolgte die drei mit einem langen Küchenmesser, traf seine Frau und die ältere Tochter in Oberkörper, Arm und Oberschenkel. Zwei Sanitäter mussten sich wenig später in ihrem Rettungswagen vor dem Wüterich in Sicherheit bringen. Dem Patienten in der Psychiatrie ging B. zwei Tage später nicht nur an die Gurgel, sondern trat auch auf seinen Kopf ein.

Vor Gericht wirkte der unter Medikamenteneinfluss stehende Syrer sehr friedlich, allerdings auch verstört und schuldbewusst. An die Schreckenstaten vor einem halben Jahr wollte oder konnte er sich partout nicht erinnern. Als fünf Mitglieder seiner Familie in den Saal gerufen wurden und weinten, wendete er sich ab und wollte in seine Zelle gebracht werden. „Ich weiß, Sie schämen sich“, zeigte Richter Joseph ein gewisses Verständnis für den 50-Jährigen. Die Kammer wird in den nächsten Wochen insgesamt elf Zeugen hören, um das Geschehen restlos aufzuklären.

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Von Michael Zgoll