Stadtspaziergang: Literaturstar Fernando Aramburu zeigt sein Hannover
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Aus der Stadt Literatur-Star Fernando Aramburu zeigt sein Hannover
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Stadtspaziergang: Literaturstar Fernando Aramburu zeigt sein Hannover

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09:38 26.08.2019
Stadtspaziergang am Kröpcke mit Fernando Aramburu: Er wünscht sich, dass Hannover Kulturhauptstadt wird. Quelle: Villegas
Hannover

Fernando Aramburu kann sich noch gut an den Tag erinnern, der seinem Leben eine Wende gab. Ein Oktobermorgen 1982 gegen zehn Uhr, als eine hübsche deutsche Austauschstudentin vor der Tür seiner Wohngemeinschaft in Saragossa steht. Sie muss ihm sofort sehr gefallen haben, so viel ist klar. Aramburu lächelt verlegen, will den Eindruck korrigieren, es sei damals rein um äußere Anziehungskraft gegangen. „Es hat schon ein bisschen gedauert, bis wir uns kennengelernt haben und zusammengekommen sind.“

Dieser Studentin, Gabriele, folgt der junge Literaturwissenschaftler kurz nach seinem Studium nach Hannover. Mehr als 30 Jahre hat Aramburu unter dem Radar der Öffentlichkeit in der Stadt gelebt. Das ändert sich nun langsam, seit sein Bestseller „Patria“ 2018 auch auf Deutsch erschienen ist. Im Zooviertel sprechen ihn Unbekannte auf der Straße an. Bei Hugendubel hat ihn kürzlich ein Buchhändler gleich am Eingang abgefangen, um den Roman zu loben. Zurückhaltend berichtet der Schriftsteller von diesen Begegnungen. In Spanien, wo sein Bekanntheitsgrad höher ist, wird ihm die Aufmerksamkeit manchmal zu viel. Hier hat er nun literarisch interessierte Nachbarn kennengelernt. „Die Leute sind wirklich nett“, erzählt er.

Flanieren in der City

Fernando Aramburu liebt das Flanieren in der Innenstadt. Quelle: Villegas

Aramburu, ergrauter, akkurat gestutzter Vollbart, sonore Stimme, hat sich auch im Deutschen seinen spanischen Tonfall bewahrt. Vom Zooviertel, wo er seit drei Jahren mit seiner Frau Gabriele lebt, ist der 60-Jährige zu Fuß in bequemen Sneakern zum Opernhaus gekommen. Die Runde über Kröpcke und Hauptbahnhof geht er regelmäßig, ganz gerne auch mit seinem Hund, einem kleinen Havaneser. „Der soll auch was erleben. Und ich gehe ganz gemütlich.“ Gut gelaunt plaudernd schlendert der Literat am Mövenpick vorbei, wo er sonst gelegentlich mit seiner Ehefrau einen Rotwein genießt.

In „Patria“ schildert der Autor, wie zwei Ehepaare, einst eng befreundet, sich durch den ETA-Terrorismus entfremden. Unter dem Diktat der vermeintlichen Befreiungsbewegung werden aus Nachbarn Täter, Mitwisser und Opfer. Der Roman erzählt aus wechselnder Perspektive und über einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten, wie die Erwachsenen und ihre heranwachsenden Kinder Gewalt und Konformitätsdruck erleben. In Spanien gehört das Buch mit mehr als 800.000 verkauften Exemplaren seit 2016 zu den erfolgreichsten literarischen Titeln. Bisher ist es in 32 Sprachen übersetzt.

Zu seiner geliebten Runde zu Hause in Hannover kommt der Literaturstar seitdem kaum noch. Der Erfolg will befeuert werden mit Lesereisen und Interviews. Klagenfurt und Malaga, Israel und Argentinien. Aramburu jammert ein wenig, denn für sein neues Romanprojekt fehlt ihm die Ruhe. „Ich bin ständig unterwegs. Ich sehe den Sinn der Sache, nur bei mir dauert das schon drei Jahre und nimmt kein Ende. Aber nach diesem Sommer mache ich Schluss.“

Aramburu wünscht sich die Kulturhauptstadt

Nun stoppt er am Kröpcke und erklärt: „Ich würde mich freuen, wenn Hannover Kulturhauptstadt wird. Das wünsche ich mir sehr.“ Der Mann aus San Sebastian hat erlebt, wie der Titel Kulturhauptstadt seiner baskischen Heimatstadt 2016 einen großen Schub verliehen hat. Für Hannover erhofft er sich das nun auch.

Mehr als sein halbes Leben hat der 60-Jährige inzwischen in der Stadt verbracht und entpuppt sich als Lokalpatriot. „Hannover ist ein Teil von mir. Ich fühle mich alles andere als fremd.“ Sticheleien über das vermeintlich graue Hannover ärgern Aramburu. Aus seiner Sicht ist es eine Stadt mit einer idealen Größe, übersichtlich und entspannt.

Vor Kurzem hat der Schriftsteller ein spanisches Fernsehteam durch die Stadt geführt, Eilenriede und Altstadt gezeigt. Natürlich ging es um ihn und seinen Erfolgsroman. Am Ende diente Hannover aber auch als Kulisse für eine ganze Sendung über Bücher. Aramburu erzählt ganz begeistert davon. Die spanischen Medienleute zeigten sich offenbar angemessen angetan von seiner Wahlheimat.

Hannover als Ort für ein neues Leben

Im Hauptbahnhof kauft Fernando Aramburu regelmäßig spanische Tageszeitungen. Quelle: Villegas

Die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, ist Aramburu damals leicht gefallen. Ein langhaariger 24-Jähriger, der neugierig auf die Welt ist und seine Gabriele nicht verlieren will. „Ich war frei und habe nicht lange überlegt.“ Diese Liebe eröffnete dem jungen Basken zugleich die Chance auf ein anderes Leben – jenseits von Bombenterror und Geiselnahmen. Der Literaturwissenschaftler lässt die geplante Doktorarbeit sausen und folgt seiner Freundin nach Deutschland. Auf der ersten Zugfahrt paukt er, der damals kein Wort Deutsch spricht, 250 Vokabeln. Nur um dann festzustellen, dass alles umsonst war. Er weiß nicht, wie die Wörter auszusprechen sind. Er lernt die Sprache dann schnell und es begeistert ihn, dass er Kafka, Böll, Thomas Mann im Original lesen kann.

In „Patria“ lässt Aramburu eine Romanfigur ähnliches erleben, eine junge Frau reist einem deutschen Studenten hinterher. Doch im Roman scheitert der Ausbruch aus der bleiernen baskischen Wirklichkeit. Der Autor selbst kehrt dem Baskenland den Rücken, will neue Erfahrungen machen. „Ich bin stolz auf den Jungen, der ich war. Das Gegenteil von dem, was die Fanatiker verlangten: sich abkapseln, die Heimatsprache sprechen, uniformiert denken.“

In Bothfeld entsteht der Erfolgsroman

Der Anfang in Deutschland ist dennoch nicht ganz leicht. Aramburu ist froh, dass er als Spanischlehrer Kindern muttersprachlichen Unterricht geben darf, arbeitet viele Jahre unter der Woche in Lippstadt bei Soest in Nordrhein-Westfalen. Seine Frau unterrichtet als Lehrerin an der Sophienschule, er verfasst Gedichte, später Romane, Kurzgeschichten und auch Artikel in spanischen Zeitungen. Erst 2009, mit 50, entscheidet er sich ganz fürs Schreiben.

Aramburu berichtet freimütig über sein Leben. In Gabriele findet er eine Vertraute fürs Leben. Mit seiner Frau hat der Schriftsteller in der Nordstadt gelebt, in Groß-Buchholz und am längsten in Bothfeld. In dem Haus, in dem die beiden Töchter aufwuchsen, ist von 2013 bis 2016 der Roman über den schmerzhaften baskischen Konflikt entstanden. „,Patria‘ war seit vielen Jahren in meinem Kopf. Es kam aber auf die Struktur und vor allem den richtigen Ton an.“

Der Schriftsteller kannte in seiner Heimat einige, die selbst Terror und Gewalt anwandten. Er erlebte, wie viele andere Empathie und Mitleid für die Opfer verlieren. Diese Erfahrungen haben ihn nicht mehr losgelassen. „Die Leute entwickeln Überlebensstrategien, sie glauben nicht an die Idee, aber machen mit, damit sie ihre Ruhe haben. Dieses Verhalten ist sehr menschlich.“

Nostalgie in der Kakaostube

Die Holländische Kakaostube ist für Fernando Aramburu ein Ort der Erinnerungen. Quelle: Villegas

Aramburu durchquert den Hauptbahnhof, wo er sich fast täglich mit „El Pais“ versorgt. Der Fußballfan hat eine Weile für die renommierte Tageszeitung Essays über deutschen Fußball verfasst. Seine Romane wurzeln aber weiter meist in seinem Heimatland, er schreibt in seiner Muttersprache. Spanische Medien sind daher wichtig, sie halten ihn auf dem Laufenden. Beim Schreiben hilft ihm aber der – auch räumliche – Abstand zum Geschehen. „Ich verdanke Hannover diese Distanz.“

Auf dem Rückweg macht der Romanautor Stopp an der Holländische Kakaostube. Für Aramburu und noch mehr für seine Frau Gabriele ist das Traditionscafé ein Ort der Erinnerungen. „Städte brauchen solche alten Orte mit Geschichte, sie verlieren sonst ihre Einzigartigkeit. Und wir brauchen sie, weil sie uns mit einer anderen Zeit verbinden und mit Menschen, die wir kannten.“

Schriftsteller Fernando Aramburu zeigt sein Hannover.

Lesung und Film

Nach dem Welterfolg „Patria“ ist in Deutschland von Fernando Aramburu inzwischen auch „Langsame Jahre“ erschienen. Ein Vorläuferbuch für „Patria“, das in kürzerer Form ebenfalls um den baskischen Konflikt kreist. Aramburu erzählt darin aus der Sicht eines Jungen, wie der ältere bewunderte Cousin langsam in den Untergrund abdriftet.

Im Literaturhaus Hannover spricht NDR-Kulturredakteur Joachim Dicks am 30. September um 19.30 Uhr mit Fernando Aramburu über „Langsame Jahre“. Schauspieler Sebastian Weiss liest bei der Veranstaltung in der Sophienstraße 2 Auszüge aus der deutschen Ausgabe. Der Eintritt kostet 12 Euro (ermäßigt 6 Euro).

Den Roman „Patria“ lässt der Sender HBO in Spanien verfilmen. Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler stammen aus dem Baskenland. Die achtteilige Serie ist fast beendet und wird auch in Deutschland zu sehen sein.

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Januar 2018: Der lange Schatten des Terrors

April 2018: Fernando Aramburu spricht auf Einladung des Literaturhauses Hannover über den Terror im Baskenland

Nach dem Erscheinen der HAZ am Sonnabend hat Aramburu die Zeitung mit seinem Bild auf dem Titel für Twitter fotografiert. Sein spanischer Kommentar lautet sinngemäß: „Sprachlos. Diesen Sonnabend bin ich auf dem Cover der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.“ Hier der Tweet:

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