Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Staatsanwältin fordert neun Jahre Haft für Tagesvater
Hannover Aus der Stadt

Schwurgericht Hannover: Staatsanwältin fordert neun Jahre Haft für Tagesvater

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:03 22.05.2019
Mit einer Puppe werden im Gericht die Auswirkungen des starken Schüttelns auf das Gehirn eines Kleinkinds demonstriert. Quelle: Michael Zgoll
Anzeige
Hannover

 Im Prozess gegen den 31-jährigen Tagesvater, der einen 13 Monate alten Jungen fast zu Tode geschüttelt haben soll, hat Staatsanwältin Bianca Vieregge eine Freiheitsstrafe von neun Jahren gefordert. Viktor C. habe sich des versuchten Totschlags, der schweren Körperverletzung und der schweren Misshandlung eines Schutzbefohlenen schuldig gemacht. Er müsse Max (Name von der Redaktion geändert) „mehrfach und äußerst gewaltsam geschüttelt“ haben, andere Schlüsse ließen die Gutachten von vier Sachverständigen nicht zu. Das Opfer werde für immer körperlich und geistig behindert sein, die Eltern seien den Rest ihres Lebens gestraft. „Sie haben bei ihrem Tagesvater morgens ein gesundes Kind abgegeben und mittags ein schwerbehindertes Kind zurückbekommen“, sagte Vieregge.

So sieht eine Spezialpuppe aus, mit der Mediziner die Auswirkungen eines starken Schüttelns eines Babys auf sein Gehirn demonstrieren. Quelle: Michael Zgoll

C., gelernter Koch und Restaurantfachmann mit einer 160-Stunden-Qualifikation zum Tagesvater, hatte am 31. März 2017 in einer Südstädter Wohnung Max sowie zwei andere Kleinkinder betreut. Nachdem der 31-Jährige gegen Mittag die Eltern und diese kurz darauf den Notarzt gerufen hatten, begann der Kampf um das Leben des Jungen. Sein Hirn blieb jedoch nachhaltig geschädigt, wozu eine Sauerstoffunterversorgung entscheidend beitrug.

Anzeige

300.000 Euro Schmerzensgeld

„Hätte der Angeklagte gleich einen Rettungswagen gerufen, wären die Folgen des Schüttelns nicht so katastrophal gewesen“, sagte Anwältin Nicole Thiele, die die Mutter (33) und den Vater (40) des Jungen vertritt. Sie sei aber froh, dass die Eltern inzwischen noch ein weiteres Kind bekommen hätten. Thiele forderte für die lebenslange Pflege von Max ein Schmerzensgeld von 300.000 Euro, was bei einer erwartbaren Lebenserwartung von 80 Jahren einer monatlichen Rente von 316 Euro entspricht.

Verteidiger Vyacheslav Varavin plädierte auf Freispruch. Wirkliche Beweise für C.s Täterschaft lägen nicht vor, ein Motiv sei nicht erkennbar und die Vorwürfe seien in keiner Weise mit dem Wesen des 31-Jährigen in Einklang zu bringen. Dieser ist selbst Vater, wurde von allen Eltern in seiner Rolle als Tagesvater als fürsorglich beschrieben und war noch nie durch Gewalt- oder andere Straftaten aufgefallen. Inzwischen arbeite C., so Varavin, wieder in einem Hotel, auch habe er sich dem Verfahren in keiner Weise entzogen – auch wenn ihm eine langjährige Haftstrafe drohe.

Viel Kraft notwendig

Zu Beginn des Verhandlungstages hatte die Rechtsmedizinerin Melanie Todt bekräftigt, dass die Verletzungen des Kindes „typisch für ein Schütteltrauma“ seien. Dass Max durch einen Schlag gegen den Kopf, einen Sturz oder das Bremsmanöver auf einem Fahrrad erheblich verletzt wurde, schloss sie aus. Sie demonstrierte anhand einer eigens für diesen Zweck angefertigte Puppe, wie der Kopf eines Säuglings – in diesem Fall einem drei Monate alten Baby nachgebildet – beim Schütteln hin- und hergeschleudert wird. Der 13 Monate alte Max war mit knapp zehn Kilo deutlich schwerer: „Hier musste also erheblich mehr Kraft aufgewendet werden.“

Die Kammer wird ihr Urteil am Mittwoch, 29. Mai, verkünden. Die Staatsanwältin beantragte, im Falle einer Verurteilung den außer Vollzug gesetzten Haftbefehl gegen C. wieder in Kraft zu setzen.

Von Michael Zgoll