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Aus der Stadt Seniorin abgezockt: mehrere Jahre Haft für Betrüger
Hannover Aus der Stadt Seniorin abgezockt: mehrere Jahre Haft für Betrüger
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00:18 20.10.2018
Anwältin Tanja Brettschneider (v.l.) konnte sich über einen Freispruch für ihren Mandanten Oskar H. freuen, ebenso Verteidiger Harald Schremmer für seinen Mandanten Benno H. Dagegen standen Erich H. (ganz rechts) und sein Anwalt Karlheinz Hoppe auf der Verliererseite. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

 Eine Verurteilung, zwei Freisprüche: Das ist das Ergebnis im „Mauerwurm“-Prozess. Drei Betrüger hatten sich im Juni 2017 in Oberricklingen als Mitarbeiter einer Gartenbaufirma ausgegeben und einer 71-jährigen Frau 1300 Euro aus der Tasche gezogen. Ihr Eigenheim, so die Behauptung, sei von „Mauerwürmern“ befallen und müsse dringend von den steinefressenden Plagegeistern befreit werden. Die Seniorin hob in Begleitung eines Betrügers ihre Ersparnisse von der Bank ab, um ihr Haus zu retten; währenddessen plünderten andere Bandenmitglieder ihre Schmuckkassette.

Am Mittwoch verurteilte Amtsrichter Michael Stüber Erich H. (31) wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Einbezogen wurde eine frühere Verurteilung zu 16 Monaten Haft wegen eines ähnlichen Delikts. Oskar H. (41) und Benno H. (34) kamen ungeschoren davon: Das Opfer hatte bei einem ersten Sitzungstermin Anfang September jeweils einen anderen der beiden Brüder als Chef und Arbeiter der angeblichen Gartenbaufirma identifiziert als bei einer früheren polizeilichen Vernehmung. „Vielleicht waren alle drei Angeklagten beteiligt, aber beweisen können wir es nur einem“, sagte der Richter.

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Viele Vorstrafen

Die Brüder aus der Familie H. sind bei der Polizei als Spezialisten für das Abzocken alter Damen bekannt; es gibt auch noch einen vierten Bruder, der in diesem Verfahren aber keine Rolle spielte. Bei Erich H. sind im Vorstrafenregister 12 Einträge wegen Diebstahls- und Betrugstaten vermerkt, bei Benno 16 und bei Oskar 17. Die Männer schlüpften bei ihren Taten in verschiedene Handwerkerrollen, stellten fiktive Mängel fest – was die Opfer meist in große Aufregung versetzte – und erleichterten diese dann um Geld und Wertsachen. So wurde Erich H. im aktuellen Prozess auch wegen eines zweiten Falls verurteilt: Er und ein Mittäter hatten sich in die Wohnung einer 82-Jährigen aus Mittelfeld Zugang verschafft, indem sie sich als Rauchmelder-Kontrolleure ausgaben. Den Großteil des hier gestohlenen Schmucks konnte die Polizei später aber sicherstellen.

Diese 82-jährige Rentnerin aus Mittelfeld wurde bei einer angeblichen Rauchmelder-Überprüfung bestohlen. Quelle: Michael Zgoll

Auch Staatsanwältin Isabell Plich hatte für einen Freispruch von Oskar und Benno H. plädiert – aus Mangel an Beweisen. An Erich H. gerichtet sprach sie allerdings von einem „starken Stück“: Er habe seine Opfer „aufs Übelste über den Tisch gezogen“ und jeglichen Respekt gegenüber älteren Menschen vermissen lassen. Richter Stüber mochte der Versicherung des Angeklagten, er habe sich geändert, keinen Glauben schenken. Er habe schon rund ein halbes Dutzend Prozesse gegen den 31-Jährigen geleitet und dem Betrüger, der spielsüchtig ist, 15.000 Euro Schulden hat und insolvent ist, jedes Mal ins Gewissen geredet und ihm mit zur Bewährung ausgesetzten Haftstrafen immer wieder neue Chancen eingeräumt. „Aber Sie sind offenbar völlig unbelehrbar“, so der Strafrichter, „und suchen sich immer wieder die Schwächsten der Gesellschaft aus, um sich zu bereichern.“ Insofern sei die Verhängung einer längeren Haftstrafe jetzt das angemessene Mittel, um H. zur Besinnung zu bringen.

Von Michael Zgoll