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Aus der Stadt Rocken bis es raucht: Rammstein in Hannover
Hannover Aus der Stadt

Rocken, bis es raucht: Rammstein in der HDI-Arena Hannover

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13:10 12.07.2019
Feuer und Flamme: Till Lindemann. Quelle: Samantha Franson
Hannover

 Ein Schlagzeuger kommt auf die Bühne und spielt einen Beat. Dann zwei Gitarristen, ein Keyboarder, der Bassist, zuletzt der Sänger. Sie spielen ein Lied, es heißt „Was ich liebe“, schleppendes Tempo, wenig Spektakel. Es könnte ein ganz normales Rockkonzert sein.

Wenn nicht der Tastenmann aussähe wie „Star-Wars“-Druide C3PO. Und alle anderen auch zumindest auffällig gekleidet wären. Und der Bühnenaufbau nicht das Fußballstadion überragen würde, in dem die Show stattfindet. Und schwarzer Rauch aufstiege, bei dem man eigentlich augenblicklich 112 rufen müsste. Muss man aber nicht. Denn es ist hier doch ein bisschen anders als bei einem normalen Rockkonzert. Und das Schützenfest nebenan ist weder das bunteste noch das lauteste Ereignis an diesem knapp 20 Grad kühlen, angenehmen Abend.

Ausverkaufte Arena

Rammstein ist in der Stadt. Das ist schon deshalb ein Ereignis, weil es nicht so häufig vorkommt. Sieben Jahre ist es her, seit das Sextett um Sänger Till Lindemann über eine riesige Brücke über die Köpfe der Fans in der HDI-Arena zur Bühne und zur Tat schritt. Nun stehen sie erstmals in der – selbstverständlich ausverkauften – Arena von Hannover 96, die einen Nachteil hat: Man kann das Licht nicht ausknipsen. Tageshelligkeit nimmt einer Rammstein-Darbietung ein wesentliches Element.

Pyros und Rauch: Das Stadion von außen – im Video

Feuerwerk und Flammenstöße

Und so geht es vor 44.000 aufgekratzten Zuschauern erstmal ausschließlich um Musik, sieht man einmal von der obligatorischen Feuerwerksknallerei ab und den Flammenstößen, die regelmäßig vor, zwischen und hinter den Musikern hochgehen und die Fangesichter auch in einiger Entfernung wärmen. Die unmittelbare Fühlbarkeit ist Teil der Show und des Rammstein-Erfolgsrezeptes. Es stinkt, wenn es raucht, und auch der Klang muss zur Körpererfahrung werden. Der Bass im Bauch, die sägenden Gitarren in den Ohren. Die Soundqualität ist für einen solchen Beschallungsraum grandios.

Viele Songs vom neuen Album

Rammstein hat ein neues Album dabei, auch das nach einer üppigen Schaffenspause von neun Jahren. Die Songs dominieren den ersten Teil des Konzerts, es geht wie immer um die menschlichen Abgründe, und tatsächlich hat Lindemann noch ein paar neue aufgetan wie Schein und Sein in der katholischen Kirche („Zeig dich“) oder häusliche Prostitution aus Sicht einer verzweifelten kleinen Schwester im Nebenzimmer („Puppe“). Der überdimensionierte Kinderwagen, den Lindemann dazu auf die Bühne schiebt, zeigt, dass Rammstein ein wenig auf der Stelle tritt. Denn natürlich kommt Feuer aus dem Kinderwagen, in dem Entstelltes liegt. Mehr erwartbar als schockierend, der Rest wird zum Horrorcomic, nicht ganz geschmackssicher bei diesem Thema, das schwarze Konfetti, das aus allen Rohren im Stadion geballert wird, trifft es da schon besser. Aber durch übermäßige Feinfühligkeit ist Rammstein noch nie aufgefallen.

Rammstein verzichtet auf Leinwände

Auf Großaufnahmen und eine Komplettübertragung der Show muss das Publikum weitgehend verzichten, Leinwände links und rechts der Bühne gibt es nicht. Der Blick soll sich zur Bühne richten. Einzig der mittige Turmaufzug im Bühnenhintergrund liefert einige Impressionen.

Laute Explosionen, viel Rauch – und Rammstein. Bilder vom Konzert am 2. Juli 2019 in der HDI-Arena.

Deutschland“, dieses sehr aktuelle, diffuse Stimmungskaleidoskop, gibt es gleich in zwei Versionen, zunächst als Remix vom Band mit ein paar eher putzigen Männertanzeinlagen mit Leuchtanzügen, dann als Rockversion. „Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen“, knödelt Lindemann und trifft, so verknappt, so direkt, ziemlich genau die Grundbefindlichkeit in einer angespannten Nation, die nicht weiß, wo sie politisch und gesellschaftlich hinsteuert. Dass Rammstein in dieser vielfach mitgesungenen Abrechnung die Zeile „Deutschland, Deutschland über allen“ anbietet, ist der interessanteste Feldversuch des Abends.

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„Sonne“ als Flammenshow

Ohne die Hits geht es in der HDI-Arena natürlich nicht. „Links, 2, 3, 4“ gibt's zu Beginn, später donnern „Mein Herz brennt“, „Mein Teil“ und „Du hast“ durch die Arena, über der sich allmählich lichtshowfreundliche Dunkelheit breitmacht und eine imposante Batterie an Scheinwerfern zum Strahlen bringt.

Von den Fans in Schlauchbooten getragen

In der Zugabe klettern die Herren dann auf ein Podest in der Menge, „Engel“ gibt es zur Klavierbegleitung, es singt das Volk, in diesem Fall aus ganzem Herzen. Zurück geht es mit großen Schlauchbooten auf den Händen der Fans, eine routinierte Form der Schwarmlogistik, die zu einer Rammstein-Show gehört wie „Sonne“ – in Hannover als Flammenshow inszeniert – und „Du riechst so gut“. So distanziert und ansagenarm sich Rammstein auf der Bühne gibt, so greifbar werden die Musiker in dieser Situation. Gefeiert werden sie zu diesem Zeitpunkt schon lange. Zwei Stunden lassen sie es krachen. Dann zieht der Rauch langsam ab. Und das Schützenfest nebenan nimmt noch einmal kräftig Fahrt auf.

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Von Uwe Janssen

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