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Aus der Stadt Bauhütten-Wohngemeinschaft droht der Auszug
Hannover Aus der Stadt Bauhütten-Wohngemeinschaft droht der Auszug
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06:00 07.02.2019
Felix Fritz (v.l.), Maximilian Markard und Tabea Mevissen halten sich häufig im Gemeinschaftsraum auf - dort pulsiert das Leben. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Ein knapp 30 Jahre existierendes Wohngemeinschafts-Projekt in der Innenstadt steht vor dem Aus, ein Räumungsprozess vor dem Landgericht dürfte die zehn Bewohner desillusioniert haben. Es geht um ein Haus in der Bergmannstraße, dessen 5. Etage der Architektenverein „Bauhütte zum weißen Blatt“ angemietet hat; vertreten wurde dieser am Mittwoch vor Gericht vom hannoverschen Bauhistoriker Sid Auffarth.

Hoch oben in dem zwischen Jobcenter und Lange Laube gelegen Haus gibt es zehn Zimmer von je 12 Quadratmetern Größe, hinzu kommen Bäder, zwei Gemeinschaftsküchen und ein großer Gruppenraum. Die Studenten, Auszubildenden und jungen Berufstätigen, von denen manche schon jahrelang dort wohnen, wurden von ihrem Vermieter – einer in Berlin ansässigen Immobiliengesellschaft – bereits 2016 gekündigt. Eine Mediation scheiterte 2018 ebenso wie die aktuelle Güteverhandlung vor der 11. Zivilkammer. Über kurz oder lang – das machte der Vorsitzende Richter Robert Bondzio deutlich – müssen die Mieter ausziehen, selbst wenn die aktuelle Räumungsklage in vier Wochen wegen formaler Fehler zurückgewiesen werden dürfte.

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Bauhütten-Geschäftsführer Sid Auffarth (r.) und sein Anwalt Holger Rosemeyer scheinen auf verlorenem Posten zu stehen - vor dem Landgericht Hannover. Quelle: Michael Zgoll

Die Hannoversche Bauhütte wurde 1880 von dem Architekten Conrad Wilhelm Hase mitgegründet, heute hat der Verein seinen Sitz in der Braunstraße. Das Wohnhaus in der Bergmannstraße gehörte lange Jahre dem Wohnungsbauunternehmen Gundlach; 1990 diente der damalige Geschäftsführer Peter Hansen der Bauhütte die 5. Etage zu günstigen Mietkonditionen an, damit der Verein dort eine „Öko-Arche“ für Architekturstudenten aus der Taufe heben konnte. Auf dem Dach wurden Windrad und Fotovoltaik-Anlage installiert, die Zimmer waren für angehende Architekten bestimmt, die dort in enger Gemeinschaft schöpferisch tätig sein sollten.

Viele Jahre funktionierte das Projekt im Sinne der Erfinder, doch inzwischen ist der Lack ab. Die regenerative Energiegewinnung ist Geschichte, die Bewohnerschaft bunt zusammengewürfelt, und der Bauhütten-Verein als Hauptmieter tritt nur noch als loses Bindeglied zwischen der seit 2011 als Eigentümer des Hauses eingetragenen Berliner Immobilienfirma und den zehn Untermietern in Erscheinung. „Wir wollen uns auch gern zurückziehen, die Bewohner sollten eigene Mietverträge abschließen“, sagt Sid Auffarth.

Die Zimmer der Bauhütten-WG befinden sich im obersten Stockwerk, das mit einer Reihe kleiner Fenster ins Auge sticht. Quelle: Michael Zgoll

Die Kammer machte klar, dass der Bauhütten-Verein im juristischen Sinn als gewerblicher Mieter zu betrachten sei. Auch wenn es diesem sicher nicht um Gewinnmaximierung gehe und man das WG-Projekt durchaus sympathisch finden könne, seien die ursprünglichen Projektziele über die Jahre doch hinfällig geworden; laut mehrerer Urteile des Bundesgerichtshofs sei eine Untervermietung in solchen Fällen als gewerbliche Weitervermietung zu betrachten. Damit genießen Untermieter auch nicht den gesetzlichen Schutz wie normale Mieter, denn ein Gewerbemietvertrag kann ohne Begründung gekündigt werden.

Neue Kündigung angedroht

Nun hatte das Berliner Unternehmen beim Einreichen der Räumungsklage im Sommer 2018 zwar geschlampt, doch kann es mithilfe einer erneuten Kündigung schnell nachbessern. „Diese neue Kündigung wird auch ganz schnell kommen, die Geduld der Geschäftsführung ist erschöpft“, erklärte Anwalt Martin Berkemeier. In der Mediation hätte man sich schon geeinigt, die Gesamtmiete für die 300 Quadratmeter Wohnraum von 1800 auf 2300 Euro anzuheben (was einer Erhöhung der Quadratmeter-Miete von rund 6 auf 7,60 Euro entsprach), doch dann hätten die Bewohner eine Liste mit unerfüllbaren Sonderwünschen vorgelegt.

„Wir pflegen hier eine sehr gute Gemeinschaft“, bedauert Lehramtsstudent Maximilian Markard (29) die Entwicklung. Auch der angehenden Logopädin Tabea Mevissen (24) ist klar, dass 180 Euro Kaltmiete in dieser Lage äußerst günstig sind und ihre Chancen gering sind, ein ähnlich attraktives Domizil zu finden. Die vom Vermieter vorgelegten neuen Mietverträge, so Bauhütten-Rechtsanwalt Holger Rosemeyer, hätten die Bewohner aber nicht unterschreiben mögen, hätten etwa die vorherige Beseitigung etlicher Mängel und den Ausschluss von Renovierungs-Forderungen bei Auszug verlangt. Architekturstudent Felix Fritz (26) vermutet, dass die Immobiliengesellschaft nun die ganze obere Etage abreißen und in der Bergmannstraße luxuriösen Wohnraum schaffen will: „Dann könnte der Vermieter natürlich viel höhere Einnahmen erzielen.“

Von Michael Zgoll