Rassistische Pöbeleien gegen deutsche Nationalspieler in Wolfsburg, Sympathiebekundungen für rechtsradikale Hooligans in Chemnitz und immer wieder gewaltsame Konflikte in Hannover zwischen Linksautonomen und Problemfans von Hannover 96: Wie häufig kommt es in deutschen Fußballstadien zu rassistischen und rechtsextremen Zwischenfällen? Und wie soll auf fremdenfeindliche Strömungen in der Fanszene reagiert werden? Rund 80 Besucher haben am Freitagabend bei einer Podiumsdiskussion im Haus der Region ein deutliches Signal gesetzt: Dem AfD-Regionsabgeordenten Frank Jacobs entzogen etliche der Besucher mit wütenden Zwischenrufen, aber auch Beschimpfungen, kurzerhand das Wort. Um seine Teilnahme an der Diskussion zu verhindern, wurde sein Wortbeitrag mit lauten Protesten übertönt.
Drohungen von Fußballchaoten im Vorfeld
Mit Zwischenfällen war im Vorfeld der Veranstaltung „Was tun gegen Rechte im Stadion“ auch gerechnet worden. Schon einen Tag vor der gemeinsamen Podiumsdiskussion des Bildungsvereins, der Stadt und der Region hatten Fußballchaoten per E-Mail und telefonisch bei der Region Hannover damit gedroht, die Veranstaltung zu stören. Hintergrund sind Konflikte der 96-Ultraszene mit der linksorientierten Initiative Hannover Rechtsaußen. Daraufhin hatte der Bildungsverein zum Schutz der eingeladenen Personen die Initiative mit Bedauern ausgeladen, später aber doch wieder eingeladen. Die Region Hannover hatte wegen der Drohungen die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. „Wir wären kein ordentlicher Veranstalter, wenn wir nicht alles dafür tun würden, dass die Aktion vernünftig über die Bühne geht“, sagte Regionspräsident Hauke Jagau unmittelbar vor dem Beginn. Ein großes Polizeiaufgebot war jedoch nicht zu sehen. Die Brisanz zeigte sich aber in einem kategorischen Fotografierverbot während der Veranstaltung. „Nach ihren bisherigen Erlebnissen haben die Vertreter der Initiative diese Vorkehrung zum eigenen Schutz zur Bedingung für eine Teilnahme gemacht“, sagte Beate Gonitzki vom Bildungsverein.
Aus Sicherheitsgründen keine Fotos erlaubt
Dann war die Podiumsdiskussion jedoch zunächst einmal überraschend unaufgeregt vor sich hin geplätschert. „Was tun gegen Rechte im Stadion“ – um sich mit dieser Frage zu beschäftigen, waren außer Ewald Lienen, dem früheren 96-Trainer und aktuellen technischen Direktor des FC St. Pauli, und Frank Schmidt vom Niedersächsischen Fußballverband auch die früheren Profi-Fußballerin Tuğba Tekkal sowie Vertreter von Hannover Rechtsaußen gekommen. Ihr Vertreter David verzichtete jedoch als Vorsichtsmaßnahme darauf, auch seinen Nachnamen zu nennen.
Fans haben Angst vor rechter Gewalt
Stattdessen machte er auf angebliche rechtsradikale Entwicklungen in der Fanszene von Hannover 96 aufmerksam. Mehrfach war es in diesem Zusammenhang zu Auseinandersetzungen zwischen Unterstützern der Gruppierung und 96-Ultras gekommen. „Offizielle des Vereins und der Polizei wollen keinen Rechtsruck in der Kurve sehen und verdrängen das Problem“, sagte David. Dabei sei erst kürzlich eine linke Ultra-Fangruppe von Hannover 96 von rechten Fans aus der Kurve verdrängt worden. Dagegen sei kein Widerstand geleistet worden. „Weil das physische Gewaltpotenzial der Rechten viel höher ist“, sagte der Initiativenvertreter. „Viele schauen lieber weg aus Angst vor Gewalt.“ Ein Dialog mit den rechten Gruppierungen sei aber nicht möglich. „Die halten sich nicht für rechtsradikal, sondern für unpolitisch“, sagte David.
Lienen fordert Zivilcourage
Es war der frühere 96-Trainer, der in einer zweistündigen Diskussion eine deutliche Haltung äußerte. „Wir können nicht alles der Polizei überlassen und müssen mehr Zivilcourage zeigen, wenn wir etwas beobachten“, forderte er. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Ottmar von Holtz aus Hildesheim richtete deutliche Worte an Hannover 96: Allein die Turbulenzen im Vorfeld der Veranstaltung seien ein Beleg dafür, dass es Probleme mit rechten Tendenzen gebe, sagte er.
Das Schlusswort war Lienen vorbehalten. „Wenn wir etwas gegen Rechte im Stadion tun wollen, müssen wir etwas gegen Rechte in der Gesellschaft tun“, sagte der frühere 96-Trainer und forderte noch intensivere Projekte in Schulen, Vereinen und in der Erwachsenenbildung.
Immer wieder Rassismus im Stadion
Immer wieder ist es in jüngerer Vergangenheit zu vermeintlich politisch motivierten Zwischenfällen und rechtsextremen Vorfällen in deutschen Fußballstadien und in der Fanszene gekommen. Im Dezember kam es im Vorfeld der Partie Hannover 96 gegen Fortuna Düsseldorf zu einer Schlägerei im Stadion, nachdem dort Handzettel von der Initiative Hannover Rechtsaußen verteilt worden waren. Ende Februar hatte es in der Nordstadt vor dem Spiel von 96 gegen Eintracht Frankfurt eine Schlägerei zwischen Problemfans der Roten und Linksautonomen gegeben.
In der vergangenen Woche waren beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien in Wolfsburg drei Stadionbesucher wegen rassistischer Pöbeleien aufgefallen. Sie hatten fremdenfeindliche Beschimpfungen gegen die DFB-Spieler Ilkay Gündogan und Leroy Sané gerufen. Im Februar hatten Fans vor und während des Regionalligaspiels des Chemnitzer FC Fans mit Choreographien, Pyrotechnik und Sprechchören an den verstorbenen rechtsextremen Ultra-Fan Thomas H. erinnert. Er galt als zentrale Figur der örtlichen rechten bis rechtsextremen Szene. Zudem zeigte bei dem Regionalligaspiel CFC-Spieler Daniel Frahn nach einem Tor ein T-Shirt mit der Aufschrift „Support your local hools“. Seit vielen Jahren gilt ein Teil der Anhängerschaft als offen rechtsextrem.
Von Ingo Rodriguez