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Aus der Stadt Tod nach zu heißem Duschen: Zeugin schildert die erschreckende Tat
Hannover Aus der Stadt Tod nach zu heißem Duschen: Zeugin schildert die erschreckende Tat
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18:42 16.01.2019
Das Seniorenzentrum Mozartpark, in dem die Bewohnerin verbrüht wurde, ist südöstlich des Leine-Einkaufszentrums gelegen.
Das Seniorenzentrum Mozartpark, in dem die Bewohnerin verbrüht wurde, ist südöstlich des Leine-Einkaufszentrums gelegen. Quelle: Foto: Clemens Heidrich
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Hannover

 Eine polnische Krankenschwester hat die junge Pflegeassistentin, die im Juli 2015 durch zu heißes Duschen den Tod einer 84-jährigen Altenheimbewohnerin verursacht haben soll, am Mittwoch im Amtsgericht stark belastet. Die 50-Jährige half der zum Tatzeitpunkt 20 Jahre alten Natalie B., die demente Seniorin in den Sanitärbereich ihres Zimmers zu bringen, sie half der Jüngeren, die aufgrund ihrer Inkontinenz erheblich verschmutzte Bewohnerin auszuziehen, und sie kam nach einem kurzen Abstecher in einen Wäscheraum zurück in die Dusche. „Es war viel mehr Dampf im Raum als normal und es war sehr heiß“, schilderte die Zeugin in der Verhandlung bei Jugendrichterin Kerstin von der Straten.

Die Seniorin habe halb liegend, halb sitzend an einer Wand gelehnt, die Pflegeassistentin habe die Bewohnerin im Stehen abgeduscht. „Ich rief: Das Wasser ist zu heiß“, erinnerte sich die Krankenschwester, „und dann habe ich versucht, ihr den Schlauch aus der Hand zu reißen“. Die Patientin habe die ganze Zeit geschrien, bereits kurze Zeit später hätten sich auf einer Seite ihres Körpers erste Rötungen gezeigt.

Anwältin Silke Willig (l.) verteidigt die angeklagte Natalie B. Quelle: Michael Zgoll

Natalie B. steht wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Sie hatte am Dienstag ausgesagt, die Bewohnerin des Laatzener Seniorenzentrums Mozartpark ganz normal eingeseift und gewaschen zu haben, bei einer verträglichen Wassertemperatur bis höchstens 38 Grad. Doch als normal, so die 50-jährige Zeugin, habe sie die Situation keineswegs empfunden. „Es sah so aus, als wenn die Kollegin die Wassertemperatur nicht überprüft hätte“, so die Krankenschwester, und „es hatte den Anschein, als wenn Natalie die Situation nicht beherrscht“. Als sie der Pflegeassistentin den Duschkopf entwand, so hatte die Ältere im Zuge einer früheren Aussage erklärt, habe sie das Gefühl gehabt, die Angeklagte „aus einem Traum zu reißen“. Die Seniorin wurde zeitnah ins Verbrennungszentrum der MHH gefahren, wo sie zwei Tage später starb. Sie hatte durch das Verbrühen Verbrennungen zweiten Grades erlitten, 30 Prozent ihrer Körperoberfläche waren betroffen.

Opfer schrie schon vorher

Das Opfer, so erklärte die 50-Jährige, sei keine einfache Bewohnerin gewesen. An schlechten Tagen habe die Rollstuhlfahrerin aus nichtigen Anlässen herumgeschrien, habe gegen Anziehen, Waschen und Essen rebelliert. Gelegentlich habe die Frau das Pflegepersonal oder andere Bewohner der Demenzstation im Heim Mozartpark auch geschlagen und gekniffen. Vor dem Verbrühen unter der Dusche, am frühen Abend des 26. Juli 2015, sei die Seniorin am ganzen Körper mit Kot beschmiert gewesen, habe aber lauthals ihren Unmut bekundet, ihre verschmutzten Kleidungsstücke auszuziehen. „Ich hatte das Gefühl, dass meine Kollegin wegen der Schreierei genervt war“, sagte die Krankenschwester aus. Ob die auf dem Boden der Dusche liegende Frau später wegen ihrer allgemeinen Unpässlichkeit oder wegen akuter Schmerzen aufgrund des heißen Wassers geschrien habe, könne sie nicht beurteilen.

Laut einer weiteren Zeugin, die 2015 im Mozartpark als leitende Pflegefachkraft arbeitete, hatte die 84-Jährige eine „starke Pergamenthaut“. „Sie neigte zu Hautablederungen und zog sich leicht Hämatome zu“, sagte die 32-Jährige. B.s Verteidigerin Silke Willig hatte zu bedenken gegeben, dass bei überempfindlicher Haut möglicherweise schon ein Duschen bei normalen Wassertemperaturen zu Verletzungen führen könne und dass ihrer Mandantin dies nicht mitgeteilt worden sei. Laut der Zeugin aus der Pflegedienstleitung gab es keine Anweisungen, Bewohner mit Pergamenthaut generell bei niedrigeren Temperaturen zu waschen: „Diese Einstellungen haben die Pflegekräfte ganz individuell vom Wohlbefinden der Bewohner abhängig gemacht.“

Der Prozess wird in knapp zwei Wochen fortgesetzt. Dann werden aller Voraussicht nach die vier geladenen Gutachter zu Wort kommen.

Von Michael Zgoll