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Aus der Stadt Straßenkehrer sollen Hannover sauberer machen
Hannover Aus der Stadt Straßenkehrer sollen Hannover sauberer machen
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09:49 20.02.2019
Die neuen Cityreiniger Ismail Akhdar und Selina Slawatycki fahren mit ihren E-Bikes umher und sammeln Müll auf.
Die neuen Cityreiniger Ismail Akhdar und Selina Slawatycki fahren mit ihren E-Bikes umher und sammeln Müll auf. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Quietschend bringt sie ihr Elektrofahrrad zum Stehen, nimmt eine langstielige Greifzange aus dem Anhänger und schnappt sich die braune Fast-Food-Tüte zwischen den Hecken. „Solche Tüten finde ich leider sehr häufig in der City“, sagt Selina Slawatycki. Auch Servietten, Taschentücher, Tetrapacks und Plastikboxen für Snacks sammelt Slawatycki regelmäßig auf. Fündig wird sie meist in der Georgstraße und in der Bahnhofstraße. „Auf den Hochbeeten am Steintorplatz liegen viele Spritzen von Süchtigen“, sagt die 24-Jährige. Zusammen mit ihrem Kollegen Ismail Akhdar fährt sie im Auftrag des Entsorgungsunternehmens Aha durch Hannovers Innenstadt, die Lister Meile und um den Maschsee herum –mit Besen, Kehrblech, Greifzange und Müllsäcken im Gepäck. Damit belebt Aha die fast vergessene Tradition der Straßenkehrer, die sich nun Cityreiniger nennen.

Cityreiniger sollen das Gespräch mit Bürgern suchen

Keinesfalls soll der Handbesen die Kehrmaschine ersetzen. Aha und der Stadtverwaltung geht es um etwas anderes. Sie wollen der Abfallentsorgung ein menschliches und zugleich sympathisches Gesicht geben. „Wir sind so etwas wie Vorbilder“, sagt Akhdar. Auch privat achte er jetzt immer stärker darauf, dass kein Abfall auf der Straße liegt. Moderne Straßenkehrer sollen nicht mit grimmiger Miene durch die Stadt fegen, sondern „Ansprechpartner“ für die Bürger sein, meint Mathias Quast, Leiter der Aha-Straßenreinigung.

„Es war gar nicht leicht, geeignetes Personal zu finden“, sagt Quast. Freundlich im Auftreten sollten die beiden Cityreiniger sein, jederzeit bereit zu Gesprächen mit Passanten. Auch Freude am Radfahren und an Bewegung im Freien gehörte zu den Einstellungsvoraussetzungen. Eine Menge Leute hätten sich beworben, sagt Quast, auf Slawatycki und Akhdar sei er auf Empfehlung von Kollegen gestoßen. Beide seien bereits in der Abfallentsorgung tätig gewesen. Seit einigen Wochen sind die beiden im Einsatz. Jetzt sucht Aha einen dritten Cityreiniger, der als Vertretung einspringen kann.

Hochbeete werden als Aschenbecher genutzt

Akhdar fährt mit seinem Gespann in weitem Bogen um die Hochbeete auf dem Andreaeplatz. „Hier liegt oft Müll herum“, sagt er. Die Podeste mit ihrer grauen Kiesdecke sehen aus wie riesige Aschenbecker –und so werden sie auch benutzt. Etliche Kippen findet der 31-Jährige auf dem Beet. Mit Handbesen und Kehrblech, das fachlich korrekt Aufnahmekasten heißt, schiebt er die Zigarettenreste zusammen und füllt sie in einen Sack. Einen überquellenden Mülleimer auf dem Platz nimmt er auch noch mit. „Wenn die Menschen ihren Abfall nicht korrekt entsorgen können, werfen sie ihn auf die Straße“, sagt Akhdar.

Der Cityreiniger hätte auf seinem Anhänger noch Platz für etliche Müll-Ladungen. Eine Zuladung von 200 Kilogramm verträgt das Gespann, das Aha zusammen mit einem Bremer Hersteller konstruiert hat. Die orangefarbenen Elektroräder sind dagegen keine Sonderanfertigungen. Um herumliegenden Müll aufzunehmen, reichen die Werkzeuge im Anhänger aus. Kaugummireste können die Cityreiniger nicht von den Bodenfliesen in den Fußgängerzonen kratzen.

Neues Gerät soll Kaugummireste entfernen können

Die schwarzen Fladen auf den hellen Fliesen in der Innenstadt sind ein ständiges Ärgernis – nicht nur für Einkaufsbummler und Geschäftsleute, sondern auch für Aha. Denn auch mit der erst kürzlich für viel Geld angeschafften Nassreinigungsmaschine sind die Klebereste kaum zu lösen. „Wir testen demnächst eine neue Maschine“, kündigt der Chef der Stadtreinigung an. Dabei handele es sich um ein Handgerät, das die Kaugummis mit einer Zuckerlösung entfernt. „Die Lösung kann bedenkenlos in die Kanalisation fließen“, betont Quast. Ab Mai werde man das Gerät testen.

Ob neue Putzgeräte oder sympathische Straßenkehrer – Hannover will mehr für die Sauberkeit auf Straßen und Plätzen tun. Ordnungsdezernent Axel von der Ohe (SPD) hat zusammen mit Aha die Kampagne „Hannover sauber“ ins Leben gerufen. Das Personal im Bereich Abfallfahndung wurde erheblich aufgestockt, der städtische Ordnungsdienst soll nicht nur lautstarke Trinker zurechtweisen, sondern auch Schmuddelecken melden. Illegaler Müll soll rasch aufgespürt und schnell entsorgt werden. „In jedem Stadtbezirk gibt es Orte, wo Menschen regelmäßig Abfall illegal entsorgen“, sagt Quast. Dort werde man sich auf die Lauer legen.

Nach sechseinhalb Stunden haben Slawatycki und Akhdar ihre Touren beendet. Jeder hat unterschiedliche Straßen unter die Lupe genommen und dabei fast 20 Kilometer zurückgelegt. Mit dem Elektromotor unterm Sattel fühle sich die Strecke wie eine Spazierfahrt an, sagen die beiden. Querelen mit aufgebrachten Bürgern haben sie nicht erlebt. „Oft werden wir von Stadtbesuchern bloß nach dem Weg gefragt“, sagt Slawatycki.

„30 Hinweise auf illegalen Müll pro Tag“

Ordnungsdezernent Axel von der Ohe (SPD) spricht im HAZ-Interview über Abfallfahnder, Müllmelde-Apps und schmutzige Ecken in der Stadt.

 
Herr von der Ohe, zwei Cityreiniger kurven jetzt auf ihren E-Bikes durch die Innenstadt, die Lister Meile und um den Maschsee herum. Ist das Symbolpolitik oder leisten die beiden tatsächlich einen Beitrag zur sauberen Stadt?
 

Ein bisschen von beidem. Selbstverständlich entfernen die beiden Cityreiniger auf ihren Touren kleinere Abfallmengen, leisten so einen konkreten Beitrag für mehr Sauberkeit in der Stadt. Zugleich sind sie so etwas wie das Gesicht von „Hannover sauber“. Sie sind für die Bürger sichtbar und ansprechbar, tragen damit dazu bei, das Thema Stadtsauberkeit präsent zu machen.

 
Die Fahndung nach illegalem Müll soll effektiver werden. Wie wollen Sie das bewerkstelligen?
 

Das Personal beim Entsorgungsunternehmen Aha wurde kräftig aufgestockt. Die Zahl der Abfallfahnder haben wir verdoppelt, und wir setzen auf eine enge Zusammenarbeit von Abfallfahndung und städtischem Ordnungsdienst. Beide werden künftig auch gemeinsame Kontrollen und Schwerpunktaktionen durchführen.

 
Dabei sind Sie auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Wie erreichen Bürger die Abfallfahnder?
 

Entsprechende Hinweise können direkt an die Servicehotline von Aha gegeben werden, und auch der städtische Ordnungsdienst ist telefonisch unter (0511) 168-55555 und per Mail unter ordnungsdienst@hannover-stadt.de dafür ansprechbar. Zudem hat Aha eine Müllmelde-App entwickelt, die wir derzeit testen. 15 bis 20 Bürger haben sich pro Stadtbezirk bereiterklärt, die App auf ihre Smartphones herunterzuladen und wilde Müllablagerungen zu melden. Das wird auch schon eifrig getan. Wir bekommen im Schnitt 30 Hinweise pro Tag, wobei wir das Ziel verfolgen, den illegal entsorgten Müll nach Eingang der Hinweise möglichst innerhalb eines Tages abzuräumen.

 
Wie schaffen Sie es bei dieser hohen Zahl von Hinweisen, den illegalen Müll innerhalb eines Tages zu entsorgen?
 

Neben der Stärkung der Abfallfahndung hat der Rat auch finanzielle Mittel für die personelle Aufstockung der schnellen Einsatzteams, also bei den Kollegen, die den Müll wegschaffen, bereitgestellt. Mit diesen zusätzlichen Ressourcen funktioniert es im Moment gut – auch wenn wir uns ziemlich strecken müssen. Sollte es, wenn die Müllmelde-App ab Mitte des Jahres für alle Hannoveraner kostenlos verfügbar sein wird, noch sehr viel mehr Hinweise geben, wird man personell eventuell noch einmal nachsteuern müssen.

 
Die Sauberkeitskampagne der Stadt läuft seit einigen Monaten. Ist Hannover schon ein bisschen sauberer geworden?
 

Wir sind mit dem Start zufrieden, erleben viel Rückenwind aus der Stadtgesellschaft. Klar ist aber auch, dass nach einem halben Jahr noch nicht alles umgesetzt ist. Tatsächlich gilt es, dicke Bretter zu bohren, und das dauert eine längere Zeit.

Von Andreas Schinkel