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Aus der Stadt Hat Tagesvater kleinen Jungen fast zu Tode geschüttelt?
Hannover Aus der Stadt

Prozessauftakt in Hannover: Hat Tagesvater kleinen Jungen fast zu Tode geschüttelt?

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00:21 24.05.2019
Viktor C. (l.) wird von Anwalt Vyacheslav Varavin verteidigt. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 Hat Viktor C. einen 13 Monate alten Jungen mutmaßlich durch heftiges Schütteln derart misshandelt, dass dieser fast gestorben wäre und nunmehr körperlich und geistig behindert ist? Der 31-Jährige muss sich seit Dienstag wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung und schwerer Misshandlung eines Schutzbefohlenen vor dem Schwurgericht Hannover verantworten. Der Angeklagte arbeitete zum Tatzeitpunkt als Tagesvater in einer Wohnung in der Südstadt, in der er drei Kleinkinder in etwa gleichem Alter betreute. Zu Prozessbeginn wies Viktor C., der sich nicht in U-Haft befindet, die Vorwürfe weit von sich und beantwortete bereitwillig alle Fragen, die an ihn gerichtet wurden.

Es war der 31. März 2017, als Viktor C. kurz vor Mittag die Mutter des Kindes anrief: Ihr Sohn Max (Name von der Redaktion geändert) sei umgefallen, er habe die Augen verdreht und krampfe – aus ihm unerfindlichen Gründen. Zehn Minuten später waren beide Eltern da. „Unser Sohn hat ganz komisch geschrien, er hatte blaue Lippen und war völlig überstreckt“, berichteten sowohl die als Ärztin tätige Mutter (33) wie ihr Mann (40). Sofort riefen die Eltern den Rettungswagen, doch die Tragödie hatte mit jenem Freitag gerade erst begonnen.

Junge ist dem Tode nah

Aufgrund einer Sauerstoffunterversorgung des Gehirns war Max dem Tode nah. Drei Wochen lag er auf einer Intensivstation, wurde in ein künstliches Koma versetzt und musste beatmet werden. Es folgte ein dreimonatiger Aufenthalt in einer neurologischen Reha-Klinik. Der Junge überlebte, doch ist er zu 100 Grad behindert. Max weist erhebliche Entwicklungsverzögerungen auf, kann nur mühsam sprechen, vermindert sehen, leidet unter Spasmen in den Beinen, kurz: Er wird immer mit einer Mehrfachbehinderung zu kämpfen haben.

Die Anklage wirft Viktor C. vor, er habe „massivste Gewalt“ gegen den Kopf des Kleinkinds ausgeübt, habe Max mutmaßlich am Oberkörper gepackt und mehrfach geschüttelt. Allerdings könne auch ein heftiger Schlag gegen den Kopf des Jungen für dessen Hirnschädigungen verantwortlich sein. Mit dieser Tat, so die Staatsanwaltschaft, habe C. den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen. Die Fragen von Verteidiger Vyacheslav Varavin zielten hingegen darauf ab, ob der Junge womöglich vorab erkrankt war oder ob es kurz vor dem Unglück einen Sturz oder ein heftiges Bremsmanöver im Fahrradsitz gegeben haben könnte.

Kurs dauerte 160 Stunden

Der Angeklagte, der einen siebenjährigen Sohn hat und vor seiner Tätigkeit als Tagesvater mit seiner Partnerin in Lüneburg ein Café betrieb, hatte eine 160 Stunden umfassende Qualifizierungsmaßnahme absolviert und war offiziell als Tagesvater zugelassen. „Natürlich weiß ich, dass man Kinder nicht schütteln darf“, erklärte C. auf Nachfrage des Kammervorsitzenden Wolfgang Rosenbusch. Max sei ein eher zartes Kind gewesen, habe im März eine Magen-Darm-Erkrankung überwunden gehabt, sei aber ansonsten nicht auffällig gewesen.

Die Eltern beschrieben ihren Sohn als ehedem aktives, fröhliches Kind, das nie zum Schreien geneigt habe. Sie hätten einen guten Eindruck von dem Tagesvater gehabt, sonst hätten sie ihren Jungen nicht in seine Obhut gegeben. Eine andere Mutter, die ihren Sohn ebenfalls von C. betreuen ließ, bestätigte diesen Eindruck: „Ich empfand ihn als ruhigen und fürsorglichen Menschen, der mit Fingerspitzengefühl auf die Bedürfnisse der einzelnen Kinder einging.“

Sieben kleine Hämatome, die eine Ärztin im Februar 2017 bei Max diagnostiziert hatte, wurden in der Verhandlung ebenfalls thematisiert. Doch hier hieß es, vonseiten des Angeklagten wie der Eltern, dass man diese auf Stürze zurückgeführt habe, die den Jungen beim Laufenlernen ereilt hätten. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Bis zu 500 Kinder im Jahr betroffen

Nach Berechnungen von Expertenwerden in Deutschland jedes Jahr zwischen 300 und 500 kleine Kinder derart heftig von Erwachsenen geschüttelt, dass sie schwere gesundheitliche Schäden davontragen. Etwa ein Drittel dieser Kinder stirbt, zwei Drittel tragen Behinderungen davon.

Zudem gilt die Dunkelziffer bei derartigen Taten als sehr hoch. Allerdings werden die Möglichkeiten, durch eine Misshandlung verursachte Schädigungen zu entdecken, immer vielfältiger: etwa durch Untersuchungen per Röntgenstrahlen, Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT). Blutungen und Schwellungen im Hirn oder im Netzhautbereich können Hinweise auf heftiges Schütteln geben. Die Nackenmuskulatur bei Säuglingen ist noch sehr schwach entwickelt, Nerven und Gewebe im Gehirn sind nicht vollständig ausgebildet und nur unzureichend geschützt. Auch ist der Kopf im Verhältnis zum übrigen Körper sehr groß, so dass die Kräfte beim massiven Schütteln eines Kindes dessen Kopf besonders in Mitleidenschaft ziehen.

Untersuchungen zeigen, dass die Täter – Eltern, nahe Verwandte oder andere Betreuungspersonen – aus allen Bevölkerungsschichten kommen – und dass niemand davor gefeit ist, etwa angesichts eines stundenlang schreienden Babys die Beherrschung zu verlieren. Männer werden gegenüber kleinen Kindern häufiger gewalttätig als Frauen; allerdings gibt es auch erschöpfte und überreizte Mütter, die auf Schreikinder sehr aggressiv reagieren.

Die Folgen heftigen Schüttelns können – wenn das Baby die Misshandlung überlebt – bleibende Hirnschäden sein, die zu Lähmungen, Krampfanfällen oder Sehstörungen führen. Auch Intelligenz- und Entwicklungsstörungen sind möglich.

Von Michael Zgoll

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