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Aus der Stadt Sechs Reviere in der Stadt: Wie der Biber Hannover erobert
Hannover Aus der Stadt Sechs Reviere in der Stadt: Wie der Biber Hannover erobert
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00:18 24.01.2019
Auf den Spuren der Biber in Hannover: Experte Bernd Hermening vom Nabu. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

“Das ist ganz frisch, das glänzt noch“, sagt Bernd Hermening und zeigt auf eine junge Buche – oder besser: das, was davon übrig ist. Der Baumstumpf läuft oben spitz zu wie eine Hälfte einer Sanduhr, außerdem sind Gebissspuren zu erkennen. Ganz klar: Hier war ein Biber am Werk. „Für den kleinen Baum hat er vielleicht zehn bis 15 Minuten gebraucht“, schätzt Hermening. Gemeinsam mit zwei weiteren ehrenamtlichen Biberexperten vom Naturschutzbund Laatzen (Nabu) hat er am Sonntag eine Führung durch Biberreviere angeboten. Das Besondere daran: Die Tour führte nicht zu abgelegenen Teichen im Umland, sondern an der Leine entlang – mitten in Hannover.

37 Biberreviere gibt es zwischen Nordstemmen und Neustadt, sechs davon im Stadtgebiet von Hannover. Experten vom Nabu zeigen die Spuren des Nagers.

Derzeit gibt es 37 Reviere mit rund 150 Bibern an der Leine zwischen Nordstemmen und Neustadt. Sechs davon liegen im Stadtgebiet von Hannover. „Das ist eigentlich gar nichts Neues“, sagt Hermening. Denn spätestens seit die Tierschützer vom Nabu im Jahr 2013 begonnen haben, das Gebiet zu kartieren, hat es schon Biber im Stadtgebiet gegeben. Da die Nager aber meist nur ein bis zwei Junge bekommen, breiten sie sich nur relativ langsam aus.

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Hype um Nager

Doch obwohl der Nager schon etwas länger wieder in Hannover heimisch ist, stellt Hermening aktuell ein besonderes Interesse am Biber fest. „Das ist ein totaler Hype, bei uns wird viel nachgefragt, und wir werden bei den Führungen von Spaziergängern angesprochen“, sagt er. Bei der jüngsten Biberführung am vergangenen Sonntag haben sich 26 Leute angemeldet – „sonst waren es immer zehn bis zwölf“. Solche Touren bietet der Nabu von Januar bis März an. „Dann sieht man die frischen Spuren“, sagt Hermening.

Allerdings freut sich nicht jeder über den Biber. Schließlich können die Tiere mit ihren Dämmen für überflutete Keller und Felder sorgen. In solchen Fällen können sich Betroffene an die ausgebildeten, ehrenamtlichen Biberberater der Arbeitsgruppe Biber im Nabu Laatzen wenden. „Wir werden meistens angerufen, wenn es Probleme gibt“, sagt Hermening. Die AG steht in engem Kontakt mit der Stadt Hannover, dem Wasserwirtschaftsamt und dem Grünflächenamt. „Wir stimmen uns mit den Behörden ab und managen dann in den Einzelfällen das Zusammenleben von Biber und Mensch, sodass alle zufrieden sind“, sagt Hermening. Gefährlich kann es auch werden, wenn die Tiere Bäume an Gehwegen fällen. Bisher habe es da in Hannover aber noch keine gefährlichen Situationen gegeben, sagt Hermening. Einige Bäume an der Leine hat die Stadt zur Verkehrssicherheit mit einem Fraßschutz versehen lassen. Das ist ein kleines Gitter, wodurch der Biber nicht an den Baum herankommt.

Der Biberberater führt die Gruppe vom Treffpunkt an der Wasserkunst an der Leine entlang in Richtung Osten – vorbei an einem Biberbau und einigen abgenagten Baumstämmen. Er hat einige Fotos dabei etwa von Dämmen. Einen Damm können die Teilnehmer an der Leine nämlich lange suchen. Ist ein Fluss tiefer als 80 Zentimeter, bauen die Nager schließlich keine Dämme. Diesen Mindestwasserstand brauchen die Tiere, um im Winter einen ausreichenden Holzvorrat unter Wasser lagern zu können und um den Eingang zu ihrem Bau weit genug unter Wasser zu graben, so dass keine Feinde eindringen können.

Biberhüte als Statussymbol

Lange Zeit lebten fast gar keine Biber in Deutschland – der letzte Biber in Niedersachsen wurde 1819 getötet. Das lag daran, dass die Tiere bereits im Mittelalter intensiv gejagt wurden. „Damals waren gefilzte Biberhüte ein Statussymbol“, sagt Hermening. Darunter litten nicht nur die Biber, sondern auch die Hutmacher. Sie mussten die Hüte mit Quecksilber und anderen Chemikalien filzen. „Dadurch wurden die gaga“, sagt der Biberexperte salopp – aus der Berufskrankheit entwickelte sich das englische Sprichwort „mad as a hatter“ (deutsch: „verrückt wie ein Hutmacher“). So entstand auch die Figur des verrückten Hutmachers in dem Kinderbuch „Alice im Wunderland“.

Nicht zu verwechseln mit ...

Häufig verwechselt wird der Biber mit Nutrias und den deutlich kleineren Bisamratten. Anders als der Biber stehen diese Nager nicht unter Schutz. Sie vermehren sich deutlich schneller als Biber und stellen dazu eine größere Gefahr dar, weil sie Deiche und Böschungen unterhöhlen. Daher stellt das Land auch drei hauptberufliche Jäger für die Bekämpfung der Biberratte ein.

Nutrias sind eine gebietsfremde Art, sie stammen ursprünglich aus Südamerika. Die heute in Deutschland lebenden Tiere sind aus Pelztierfarmen entkommen. Insgesamt stehen 26 Arten auf der Liste invasiver Arten in Deutschland – neben Nutria und Bisamratte etwa auch Waschbär, Marderhund und südamerikanischer mehrere Hörnchenarten. jst

Nicht nur die Felle des Bibers waren begehrt, sondern auch das Biberfleisch. „Ein Mediziner hat den Biber als Fisch deklariert“, erzählt Hermening. Das kam der Kirche gelegen, denn so konnten Christen in der Fastenzeit Biber essen. Auch mit einem weit verbreiteten Irrtum räumt der Biberberater auf: Der Nager ist nicht nur kein Fisch, er isst auch keinen Fisch. Biber sind Vegetarier. „Genau genommen sogar Veganer, sie essen ja auch keine Eier und trinken keine Milch“, sagt Hermening. Neben Baumrinde und Holz, am liebsten Weide, frisst der Biber alles, was die Pflanzenwelt ihm bietet.

Nachdem der Biber nun fast 200 Jahre in Deutschland so gut wie ausgerottet war – von einer kleine Restpopulation an der Elbe mal abgesehen –, siedeln sich seit einigen Jahren wieder immer mehr Tiere an. Sie kommen vor allem aus Frankreich und Polen. 2005 kam der erste Biber auch wieder in die Region Hannover nach Laatzen. Heute leben laut Bundesamt für Naturschutz wieder rund 30.000 Biber in Deutschland, etwa zwei Drittel davon allein in Bayern.

Nutrias nicht unter Schutz

„In Niedersachsen stehen Biber unter Naturschutz“, sagt Hermening, „sie dürfen nicht gejagt oder gestört werden.“ Wenn sie in kleinen Flüssen oder Teichen Dämme bauen, schaffen Biber damit Lebensräume für seltene Tiere und Pflanzen. „Deswegen sind sie auch so wertvoll“, sagt er.

Die AG Biber sucht Verstärkung

Die Arbeitsgruppe Biber der Nabu-Gruppe Laatzen sucht noch Helfer für die Kartierung von Biberspuren. Die Ehrenamtlichen treffen sich immer am letzten Donnerstag eines Monats um 19 Uhr im Naturschutzzentrum Alte Feuerwache an der Ohestraße in Laatzen. Interessierte können einfach vorbeischauen oder sich vorher beim Nabu unter Telefon (05 11) 8 79 01 10 oder per E-Mail an info@nabu-laatzen.de melden. Weitere Infos gibt es im Internet unter nabu-laatzen.de.

Die nächste Biberführung findet am Sonntag, 17. Februar, ab 14 Uhr statt und führt rund um den Maschsee. Eine weitere Führung entlang der Leine in Herrenhausen bietet der Nabu am Sonntag, 24. März, ab 10 Uhr an. Beide Touren kosten für Mitglieder 2, für Nicht-Mitglieder 5 Euro. Eine Anmeldung beim Nabu Laatzen ist erforderlich. jst

Von Johanna Stein

21.01.2019
21.01.2019