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Aus der Stadt Region hinkt ihren Klimazielen hinterher
Hannover Aus der Stadt Region hinkt ihren Klimazielen hinterher
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16:59 07.02.2019
Schüler demonstrieren weltweit für mehr Klimaschutz – wie hier in Hannover. Quelle: Saskia Döhner
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Hannover
Udo Sahling, Geschäftsführer der Klimaschutzagentur der Region. Quelle: Andreas Kannegießer

Als kürzlich im Umweltausschuss die Frage aufkam, wie sich der Stillstand beim Ausbau der Windenergie auf die selbstgesteckten Klimaziele der Region Hannover auswirken wird, herrschte Ratlosigkeit. Dabei rückt der erste Termin näher: Bis zum Jahr 2020 sollen 40 Prozent weniger klimaschädlicher Treibhausgase in die Luft gepustet werden, als es 1990 der Fall war. Im Jahr 2050 will die Region dann klimaneutral sein. Voraussetzung dafür ist, dass dann der Kohlendioxidausstoß um 95 Prozent gesunken sein muss und der Energiebedarf um 50 Prozent, bezogen wiederum auf die Werte von 1990. „Dieses Ziel ist ambitioniert, aber realistisch“, schreiben Regionspräsident Hauke Jagau und Umweltdezernentin Christine Karasch im jüngsten Klimaschutzbericht der Region. Das muss sich erst noch weisen.

„Für 2020 stellen wir gerade die konkreten Zahlen zusammen“, sagt Regionssprecher Klaus Abelmann. Für Udo Sahling, Geschäftsführer der Klimaschutzagentur der Region, steht aber bereits fest: „Wir werden die 40-Prozent-Marke nicht schaffen, sondern vermutlich noch unter dem Durchschnittswert für das Bundesgebiet liegen“. Der beträgt aktuell 32 Prozent. Auch für das langfristigere Ziel sieht Sahling derzeit schwarz. Die Situation bei der Windenergie spiele dabei eine Rolle, aber es gebe auch noch andere Gründe. Ein Überblick:

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Kraftwerke

Das Gemeinschaftskraftwerk in Stöcken am Mittellandkanal. Quelle: Rainer Droese

Die Lage: Zwei mit fossilen Brennstoffen betriebene Kraftwerke stehen in der Region Hannover, der Steinkohlemeiler in Stöcken und das mit Heizkraftwerk Linden mit seiner Gas- und Dampfturbine. Beide pusten Kohlendioxid in die Luft.

 Der Ausblick: Angestrebt ist, dass der Strombedarf bis 2050 komplett aus regenerativen Quellen wie Wind- und Solarenergie gedeckt werden kann. Bis es soweit ist, werden die Kraftwerke gebraucht. Sie liefern zusätzlich Wärme und Fernwärme. Das Kraftwerk Stöcken ist vom beschlossenen Kohleausstieg betroffen, der besagt, dass spätestens 2038 alle derartigen Meiler vom Netz gegangen sein müssen. Dazu wird eine bundesweite Rangfolge erstellt. „Wir werden auf dieser Liste weit hinten stehen, weil Stöcken wegen der Kraftwärme-Kopplung, dem Fernwärmeanschluss und dem hohen Wirkungsgrad moderner ist als viele andere Kohlekraftwerke“, sagt Stadtwerkesprecher Carlo Kallen. Vermutlich werde es irgendwann nach 2030 soweit sein.

Windenergie

Die meisten Windräder in der Region drehen sich im Neustädter Land. Der vorgesehene Ausbau stockt derzeit. Quelle: Mirko Bartels

Die Lage: Rund 260 Rotoren stehen in der Region Hannover. Um die Klimaziele zu erreichen, müsste die Stromerzeugung aus Wind verfünffacht werden. Das soll in erster Linie nicht durch zusätzlichen Anlagen erreicht werden, sondern durch die Modernisierung im Bestand. Bestehende Windräder werden dafür abgebaut und durch höhere, leistungsfähigere Exemplare ersetzt.

Der Ausblick: „Ohne Windenergie sind die Klimaschutzziele nicht zu erreichen“, hat auch Regionspräsident Hauke Jagau immer wieder betont. Aktuell herrscht aber kompletter Stillstand. Die Deutsche Flugsicherung verhindert mit richterlichem Segen den vorgesehenen Ausbau, weil sie auf einem Sicherheitsradius um ihre Funkfeuer besteht. Auf Vermittlung von Staatssekretär Enak Ferlemann aus dem Bundesverkehrsministerium sollen sich Region und ebenfalls betroffene Nachbarlandkreise sowie die Flugsicherung zusammensetzen. Möglicher Kompromiss: Windparks in unmittelbarer Nähe zu den Funkfeuern werden aufgegeben, dafür andere nicht mehr blockiert. „Dann stünden annähernd die 1,6 Prozent des Regionsgebietes für Windenergie zur Verfügung, die dafür auch vorgesehen sind“, sagt Sahling.

„Windräder gefährden Flugverkehr“

Windräder in bestimmten Bereichen können den Luftverkehr gefährden, sagen die Deutsche Flugsicherung (DFS) und das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF). Die Radaranlagen, wie zum Beispiel das Drehfunkfeuer bei Sarstedt, dienen der Positionsbestimmung von Flugzeugen. Ein Pilot, der sich mit seiner Maschine im Anflug auf den Flughafen Hannover-Langenhagen befindet, kann die Frequenz des Drehfunkfeuers Sarstedt, das im Fachjargon Leine-VOR genannt wird, im Flugzeug einstellen. Dann kann er seine Maschine genau zu diesem Punkt steuern oder per Autopiloten fliegen lassen. Die Radaranlagen werden vor allem von Verkehrsflugzeugen genutzt.

Windräder können nach Einschätzung der Experten von DFS und BAF Flugzeuge vom Kurs abbringen, weil die Anlagen die Funksignale stören. Um das Störpotential auszuschließen, erwartet die Flugsicherung einen Mindestabstand von 15 Kilometern zwischen Windrädern und Flugsicherungsanlagen.

Windenergiefirmen und Windenergiebetreiber werfen dagegen der Flugsicherung und dem Bundesaufsichtsamt vor, sich möglichen Kompromissen zu verweigern. Mit der Bundeswehr, die ähnliche Anlagen betreibt, würden regelmäßig Wege gefunden, die sowohl Windkraftanlagen als auch einen sicheren Flugbetrieb möglich machten, heißt es. Dagegen gehe es BAF und DSF offenbar vor allem darum, ihre Macht und Zuständigkeiten zu verteidigen anstatt Lösungen für die Energiewende zu finden.

Solarenergie

Solarenergieanlagen auf dem Dach der Gebäude des Üstra-Busdepots Quelle: Rainer Dröse

Die Lage: Derzeit spielen Photovoltaik bei der Strom- und Solarthermie bei der Wärmeversorgung noch keine entscheidende Rolle. Ein Beispiel: Beim Strom macht das Aufkommen aus der Sonnenenergie nur ein Zehntel desjenigen aus, das schon mit Windenergie erzeugt wird.

Der Ausblick: Bis 2050 sollen Wind- und Solarenergie zu in etwa gleichen Teilen zur Stromversorgung beitragen, auch die Solarthermie soll wachsen. Die Region hat dazu vor knapp drei Jahren ihre sogenannte Solaroffensive begonnen. Sie fördert Solarthermie-Anlagen und will mehr Photovoltaikanlagen auf die Dächer bringen. Potenzial wäre vorhanden. „Eine Analyse hat ergeben, dass von gut 522.000 Gebäuden knapp 400.000 geeignet sind“, sagt Regionssprecher Abelmann.

Verkehr

Auf Hannovers Straßen sind immer mehr Autos unterwegs. Das führt, wie hier in der Marienstraße, oft zu Stillstand. Quelle: Tim Schaarschmidt

Die Lage: Motorisierter Verkehr, Industrie, private Haushalte sowie Handel und Gewerbe sind aktuelle jeweils in etwa zu einem Viertel an den Kohlendioxidemissionen in der Region beteiligt, wobei der Anteil von Verkehr und Industrie etwas höher liegt als der der beiden anderen Sektoren. Der Autoverkehr nimmt aktuell in der Region sogar noch zu, sein Anteil am Gesamtverkehrsaufkommen stagniert.

Die Aussicht: „Wir haben zwar gute Zahlen bei Bussen und Bahnen, aber schlechte beim Fahrrad. Eine Verkehrswende zu Lasten des Autos muss einsetzen“, sagt Sahling. Gleiches fordert auch Ulf-Birger Franz, Verkehrsdezernent der Region, vor allem mit Blick auf die Stadt Hannover, hat sich damit aber bei den Ratspolitikern vorerst eine blutige Nase geholt. Sahling hofft auf eine Zeitenwende bei der bisher unterrepräsentierten Elektromobilität und setzt dabei auch auf Schubwirkung durch Versorgungsunternehmen wie die Stadtwerke. „Sie entwickeln sich immer mehr zu Energiedienstleistern, die bei der Elektromobilität Komplettpakete anbieten“, sagt er.

Wohnungen

Bei der energetischen Sanierung von Altbauten etwa durch Fassadendämmung könnte sich mehr tun. Quelle: dpa

Die Lage: Etwa 70 Prozent des Energiebedarfs der privaten Haushalte entfallen auf die Heizung. Mit allerlei Förderungen versuchen Einrichtungen wie der Fonds Proklima Hausbesitzer dazu zu animieren, ihre Gebäude besser zu dämmen und moderne Heiztechnik anzuschaffen. Die Klimaschutzagentur startet regelmäßig flankierende Werbekampagnen.

Der Ausblick: „Die Altbauten wird nicht so schnell modernisiert wie es notwendig wäre“, sagt Sahling. Die jährlichen Zuwachsraten liegen derzeit nur im Ein-Prozent-Bereich des Bestandes – nach Ansicht des Agentur-Geschäftsführers unter anderem deshalb, weil Öl- und Gaspreise immer noch vergleichsweise niedrig seien. Er hofft auf steigendes Interesse von Hausbesitzern am Klimaschutz. Potenziale sieht er auch im Neubau, wenn verstärkt sogenannte Plus-Energie-Häuser errichtet würden. Diese erzeugen vorrangig durch Solarenergie mehr Strom, als in ihnen verbraucht wird.

Von Bernd Haase