Stadt Hannover bringt Roma-Familien jahrelang auf verseuchtem Grundstück unter
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Aus der Stadt Gutachten belegt: Kinder haben jahrelang auf verseuchtem Grundstück gespielt
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Stadt Hannover bringt Roma-Familien jahrelang auf verseuchtem Grundstück unter

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16:31 06.08.2020
Die grüne Idylle rund um den Burgweg 5 trügt. Der Boden ist mit Altlasten belastet, die laut einem Toxikologen vor allem für Kinder Gesundheitsrisiken bergen.
Die grüne Idylle rund um den Burgweg 5 trügt. Der Boden ist mit Altlasten belastet, die laut einem Toxikologen vor allem für Kinder Gesundheitsrisiken bergen. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Die Stadt Hannover hat obdachlose Roma-Familien jahrelang wissentlich auf einem mit Altlasten verseuchten Grundstück untergebracht. Es handelt sich dabei um die Notunterkunft in der ehemaligen Paul-Dohrmann-Schule im Stadtteil Burg, in der zuletzt 120 Armutszuwanderer, darunter 76 Kinder, lebten.

Besonders für die obdachlosen Kinder war diese Unterbringung offenbar hoch problematisch. Denn: Mehr als 60 Prozent der Flächen des Grundstücks sind laut einem von der Stadt selbst in Auftrag gegebenen Gutachten mit Schadstoffen oberhalb der gesetzlichen Grenzen belastet, vor allem mit Blick auf Wohnbebauung und Kinderspielflächen. Es handelt sich dabei hauptsächlich um sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), darunter vor allem Benzopyren, sowie Blei. Viele PAK werden als krebserregend eingestuft. Sie verändern das Erbgut, sind schädlich für Menschen und Umwelt. Das Gutachten liegt der HAZ vor.

Toxikologe: „Ich sehe eindeutig Gesundheitsrisiken für Kinder“

Die Stadtverwaltung kannte die Ergebnisse bereits im Februar 2014. Trotzdem eröffnete sie in der 2011 geschlossenen Paul-Dohrmann-Schule, einer früheren Förderschule, noch im selben Frühjahr eine Notunterkunft für bis zu 150 Menschen, darunter viele Kinder. Diese nutzten jahrelang täglich das gesamte Grundstück zum Spielen. Eine in dem Gutachten empfohlene Bodensanierung, insbesondere im Bereich der Kinderspielflächen, blieb bis heute aus. Der Toxikologe Hermann Kruse vom Institut für Toxikologie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel kritisiert das scharf. „Es handelt sich hier um erhebliche Überschreitungen der Grenzwerte bei krebserregenden Stoffen“, sagt er.

Schadstoffbelastet: Das 22 Hektar große Gelände rund um die ehemalige Paul-Dohrmann-Schule (untere Bildmitte, umringt von Bäumen und Schrebergärten). Quelle: Google Earth

Die HAZ hat Kruse das Gutachten für eine Einschätzung vorgelegt. Sowohl die Prüfwerte der bundesweit geltenden Bodenschutzverordnung als auch die noch strengeren Leitlinien der Stadt Hannover seien deutlich überschritten, sagt der Experte. In einem Fall liege die Belastung mit PAK fast um das Zwanzigfache höher, auch die Bleiwerte seien deutlich zu hoch. „Von der rechtlichen Seite besteht hier eindeutig Handlungsbedarf“, sagt der Umweltexperte.

Kurzfristig habe man mit dieser Situation vielleicht noch leben können. Letztlich hätten Kinder aber jahrelang auf einem mit krebserzeugenden Stoffen belasteten Boden gespielt und gebuddelt. „Das ist unverantwortbar“, sagt Kruse: „Ich sehe hier eindeutig Gesundheitsrisiken für die Kinder.“

Stadt bestreitet Gesundheitsgefährdung

Die Stadtverwaltung bestreitet dies – zunächst rein formal-juristisch. Die Bodenschutzwerte für Kinderspielflächen würden bei einer „vorübergehenden Nutzung eines Grundstücks als Obdachlosenunterkunft“ nicht gelten, sagt sie – selbst wenn das Gelände jahrelang von kinderreichen Familien bewohnt und bespielt wird. Die „Unterbringung von hilfebedürftigen Personen“ sei „unter den uns bekannten Sachverhalten ohne Einschränkung möglich gewesen“, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der HAZ.

Man habe in der ehemaligen Paul-Dohrmann-Schule die Prüfwerte für eine Wohnnutzung herangezogen. Diese würden laut Gutachten nicht überschritten. Auch hier halten Experten dagegen. „Die Stadt mag mit der Einordnung der Fläche als Wohnnutzung juristisch auf der sicheren Seite sein“, sagt Geografieprofessor Martin Sauerwein, der an der Uni Hildesheim zu Bodenschutz und Altlasten forscht. Faktisch hätten auf einem mit Altlasten kontaminierten Boden jahrelang Kinder gespielt, obwohl die gesetzlich festgelegten Prüfwerte der Bundesbodenschutzverordnung für Kinderspielflächen zum Teil eindeutig überschritten wurden. „Ich hätte zugunsten der Kinder eine andere Nutzung als die der Wohnnutzung zugrunde gelegt“, sagt Sauerwein.

Die Paul-Dohrmann-Schule wird zudem nicht vorübergehend, sondern fünf Jahre lang als Obdachlosenunterkunft genutzt. Erst Mitte 2019 wird sie geräumt. Die Roma-Familien werden in der neuen Unterkunft an der Podbielskistraße untergebracht.

Schadstoffbelastung wird öffentlich nie thematisiert

Dabei scheint der Stadt Hannover eigentlich ein schadstofffreier Boden für Kinder sehr am Herzen zu liegen. Bereits 2012 legte sie ein stadtweites Altlastenprogramm für Spielplätze, bespielbare Grünflächen und Bolzplätze auf, mit dem sie sicherstellen will, dass nirgendwo Kinder auf belasteten Flächen spielen. Sie ist sensibilisiert durch die Vorgänge am De-Haen-Platz, wo 2008 radioaktive Stoffe gefunden wurden. Dort, wo sie überschrittene Grenzwerte bei Schadstoffen findet, saniert sie, unter anderem 2018 im Spielpark List. Kinderspielflächen seien ein hohes Schutzgut, heißt es immer wieder.

Trümmerschutthaltige Altlasten wie im Burgweg 5 sind laut Stadt in Hannover weit verbreitet. Quelle: Samantha Franson

Dass zeitgleich Kinder von Armutszuwanderern am Burgweg 5 auf einem Boden spielen, der nachweislich den eigenen Standards nicht entspricht, thematisiert sie in den öffentlichen Unterlagen für die politischen Gremien der Stadt offenbar nie. Erst als die Stadt sich im September 2019 entschließt, das Grundstück zu vermarkten, taucht in der Ausschreibung ein Hinweis auf „künstliche Auffüllungen und Altablagerungen“ auf.

Warum macht sie diese Schadstoffbelastungen nicht früher bekannt? Für die untergebrachten Personen im Burgweg 5, einschließlich der Kinder, habe zu keinem Zeitpunkt eine Gesundheitsgefährdung bestanden, betont die Verwaltung. Trümmerschutthaltige Auffüllungen mit ähnlichen PAK- und Bleigehalten seien in Großstädten wie Hannover weit verbreitet.

Stadt ergreift bei Roma keinerlei Schutzmaßnahmen

Diese Einschätzung zieht jedoch nicht für jedermann die gleichen Konsequenzen nach sich. Im Fall der Roma-Kinder verzichtet die Stadt auf jeglichen Schutz: Absperrungen, Hinweisschilder, Informationen für die Bewohner über die Altlasten. Im Gegenteil: Die Stadt bewilligt 2017/18 sogar ein von der Lotto-Toto-Stiftung gefördertes Integrationsprojekt. Roma ernten auf einer Fläche von 900 Quadratmetern selbst angebaute Tomaten und Kartoffeln, kommen damit also direkt mit dem belasteten Boden in Kontakt. Die Tomaten seien in Töpfen gepflanzt worden, heißt es vonseiten der Verwaltung. Der Kartoffelanbau auf einem Beet sei auf 2018 begrenzt gewesen; eine Gesundheitsgefährdung könne bei einer so kurzen Nutzungsdauer angesichts der relativ geringen PAK-Gehalte im Oberboden ausgeschlossen werden.

Neuer Pächter plant private Schule – und muss Schutzmaßnahmen beachten

Mit dem mutmaßlichen künftigen Pächter des Grundstücks, dem Verein Transition Town, geht man offenbar ganz anders um. Derzeit nutzt der Verein das Gelände als Zentrum für Klimaschutzaktivitäten. Vorstandsmitglied Thomas Köhler möchte im Burgweg 5 aber ein sogenanntes Suffizienz-Zentrum mit überregionaler Strahlkraft errichten. Auch eine private Schule ähnlich einer Waldorf- oder Montessori- Schule soll laut dem Konzept entstehen, mit dem Transition Town die städtische Ausschreibung für die künftige Nutzung gewonnen hat. Kinder sollen ihre Lernprozesse in der „Burg“ in Eigenverantwortung organisieren. Dazu gehört auch, dass sie Gemüse anbauen und dieses in der Schulküche zubereiten.

Thomas Köhler und Ulrike Anders von Transition Town wollen eine private Schule am Burgweg 5 eröffnen. Quelle: Christian Behrens

Eine solche Schule sei „eine sensible Nutzung“, für die man im Pachtvertrag vorsorglich Sicherungsmaßnahmen vereinbaren werde, heißt es vonseiten der Stadt. Auf bestimmten schadstoffbelasteten Teilflächen solle „eine dichte Rasendecke oder eine Überdeckung mit Rindenmulch oder Ähnlichem sichergestellt werden, um einen intensiven, dauerhaften Kontakt von Menschen mit dem Boden zu unterbinden“. Eine gärtnerische Nutzung solle vorsorglich auf unbelastete Teilflächen und Hochbeete beschränkt werden.

Falls der Pächter künftig größere Umgestaltungen wie die Anlage von Beeten vornehme, denkt die Stadt sogar über eine Kostenbeteiligung nach. Die Entsorgung von unzulässigen Bodenkontaminationen werde bei Grundstücksveräußerungen erstattet, damit „ein gesundes und sicheres Arbeiten und Leben sichergestellt ist“, heißt es. Bei den Roma-Kindern setzt die Stadt offenbar andere Kriterien an.

Von Jutta Rinas