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Aus der Stadt Sexismus-Vorwurf an der TiHo: Das ist der Hintergrund der Aktion
Hannover Aus der Stadt

Sexismus-Vorwurf an der TiHo in Hannover: Das ist die Vorgeschichte

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00:18 15.06.2019
Militärkluft, Marschschritt, anzügliche Sprüche: Dieses Bild aus einem Handyvideo zeigt die Aktion der Studenten. Quelle: privat/Screenshot/M
Hannover

 Wenn Heranwachsende feiern, dann wird schonmal über die Stränge geschlagen. Das ist bei den „Mottowochen“ der Abiturienten seit einigen Jahren so, wo sich die angehenden Absolventen des höchsten deutschen Schulabschlusses zuweilen grenzwertig bis obszön kleiden. Auch an Hannovers Tierärztlicher Hochschule (TiHo), einer der angesehensten Bildungseinrichtungen Europas für die Ausbildung von Tiermedizinern und Veterinären, geht es beim „Bergfest“ zur Studienmitte zuweilen burschikos zu. In diesem Jahr aber hat die Geschmacklosigkeit bei einem Auftritt der männlichen Sechstsemester Grenzen überschritten. „Das ist absolut indiskutabel“, bekräftigte TiHo-Sprecherin Sonja von Brethorst am Mittwoch.

Auftritt des Männerchors in Flecktarnhose, mit Fahnen und anzüglichen Sprüchen

Mit Flecktarnhosen, im Gleichschritt unter wehenden Fahnen schritten die Anfangzwanziger beim „Bergfest“ in den großen Vorlesungssaal der Pathologie am Bünteweg ein. Auf der Rückseite der eigens bedruckten T-Shirts prangte der anzügliche Spruch: „VETeran – we make TiHoes Vet again“, wobei „Hoes“ Schlampen meint und „Vet“ auf Veterinäre verweist, im englischen Kontext aber als „wet“ (feucht) verstanden wird. Womit die Bedeutung klar ist: Die angehenden männlichen Tiermediziner wollen die „Tiho-Schlampen“ mal wieder richtig feucht machen. In Verbindung mit dem militaristisch-martialischen Auftreten der Studenten verurteilte Hochschulpräsident Gerhard Greif den Vorfall unmissverständlich: „Die Aussagen in Wort, Kontext und Kostüm sind zutiefst unanständig, nationalistisch, militaristisch, menschenfeindlich und primitivst frauenverachtend.“

TiHo-Sexismusvorfall: Alles nur ein Missverständnis?

Die Initiatoren aber fühlen sich offenkundig missverstanden. Denn der Auftritt ist Teil eines Schlagabtausch, den sich beim „Bergfest“ alljährlich ein Frauen- und ein Männerchor aus dem sechsten Semester liefern. Mit veräppelnden, zuweilen auch anzüglichen Textpassagen wird das jeweils andere Geschlecht auf die Schippe genommen. „Das ist schon seit Jahren Teil des Rituals“, sagt TiHo-Sprecherin von Brethorst: „Aber die Kombination aus Sexismus und militärischem Auftreten in diesem Jahr überspannt eindeutig den Bogen – was eigentlich noch zu verharmlosend ausgedrückt ist.“

Kampf der Geschlechter? 2066 Studentinnen auf 364 Studenten an der TiHo Hannover

Fakt ist: An der TiHo herrscht ein eindeutiges Geschlechterverhältnis. Von den insgesamt 2430 Studenten, Doktoranden und Promotionsstudierenden sind 85 Prozent weiblich, entsprechend kommen also 2066 weibliche auf 364 männliche Studenten. Meint die männliche Minderheit, durch besonders männliches Auftreten Dominanz beweisen zu müssen? War am Ende alles nur „ein großer Spaß“, wie einige Kommentatoren im Internet schreiben? Tatsächlich zeigt ein Video der Veranstaltung lautes Gejohle im Hörsaal – auch von den Studentinnen. Es habe sich nur eine junge Frau über den Auftritt beschwert, und jetzt werde die gesamte Veranstaltung verurteilt, heißt es mehrfach bei den Internetkommentaren.

TiHo-Gleichstellungsbüro: „... damit es das in Zukunft nicht mehr gibt“

Dem widerspricht die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der TiHo, Beate Pöttmann, ausdrücklich. „Es war nicht nur eine Beschwerde“, sagt sie: „Wir hatten mehrere Beschwerden von Studierenden, die sich an dieser Art der Präsentation sehr gestört haben“. Auch sie hält die Art des Auftretens für „nicht akzeptabel“. Im Nachgang zu der Veranstaltung habe es bereits etliche Gespräche gegeben sowohl mit den Betroffenen wie auch mit den studentischen Gremien: „Wir wollen eine Sensibilisierung erreichen, damit es so etwas in Zukunft nicht mehr gibt.“

„Kein ausgeprägter Sexismus an der TiHo

Einen ausgeprägten Sexismus oder eine Häufung derartiger Vorfälle an Hannovers TiHo aber, das gebe es nicht, sagt Pöttmann. „Es gibt wie an jeder Hochschule immer einzelne Vorfälle, aber bei uns ist das in keiner Weise ausgeprägt.“ Auch Vermutungen, dass relativ mehr Frauen als Männer das Studium an der TiHo abbrächen, kann Hochschulsprecherin von Brethorst nicht bestätigen: „Wir erheben die Zahlen nicht nach Geschlecht – aber wir haben eine insgesamt sehr niedrige Abbrecherquote.“ Natürlich sei die Zahl an Frauen, die abbrechen, höher als die der Männer – bei 85 Prozent Anteil an Studierenden wäre alles andere erstaunlich. Von einem überproportional hohen Frauenanteil an der Abbrecherquote aber sei an der Hochschule nichts bekannt.

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11. Juni 2019: Sexistischer Auftritt: TiHo-Studenten sorgen für Eklat

12. Juni 2019: „Nicht würdig“ oder „ein großer Spaß“? Die Reaktionen aus dem Internet

Warum ist Hannovers TiHo eine Stiftungshochschule?

1778 gegründet, ist die Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) die älteste veterinärmedizinische Lehranstalt Deutschlands und genießt international einen herausragenden Ruf. Von den fünf Tierärztlichen Hochschulen Deutschlands ist sie zudem die einzige, die ihre Eigenständigkeit zurückerlangt hat: 2002 wurde sie im Zusammenhang mit einer Änderung des Hochschulrechts zur Stiftungshochschule, was ihr weitgehende Autarkie etwa bei der Berufung von Professoren oder im Baurecht gewährt.

Sechs Kliniken, 18 Institute, drei Fachgebiete und ein An-Institut gehören zur Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Sie verfügt zudem über drei Außenstellen: in Büsum das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung, eine in Ruthe im Süden Hannovers und eine in Bakum bei Vechta.

Hannovers Kurfürst Georg III. gab 1778 die Weisung, in Hannover die „Roßarzney-Schule“ zu gründen, die zunächst am Clevertor beheimatet war. 1887 wurde die Einrichtung als „Königliche Thierarzney Schule“ zur Hochschule, seit 1910 hat sie das Promotionsrecht, seit 1918 das Habilitationsrecht.

Von Conrad von Meding

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