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Aus der Stadt Aidshilfe-Vorsitzender Bernd Weste verabschiedet sich
Hannover Aus der Stadt

Stadtspaziergang in Hannover: Aidshilfe-Vorsitzender Bernd Weste verabschiedet sich 

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11:58 29.11.2019
„Wir haben eine Menge erreicht“: Bernd Weste zeigt Infomaterial zum Thema Aids. Quelle: Irving Villegas
Hannover

Er wusste nichts über diese Krankheit. Gelesen hatte er, dass sie in wenigen Monaten zum Tod führt und Homosexuelle betroffen sind. Aber das war alles weit weg. In den USA, hörte man, starben immer mehr Menschen daran. Aber hier doch nicht. Dann saß Bernd Weste am Krankenbett eines Freundes, um ihn in seinen letzten Stunden zu begleiten. „Er hatte mich angerufen, ich dachte, er hätte Krebs“, erinnert sich Weste. Doch der Freund hatte Aids.

Panikattacke am Krankenbett

„Ich bin in Panik geraten und zum Waschbecken gestürmt, minutenlang habe ich mir die Hände mit Seife abgeschrubbt, weil ich ihn berührt hatte“, berichtet Weste. 35 Jahre liegt dieses Erlebnis zurück. „Ich wusste damals einfach nicht, dass man sich auf diese Weise gar nicht anstecken kann. Hinzu kam die furchtbare Angst, dass ich mich als Homosexueller ohnehin bereits infiziert haben könnte“, sagt der heute 69-Jährige, der seit 28 Jahren die Hannöversche Aidshilfe leitet. Jenen Verein, der ihm einst aus seiner Not geholfen hatte und dem er noch im Gründungsjahr 1984 beigetreten ist. „Nach meiner Panikattacke habe ich dort Verständnis, Rat und Hilfe bekommen.“ Es gab Entwarnung, ein Aidstest fiel negativ aus. „Da habe ich mich entschieden, auch meine Hilfe an andere weiterzugeben“.

Bernd Weste vor dem Eingang der Beratungsstelle der Aidshilfe in der Langen Laube. Quelle: Irving Villegas

Weste steht im Beratungsraum der Aidshilfe in dem Haus an der Langen Laube 14, in dem er seit Jahren ein- und ausgeht. Eine ganze Wand bedeckt das Regal mit Flyern und Broschüren, in denen über die Immunschwäche aufgeklärt wird. „Es hat sich viel getan, und wir haben viel erreicht“, sagt er zufrieden. Dass Aids heute zwar nicht heilbar, aber „extrem gut behandelbar“ ist, sei ein großer medizinischer Erfolg. Auch die Akzeptanz in der Gesellschaft sei stetig gewachsen. Weste fällt eine Begebenheit aus den frühen Neunzigerjahren ein: Einem Kellner, der HIV-positiv war, hatte der Arbeitgeber fristlos gekündigt, weil er um die Gesundheit der Gäste fürchtete. „Das wäre heute nicht mehr denkbar, wohl selbst auf dem platten Land nicht.“

Aids ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

Gerade in Hannover gelte für den Umgang mit Aids: „Das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Dazu haben auch die von Weste initiierten Großveranstaltungen mit viel Prominenz beigetragen. Alle zwei Jahre organisiert der Netzwerker eine Benefiz-Gala für die Aidshilfe – im Wechsel im Opernhaus, im Theater am Aegi oder im NDR-Funkhaus –, bei der bekannte Gäste wie Schauspielerin Judy Winter („mit ihr bin ich gut befreundet, wir telefonieren jeden Sonntag um 11 Uhr“) oder Lilo Wanders zugegen sind. Auch Sängerin Angelika Milster oder Schauspieler Dominique Horwitz hat Weste, der für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, schon für seine Sache gewinnen können.

Bernd Weste beim Stadtspaziergang mit HAZ-Redakteurin Juliane Kaune. Quelle: Irving Villegas

Der kleine und flinke 69-Jährige, von Haus aus Justizbeamter, wirkt mit seiner korrekt gescheitelten Frisur, der braungebrannten Haut und seinem edel-klassischen Mantel nicht gerade wie jemand, den man in einer Aids-Beratungsstelle vermuten würde – eher bei einem Herrenausstatter. Weste schmunzelt. „Das weiß ich“, sagt er. „Aber damit gab es nie Probleme in unserem Team – jeder ist so, wie er eben ist.“ Und er steht dazu, dass er in Bezug auf sein Äußeres durchaus eitel ist.

Bernd Weste schaut sich Aktenmappen bei Horstmann & Sander an. Quelle: Irving Villegas

Ein Faible für Aktenmappen

Beim Spaziergang durch den Nieselregen in der City bleibt er vor dem Schaufenster von Horstmann & Sander stehen. „Ich habe ein Faible für Dokumentenmappen und Aktentaschen“, verrät Weste. „Da nehme ich immer eine mit, die zu meinem jeweiligen Outfit passt.“ In sein Lieblingslokal Rotonda in der noblen Kröpcke-Passage, wo er oft zu Mittag isst, passt er rein äußerlich perfekt. Auch das Restaurant Mary's im Hotel Luisenhof gehört zu seinen bevorzugten Orten. Immer wieder grüßt er im Vorbeigehen die Menschen, die ihm entgegenkommen. Man kennt ihn in der Stadt.

Bernd Weste in seinem Lieblingsrestaurant Rotonda. Quelle: Irving Villegas

Seit 27 Jahren mit festem Partner

Die eigene Kindheit war wenig luxuriös. Im Waisenhaus von Berlin-Teltow aufgewachsen, kam Weste mit elf Jahren zu Adoptiveltern in Wolfenbüttel. „Meine Eltern hatten sich gewünscht, dass ich ihren Bauernhof übernehme. Aber da musste ich sie enttäuschen.“ Er hatte andere berufliche Pläne – und outete sich mit 18 Jahren als schwul. Auch das akzeptierten die Eltern. Westes Vater, der 98 Jahre alt wurde, kam selbst im hohen Alter noch mit Begeisterung zu den Galas, die der Sohn veranstaltete. Familie und feste Bindungen waren Weste immer wichtig. Mit seinem Mann Frank Hackbarth, einem 52-jährigen Zahntechniker, ist er seit 27 Jahren zusammen und seit 2007 verheiratet.

Zum 1. Dezember übergibt Weste sein Amt bei der Aidshilfe an seinen Vorstandskollegen Karsten Pilz. „Nach 35 Jahren ist das ein guter Zeitpunkt“, meint er. Als Netzwerker will er für den Verein aber weiter wirken, auch die Benefiz-Galas führt er fort. Prävention und Aufklärung zum Thema Aids blieben weiter wichtig, betont er. „Gerade junge Leute gehen heute wieder sehr sorglos damit um.“ Rund 2400 Menschen haben sich im vergangenen Jahr neu mit Aids infiziert, bundesweit leben etwa 90.000 mit der Krankheit.

Geburtstagsgala mit Helen Schneider

Das Datum ist bewusst gewählt: Am Welt-Aids-Tag am 1. Dezember lädt die Hannöversche Aidshilfe zu einer Benefizgala ins Opernhaus ein. Zugleich feiert der Verein damit sein 35-jähriges Bestehen und verabschiedet seinen Vorsitzenden Bernd Weste.

Auf die Gäste wartet ein üppiges Musikprogramm. Die bekannte US-amerikanische Sängerin Helen Schneider wird dabei sein, auch Gastauftritte von Chansonnier Tim Fischer und Star-Bass Albert Pesendorfer sind vorgesehen. Zudem stehen Solisten der Staatsoper wie Long Long, Hailey Clark und Mercedes Arcuri auf der Bühne, begleitet vom Niedersächsischen Staatsorchester. Auch das Ballett der Staatsoper ist dabei. Moderiert wird der Abend von Ensemblemitglied Steffen Groth und Operndramaturg Martin Mutschler. Schirmherr der Veranstaltung ist Ministerpräsident Stephan Weil. Die Gala beginnt am Sonntag, 1. Dezember, um 18.30 Uhr in der Oper. Karten kosten zwischen 25 und 95 Euro.

Die Hannöversche Aidshilfe ist als Verein organisiert, hat fünf hauptamtliche Mitarbeiter und einen ehrenamtlichen Vorstand, zu dem Ärzte und ein Jurist gehören. Zudem wird das Team von 40 ehrenamtlichen, geschulten Beratern unterstützt. Der Verein erhält Zuschüsse vom Land Niedersachsen und von der Region Hannover, hinzu kommen Spenden.

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